Foto: Ryan Holloway | Unsplash

„Das Einzige, das hilft, ist die Geschichte unserer toten Tochter immer wieder zu erzählen”

Fehl- und Totgeburten sind noch immer ein großes Tabuthema in unserer Gesellschaft. Wie geht man damit um? Ein Versuch, die Trauer, Reaktionen und eine neue Schwangerschaft zu vereinen.

Was ist wirklich schlimm?

Mein Mann sagt gern in 5-Minuten-Intervallen, dass etwas „das Schlimmste” ist: fertige Bratkartoffeln vakuumverpackt im Supermarkt, ein leerer Milchkarton, das erste Laub, das den Herbst ankündigt, das letzte Laub, das den Winter ankündigt. Was aber wirklich das Schlimmste  ist, habe ich im März diesen Jahres erlebt, als ich nach 24 Wochen Schwangerschaft unsere tote Tochter zur Welt brachte. Der Ausdruck auf dem Gesicht meines Mannes im Kreißsaal auf dem Stuhl neben mir; das war das Schlimmste, das ich je gesehen habe und wohl sehen werde.

Mittlerweile sind neun Monate vergangen und ich bin in der 30. Woche schwanger. Kam die Folgeschwangerschaft vielleicht zu früh? Es waren gerade einmal zehn Wochen seit der Geburt vergangen, als der Test wieder zwei Linien zeigte. Aber wir waren uns einig: wir wollten es wieder versuchen, wer weiß, wie lange es dauert, bis es wieder klappen würde und wir fühlten uns beide in der Lage, einen weiteren, möglichen Verlust zu verkraften. Gemeinsam besuchten wir eine Therapeutin, die uns bei unserer Trauer begleitete und fanden eine Selbsthilfegruppe für verwaiste Babyeltern.

Die Reaktionen auf den Verlust

Bei der Beerdigung waren wir allein – wie in den gesamten ersten Wochen nach der Geburt. Wir wollten unsere Trauer und vor allem unsere Tochter mit niemandem teilen. Wir wussten, dass alle sagen würden, dass sie verstehen, wie es uns geht. Aber das ist nicht der Fall. „Beim nächsten ist dann alles gut.”, „Aber du kannst ja noch Kinder bekommen.”, „Es ist bestimmt besser so.”, „Wer weiß, wofür es gut ist.”, „Lach doch mal!” – Sätze, die das Gegenteil ihrer ehrenwerten Intention auslösen und die wir leider mehr als einmal hörten. Es gibt Menschen, die nicht über den Tod sprechen können, schon gar nicht über den von Kindern – und das ist völlig in Ordnung. Auch wir mussten erst einen Umgang mit dem Verlust finden, einen Weg, über unser Kind und unsere Erfahrungen zu sprechen. Wenn die Oma von jemandem stirbt, geht einem das „Es tut mir Leid” leichter über die Lippen. Diesen Satz habe ich tatsächlich nicht ein einziges Mal gehört. „Ich hab´ von dem Malheur gehört, das dir passiert ist.” Da musste ich schlucken. Dank unserer Selbsthilfegruppe hatte ich dennoch eine Erwiderung in der Tasche: „Ich habe nicht mein Portemonnaie irgendwo verloren; meine Tochter ist gestorben.”

Selbstgemachte Tabuisierung

Wir zwingen natürlich niemanden, über unsere Tochter zu sprechen. Aber es ist für uns auch nicht möglich, sie zu verschweigen. Auch wenn sie tot ist, ist sie unser Kind und damit unser Ein und Alles, wie bei allen anderen Eltern auch. Jedes andere Problem wird da schnell zur Kleinigkeit, die Sorgen von Freunden und Familie kann man kaum mehr ernst nehmen und entwickelt deshalb beinahe ein schlechtes Gewissen. Denn die Fähigkeit zum locker-flockigen Smalltalk kommt leider auch nicht zurück. Man weiß nicht, ob sich alle anderen Menschen oder man selbst sich in einer Art Blase befindet. Das Zeitgefühl gerät ins Wanken, soziale Isolation macht sich breit, Wut, wenn man rauchende Schwangere sieht, Neid, wenn die Freunde die Babyfotos bei Facebook hochladen. Die Entscheidung, ob man heute den Pyjama gegen die Jogginghose tauscht, bleibt oft die einzige des Tages. Da bedarf es schon toller Freunde, die sich intensiv bemühen und die unser Kind – genau wie wir – nicht vergessen. Zum Glück haben wir diese.

Doch die Tabuisierung der Totgeburt ist auch ein selbstgemachtes Problem. Wie bringt man die Erfahrung des Verlustes im Gespräch unter? Soll man lieber warten, bis der Gesprächspartner nachfragt? Man will niemandem das, für viele unangenehme, Thema aufzwängen und muss gleichzeitig selbst die Bereitschaft signalisieren, darüber reden zu können und zu wollen. Ein schwieriges Unterfangen. Viele wählen die Ablenkungsmethode, weil sie denken, es würde uns sicher gut tun, auch mal über etwas anderes zu sprechen. Aber so widersinnig es klingt, das einzige, das wirklich hilft, ist die Geschichte unserer Tochter immer und immer wieder zu erzählen. Auch wenn sich dieser nichts hinzufügt, sie sich nicht ändert oder spannender wird, aber sie muss raus und geteilt werden. Während die anderen die Schwangerschafts- und Babyfotos bei Facebook posten, würde ich niemals das Bild meiner toten Tochter veröffentlichen.

