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Der Kampf um Gleichberechtigung nach Trump – wie es weitergehen kann

Die Vereidigung von Trump zum 45. US-Präsidenten ist auch ein herber Rückschlag für den Feminismus. Die Präsidentschaftswahl legt das ganze Ausmaß an gesellschaftliche verankerter
Frauenverachtung offen und zeigt uns, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben. Gleichzeitig bietet sich jetzt auch die Chance genau hinzusehen, aus dem Wahlkampf und den Folgen zu lernen und so als Feminst*innen gestärkt und fokussierter weitermachen zu können.

 

Trotz Frauenfeindlichkeit gewählt

Donald Trumps Vereidigung ist auch eine Erinnerung an die Niederlage von Hillary Clinton. Die große Erkenntnis, die daraus gezogen werden kann, ist nicht etwa, dass Trump wegen seiner Frauenfeindlichkeit gewonnen hätte, nein, das Schockierende war sein Sieg trotz dieser. So sehr dieses Ergebnis überrascht in einem Land mit einer traditionell starken Bürgerrechts- und feministischen Bewegung, so sehr ist es eigentlich in seiner ganzen Tragik logisch – wir haben es nur nicht wahrhaben wollen. Gerade auch die Tatsache, dass Trump nicht unwesentlich von weiblichen weißen Wählerinnen ins Weiße Haus befördert wurde, zeigt: Die USA sind noch nicht bereit für eine Frau im höchsten Amt. Die Straße auf dem Weg zur Gleichberechtigung ist doch noch kurviger und steiniger, als wir glaubten.

Kurz nach der Wahl drückte Lauren Groff diese Überraschung in der Zeit so
aus: „… ich hatte ja keine Ahnung, dass Amerika Frauen so sehr hasst, dass es
einen Mann wählt, der Frauen als Dekoration benutzt, der voller Ekel und
Verachtung über sie spricht, der glaubt, sie seien ihm unterlegen, nur weil er
als Mann geboren wurde. Ich hatte keine Ahnung, dass eine Frau mit ein paar
Macken und großem internationalen Ansehen, einem gründlichen Wissen und
unglaublicher Kompetenz so erbittert gehasst werden kann von einem Land voller Männer, die es nicht ertragen, ihre Macht ein kleines bisschen wanken zu
sehen.“ 

Klar ist, Trumps Überraschungserfolg ist Produkt einer ganzen Reihe von
Faktoren: Widerstand gegen Diversifizierung, Ablehnung von Eliten, der Wunsch
nach Veränderung, Angst vor dem Fremden, Kleingeisterei, politischer Opportunismus auf Seiten der Republikaner – all das in einem Land, das sich seit zehn Jahren im politischen Grabenkrieg zermürbt. Der neue Präsident Trump hat aber auch von frauenfeindlichen und anti-feministischen Ressentiments profitiert, die nicht zuletzt ebenfalls seinen Sieg mit ermöglicht haben und nun mit in seine Präsidentschaft einfließen werden.

Sexismus ist nach wie vor akzeptiert

Für seinen Wahlsieg konnte Trump auf eine weitreichende und kulturell tief verwurzelten Frauenfeindlichkeit bauen. Nicht umsonst charakterisierte er seine Gegnerin wieder und wieder unter Bedienung typischer sexistischer Vorurteile: Sie habe nicht das richtige Temperament um Präsidentin zu sein, sie sei verlogen, schwach, hysterisch, hinterhältig, kränklich. Ihr fehle Durchhaltevermögen, Stärke und scharfe Intuition. Am öftesten verwendete der Reality-TV Star aber den Vorwurf, Clinton habe „bad judgment“, also ein schlechtes Urteilsvermögen. Kaum eine seiner Reden, Auftritte oder Interviews kam ohne diesen Vorwurf gegenüber der „nasty woman“ aus. Die meisten der genannten Abwertungen und Angriffe waren so in der Form in vergangenen Wahlkämpfen zwischen zwei Männern nicht zu hören, wohl aber kennt jede Frau diese Liste der Beleidigungen, die es einmal bis in die Chefetage einer Firma oder eines Unternehmens, in Hochschulen, Stiftungen oder in hohe politische Positionen schaffen wollte.

