Foto: Mohammad Faruque – unsplash

Bye-bye Wonderbra!

Warum ich seit drei Jahren keine BHs mehr trage.

 

Rundbrüstig, wohldekolletiert, nippellos

In meiner Familie stehe ich, was die Obenrum-Verteilung angeht, ganz klar am unteren Ende der Körbchengrößenkette. Als sich die Freuden der pubertätsbedingten Körperveränderungen bei mir einstellten, hatten meine beiden sieben und zehn Jahre älteren Schwestern ihre Brüste bereits mit zahlreichen Flüchen belegt. Aber es half nix: Während ich jahrelang bei Bienenstichgröße herumdümpelte, sprengten sie schon Doppel D. Für die beiden war also gesetzt: Die Kleinste braucht einen BH. 

Zu meinem zwölften Geburtstag durfte ich mir im Unterwäschefachgeschäft ein Set von BeeDees aussuchen, schwarze Baumwolle, keine Bügel, alles ganz züchtig. Ich trug das Ding mit Stolz, die Träger immer schön sichtbar unterm Top, schließlich war ich jetzt erwachsen, ich hatte ja Brüste! Wenn ich mich allerdings umschaute, umgaben mich gefühlt nur wohlgeformte, ballrunde Wundertittis unter den Shirts meiner Jahrgangskolleginnen. Wie machten die das bloß? Die Bravo Girl lieferte Antworten: Push-up war das Zauberwort! Eine Pilgerfahrt zu H&M später knüpfte ich mir das gut gepolsterte Spitzenteil um und war fortan: rundbrüstig, wohldekolletiert, nippellos.

Gibt’s die auch in bequem?

Und so blieb das, bis vor drei Jahren. Es kam nicht über mich wie ein Geistesblitz oder eine Reaktion auf die Repressionen des Patriarchats – es war vielmehr ein Gefühl, eine Frage: Warum eigentlich brauche ich, mit absoluten Durchschnittmöpsen gesegnet, die weder übermäßig hängen, noch stehen oder nerven, eigentlich Unterstützung? Weshalb schnüre ich mir den Brustkorb ab? Denn mal ehrlich: So richtig angenehm sitzt selbst das von der Fachfrau aufgeschwatzte Exemplar für 100 Euro nie. Warum lebe mit Druckstellen an Rücken, Schultern und sonst wo, ärgere mich über verdrehte Bügel, pilende Cups und frage mich heute noch, wie oft so ein Büstenhalter denn nun WIRKLICH in die Waschmaschine gehört?

Die Antwort war ganz einfach: Weil das Tragen eines BHs für Frauen nun mal dazugehört. Und irgendwann fühlen wir uns unwohl, wenn wir keinen tragen außerhalb der eigenen vier Wände. 

Wie kommt das? 

Der BH ist im Laufe der Zeit so etwas wie ein Schutzschild geworden, ein magischer Vorhang zwischen der Brustbesitzerin und den fremden Blicken auf der anderen Seite des Stoffs. Meine Neugierde jedoch riet mir: Probier mal aus, was es mit dir macht, wenn du den Vorhang lüftest. Am ersten Tag fühlte ich mich, als würde ich allen ins Gesicht schreien: „Seht her, ich bin nackt unter meiner Kleidung. NACKT!“ Nach einer halben Woche ertappte ich mich dabei, wie ich an etwas anderes dachte als an das, was andere von meinem Obenrum denken könnten. Nach einem Monat spürte ich keine Phantom-BH-Träger mehr, die ich gedankenlos an ihren Platz schieben wollte. 

Ich gehe seitdem aufrechter durch die Welt. Schultern weg von den Ohren, Brustbein raus, Scheitel nach oben ziehen! Meine Orthopädin ist stolz auf mich. Meine Brüste führen nun so etwas wie ein Eigenleben. Sie verändern sich deutlicher mit meinem Zyklus als es zu BH-Zeiten war und ich schenke ihnen auch deshalb mehr Aufmerksamkeit, Pflege, Berührungen. Taste häufiger ab, ob alles okay ist. Es steht, im wahrsten Sinne des Wortes weniger zwischen uns. Bisher musste ich sie auch nur ein, zwei Mal mit einem Fluch belegen (Stichwort: altersbedingte Schwerkraft). Ich atme befreiter, kein Witz. Und schwitze an Stellen, die sonst mit saugfähigem Stoff bedeckt waren. 

Mein Freund vermisst manchmal den Weihnachtsgeschenke-Moment beim Auspacken. Dafür findet er es großartig, wenn er mich dabei ertappt, wie ich da unten mit den Händen nach dem Rechten schaue, ohne es zu bemerken. Neulich habe ich ihn gefragt, ob er sich die Wonderbras zurückwünscht. Ich solle es so machen, wie ich mich wohlfühle, hat er geantwortet. Ganz kurz habe ich in mich hineingehorcht, an mir herabgesehen und festgestellt: passt schon. 

Ich habe meine BHs nicht verbrannt, nein. Sie liegen wie immer in der Unterwäsche-Schublade und werden in seltenen Momenten noch mal kurz in Erwägung gezogen. An Bad-Breast-Days (oh ja, die gibt’s wirklich) oder wenn das Abendkleid sagt: „Eigentlich wäre ein Push-Up hier drunter ganz geil!“ Zwei, drei Mal habe ich es versucht, aber es geht nicht mehr. Neben den Scheuermalen an bisher ungeahnten Stellen schleicht sich auch sowas wie ein Gefühl von Verrat an meinen Brüsten ein. Wer einmal die Freiheit genossen hat, kehrt freiwillig nicht mehr in den Käfig zurück. 

Ladys, so schnell pack ich euch nicht wieder ein! 

Hang loose – Das solltet ihr noch wissen: 

Nippelweh

Wer schon mal das Vergnügen mit einem vollsynthetischen, zu großen Fehlkauf-BH hatte, der kennt das: Reibung erzeugt ganz, ganz mieses Nippelweh! Hier hilft Kokosöl, damit es erst garnicht so weit kommt oder ruckzuck vorbeigeht – und ganz fix hat man quasi Hornhaut auf den Brustwarzen und ist stahlhart wie Wonderwoman! 

Joggen & Co. 

Auch hier: Thema Schwerkraft. Auf- und Abhüpfen schaffen die kleinsten Brüste, ein Funktionstop mit eingearbeitetem Bustier mit elastischem Bündchen federt das gekonnt ab. 

Neckische Sommertops 

Ja, hier gehört Mut dazu. Wer nicht gerade auf Side-Boobing steht, zieht einfach ein blickdichtes Jersey-Top drunter und perfektioniert den Zwei-Lagen-Look.

Körbchengröße C und aufwärts 

Hab ich nicht, kann ich nicht beurteilen. Jede kann für sich selbst ausprobieren, was geht und was nicht – ich bin gespannt! Zum Glück gibt es aber mittlerweile für Frauen aller Größen tolle No-Feel-BHs wie zum Beispiel die von „Neon Moon“. Fast wie ohne, hab‘ ich mir sagen lassen.

Mehr bei EDITION F

Meine Brüste und ich – (K)eine Liebesbeziehung. Weiterlesen

Hängende Brüste? Im Gegenteil: Stillen hat mein Körpergefühl verbessert. Weiterlesen

Arschkarte Busen. Weiterlesen

Anzeige

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.