Doch was dann? Den Fußabdruck? Das Schild mit ihrem Namen vom FriedWald? Es überwiegt die Sorge, einen Schwall an gutgemeinten, aber leider verletzenden Kommentaren moderieren zu müssen. Und so bleibt meine Tochter ein Tabuthema, von dem niemand weiß, der nicht auch zufällig von meiner Schwangerschaft erfahren hat. Doch es macht einsam und tut verdammt weh, wenn niemand weiß, dass auch ich Mutter geworden bin. Wenn niemand weiß, wie schön auch meine Tochter war, mit ihrem Schmollmund, den sie von ihrem Vater hat und dem Knickohr, das ich ihr vermacht habe.

Das nächste Kind kündigt sich an

Und plötzlich ist der Schwangerschaftstest wieder positiv. Der erste, zwei Tage zuvor, war noch negativ, aber mein Mann wusste schon, dass ich ihn einfach nur zu früh gemacht hatte. Der erste Termin bei der Ärztin, das erste Foto vom Ultraschall, auf dem wirklich noch gar nichts zu erkennen ist, engmaschige Kontrolltermine, man ist jetzt risikoschwanger. Bei all der gedanklichen Vorbereitung auf einen erneuten Verlust, besonders in den ersten Wochen, kommt die Möglichkeit, dass alles gut gehen könnte, zu kurz. Ich war mir sicher, dass auch diesem Kind etwas passieren würde. Ich zog gar nicht in Betracht, am Ende der neun Monate ein gesundes Kind zu bekommen. Und auch jetzt, nach mehr als sieben Monaten, im letzten Drittel, scheint es mir unvorstellbar, im nächsten Jahr mit einem Kind zu Hause zu sitzen.

Wir haben viele Wochen lang, mehr als die üblichen zwölf, kaum jemandem von der Schwangerschaft erzählt. Nur die besten Freunde wussten von Anfang an Bescheid. Nach und nach haben wir es der Familie gesagt und deren Freude über dieses Kind war – zumindest für mich – die reinste Überforderung. Alle fingen an zu weinen, freuten sich maßlos über etwas, von dem ich mir sicher war, dass es nicht mehr lange da sein würde. Während meine Schwiegermutter wieder anfing zu stricken, rechnete ich aus, ob und wie wir uns die zweite Beerdigung leisten könnten.

Ein weiteres Kind ersetzt das Tote nicht

Arbeitgeber, Hebamme, Verwandte; sie alle fragen nach der Planung für die Zeit nach der Geburt. Eine Hürde, über die ich nicht gehen kann, viel zu abstrakt der Gedanke, ein Kind zu haben. Babymöbel kaufen, größere Wohnung suchen? Nicht möglich. Mir fehlt das Vertrauen, diese Dinge auch wirklich zu benötigen. Mein Mann fragt mich oft, ob ich denn das zweite Kind mittlerweile okay finde. Aber das ist nicht mein Problem. Klar finde ich es okay, wird schon cool sein, es sind schließlich unsere Gene bunt gemischt. Mir ist es nur leider nicht möglich, eine innige, vorfreudige Beziehung zu meinem Bauch und seinem Inhalt aufzubauen, wie ich es schon einmal tat. Nur wenn ich beim Ultraschall liege, wenn ich es sehe, bin ich entspannt, geht es mir gut, kann ich mich sogar freuen und erwische mich beim Lächeln.

Erst-Trimester-Screening, Feindiagnostik – wir absolvieren das volle Programm. Jeder Termin, der bestätigt, dass dieses Kind absolut gesund ist, verkommt für mich zum Hohn. Statistisch gesehen war es auch sehr unwahrscheinlich, dass meine Tochter krank würde. Daher ist die Angst, wieder verlassen zu werden, zu groß, um sich über positive Ergebnisse zu freuen. Angst aber lähmt, sagt mein Mann. Und er hat natürlich Recht. Auch wenn unsere Tochter uns verlassen hat, waren die Wochen mit ihr in meinem Bauch die schönsten unseres Lebens. Warum sollte ich bei der zweiten Schwangerschaft auf diese Freude verzichten? Nach und nach lasse ich mich darauf ein, lasse sogar ein Foto von meinem Bauch machen. Vieles jedoch mit dem Gedanken, dass man auch an dieses Kind eine Erinnerung haben möchte, wenn es uns dann auch verlassen hat.

Der erste große Schritt

Und nun haben wir eine Waschmaschine gekauft. Wir besaßen vorher keine. Jetzt haben wir sie gekauft. Einfach so. Obwohl unser Zeitplan vorsah, alle großen Anschaffungen für das Kind so kurz wie möglich vor dem Geburtstermin zu erledigen. Wir waren aufgeregt wie zwei kleine Kinder und saßen beim ersten Waschgang davor und sahen der Maschine beim Waschen zu. Wir haben uns getraut, etwas zu kaufen, was für das Kind bestimmt ist und waren beide stolz auf uns. Mit dem Babybett warten wir noch. Aber wir wissen jetzt, dass man manchmal seine Angst hinter sich lassen muss, um Platz für etwas Neues zu schaffen, dass man sich manchmal einfach trauen muss und trotzdem dabei traurig sein darf, dass wir die Waschmaschine nicht für Käthe, unser erstes Kind, gebraucht haben.

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