Foto: Arthur Mouratidis I CC BY-SA 2.0

Körperwahn – warum auch der Druck auf Profi-Sportlerinnen steigt

Im Profi-Skisport sind es fast ausschließlich Frauen, die sich mit ihrem Körperbild auseinandersetzen müssen – heizt die Explosion von Social Media die Fokussierung auf Äußerlichkeiten weiter an?

 

Immenser Druck auf die Sportlerinnen

Der
Profi- Skisport ist eine der wenigen Sportarten, in denen Frauen
genauso viel Aufmerksamkeit bekommen wie ihre männlichen Kollegen.
Doch wie so oft sind es auch hier ausschließlich die Frauen, die
sich mit der Außenwahrnehmung ihrer Körper auseinandersetzen
müssen. Christina Macfarlane, Sport-Korrespondentin bei CNN International und dort Moderatorin der Sendung „Alpine Edge“, schreibt über den Druck, dem die Sportlerinnen ausgesetzt sind:

Das Leben
von Skirennfahrerinnen ist hart. Auf der einen Seite stehen sie unter
Erfolgsdruck, auf der anderen Seite müssen sie täglich hart an
ihrem Körper arbeiten, damit dieser letztendlich so geschnitzt ist,
dass er die anstrengenden Rennen gewinnt. Und dann gibt es da noch
den Druck, gut aussehen zu müssen – vor allem wenn man eine der
berühmtesten Skirennläuferinnen der Welt ist. „Ich bin einfach
kräftiger, ich bin ein kräftiges Mädchen… Damit bin ich immer
selbstsicher umgegangen“, erzählte mir Lindsey Vonn kürzlich in
unserem Interview mit ihr für die CNN Skisportsendung Alpine Edge.
„Auf den roten Teppichen kommt es mir immer so vor, als würde ich
eine Rolle spielen, so als wäre ich als mein Alter Ego verkleidet.
Im wirklichen Leben bin ich eher schüchtern und nicht sehr
selbstbewusst, was irgendwie komisch ist.“

Das ist ein
überraschendes Geständnis von Lindsey Vonn und es mag irgendwie
nicht so richtig in das Bild, das wir von ihr haben, passen. Während
unserer Interviews war sie stets überschwänglich. Allerdings werden
Körperprobleme von Sportlerinnen auch nicht wirklich häufig in der
Presse thematisiert – vor allem nicht während des Skiweltcups. Und
vielleicht ist das auch gut so. Denn Skisport ist eine der wenigen
Sportarten, in denen Frauen genauso viel Aufmerksamkeit bekommen wie
ihre männlichen Kollegen. Man kann sogar sagen, dass die Frauen in
den vergangenen Jahren mehr im Rampenlicht standen als männliche
Skisportler: Tina Maze hatte zum Beispiel 2013 ein Rekordjahr hinter
sich gebracht, Mikaela Shiffrin wurde die jüngste
Slalom-Olympiasiegerin und neuerdings wurde Lindsey Vonn zur
erfolgreichsten Skirennfahrerin der Geschichte gekürt.

Wenn Sponsorenverträge nicht von der Leistung abhängen

Also wieso
sollte man diese Leistungen mildern, indem man über Figurprobleme
spricht? Allerdings ist das vor allem im Frauensport nicht so
einfach. Resi Stiegler fährt seitdem sie 15 Jahre alt ist für das
US-Team Skirennen. Schon als sie damit begonnen hat, war sie über
den Körperbau der Skirennfahrerinnen erstaunt. Sie fasst es so
zusammen: „Wir sind viel kräftiger
als Frauen, die anderen Sportarten nachgehen. Es hat einige Zeit
gedauert, bis ich das akzeptieren konnte.“ Stiegler fügt aber auch
hinzu, dass das nur ein Nebeneffekt eines noch größeren Problems in
der Sportindustrie ist. „Beim Skirennen haben wir Glück. Wenn man
erfolgreich ist, dann bedeutet das, dass man Sponsorenverträge
erhält. Ich habe Freunde aus anderen Skisport-Disziplinen wie dem
Freeskiing wo das nicht so einfach ist. Sie können die Nummer Eins
und unglaublich talentierte Athleten sein… aber am Ende bekommt das
blonde, gutaussehende Mädchen, das nicht einmal bei internationalen
Wettkämpfen antritt, den Sponsorenvertrag.“ Dieses Thema
beschäftigt Stiegler sehr. Sie ist der Meinung, dass die
Sportführungsriege mehr tun muss: „Man muss sich manchmal
verstellen, um erfolgreich zu sein. Das verstehe ich bis zu einem
gewissen Grad – es ist Teil des Jobs… Allerdings muss sich unsere
Branche für Frauen einsetzen, für allem für diejenigen, die sich
ihren Platz tatsächlich durch ihre sportlichen Leistungen erarbeitet
haben.“

Wir sind stolz auf unsere Körper

Die
Explosion von Social-Media-Plattformen hat für viele Athleten einige
Veränderungen mit sich gebracht. Einige behaupten, dass sich das von
Stiegler beschriebene Problem dadurch nur noch potenziert habe. Denn
auf den Plattformen gehe es schließlich auch immer nur um das Äußere
der Athletinnen. Andere behaupten, dass diese Plattformen gut seien,
da die Sportlerinnen so direkt mit ihren Fans kommunizieren könnten
– und somit Kontrolle über ihr Bild nach außen behielten. Die
Schweizer Weltcup Skifahrerin Lara Gut hat kürzlich eine fieberhafte
Diskussion um ein Bild, das sie von sich gepostet hat, ausgelöst.
Darauf ist sie lediglich mit einem Shirt bekleidet auf ihrem Balkon
zu sehen. Die Unterschrift des Bildes: „Sei glücklich, damit
andere, die dich anschauen, ebenfalls glücklich werden!“ Das Bild
wurde 31.600-mal auf Facebook geliked. Gut sagt, sie habe keine
Hemmungen, den Körper, für den sie so hart gearbeitet hat, zu
zeigen. „Wir können Social Media nutzen, um zu zeigen, wie wir sind. Für mich ist es wichtig, dass meine
Beine für den Skisport gut trainiert sind und nicht damit sie auf
Instagram gut aussehen. Allerdings ist es auch so, dass ein gesunder
Körper gut aussieht… Wir trainieren täglich sehr hart und daher
sind wir stolz, wenn unser Körper so aussieht, wie er es tut.“

Die
Anstrengung, mit der die jetzigen Athletinnen zu kämpfen haben, um
ihre Ernte einzufahren, könnte den Weg für künftige Generationen
ebnen, selbstbewusst zu konkurrieren und sich in ihrer Haut
wohlzufühlen. Hierzu muss man nur die jüngste Olympiasiegerin
Mikaela Shiffrin befragen. „Lindsey hat den Präzedenzfall
geschaffen. Man muss hart arbeiten und zwar nicht, um schlank
auszusehen, sondern, um stark zu sein… Meine Beine sind auch
kräftiger – so viel steht fest. Das ist nicht perfekt, wenn man an
das normale Körperbild denkt, allerdings lerne ich auch immer
wieder, dass Stärke ebenfalls sehr schön ist.“ Und wenn das das
Vermächtnis von Lindsey Vonn ist, ist es genauso mächtig, wie die
Rennen, die sie gewinnt und die Rekorde, die sie setzt.

Christina
McFarlane ist Moderatorin der CNN-Skisportsendung Alpine Edge.

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