Trumps eigener Sexismus ist aber nur ein kleiner Teil des Problems. Der
größere Teil ist die allgemeine Akzeptanz für ein solches Benehmen. Trumps
offen gelebter und gesprochener Sexismus entlarvte die weite Verbreitung
solcher Ansichten und Tendenzen. Er prahlte damit, Frauen zwischen die Beine zu greifen, nannte Clintons Hinterteil wenig beeindruckend, degradierte weibliche Journalistinnen und forderte Frauen sollen für Abtreibungen bestraft werden. Schon einer dieser Punkte hätte in einer gleichberechtigten oder auch nur fast-gleichberechtigten Gesellschaft zu einem sofortigen K.O. führen müssen. Sie taten es nicht, im Gegenteil: Trump Anhänger bewunderten die
testosterongeladene Männlichkeit ihres Champions und unterstützten seine
Kommentare mit weitaus schlimmeren unter seinen Youtube-Videos und Twitter-Gesprächen.

In allen Gesellschaften gibt es bestimmte Tabus, die nicht gebrochen werden
können, ohne soziale Ächtung nach sich zu ziehen. Emil Durkheim nennt das
„soziale Fakten.“ Es beginnt im Großen: sollte zum Beispiel ein deutscher Politiker mit hohen Ambition den Holocaust leugnen, wäre seine Karriere vorbei. Und findet sich auch im Kleinen: Wer in Unterhosen zum Jobinterview erscheint, hat keine Chance auf eine Zusage. Die Niederlage Clintons zeigt also in erster Linie, dass es in den USA kein Tabu ist, Frauen zu beleidigen. Es wird nicht mit sozialer Ächtung bestraft, führt nicht zum Ende von Karrieren und rüttelt nicht an den Grundfesten des gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Sexismus ist also kein negativer sozialer Fakt, es ist einfach Teil des Lebens,
akzeptiert und oft auch honoriert.

Was wir aus Trumps Wahlsieg lernen können

Was bedeutet also Trumps Vereidigung für den Feminismus in den USA und
weltweit? Zum einen zeigt sich klar, dass noch sehr viel Arbeit zu tun ist.
Tatsächlich hat der Wahlkampf aber die hässlichsten, endemischen Tatsachen des Frauenhasses in den USA freigelegt. Damit kann das Ergebnis zumindest für eine bessere Lageanalyse verwendet werden. Es zeigt auch, wo die Baustellen sind, die direkt die Gesellschaft der USA betreffen, indirekt aber auch ähnliche
Gültigkeit in Deutschland haben. Mit diesen fünf Punkten können wir das
grausige Wahlergebnis konstruktiv nutzen und den Kampf für
Geschlechtergerechtigkeit neu anfeuern.

1) Die Würde von Frauen muss auf der gesellschaftlichen Prioritätenliste nach oben rutschen – neben die Ächtung von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit Rassismus, Homophobie und Antisemitismus. 

Wie oben beschrieben, disqualifizierte Trump sich erschütternder Weise zu keinem Zeitpunkt durch Frauenfeindlichkeit und andere abwertende Statements. Das heißt nicht, dass alle Unterstützer automatisch Sexisten sind. Es heißt aber wohl, dass das Wohl von Frauen und ihre Möglichkeiten für viele Normalbürgerinnen und -bürger nicht weit oben auf der Prioritätenlisten stehen. Man kann sexistische Äußerungen, Abwertungen, Stereotype von sich geben, über Frauen als Waren und Opfer reden – und es hat keine Konsequenzen. Die echte Aufklärungsarbeit muss dabei nicht oben ansetzen – also in den Ministerien, den Aufsichtsräten oder Vorständen – , denn hier ist das Thema zumindest inhaltlich in der Regel bekannt. Die wahre Herkulesaufgabe liegt in der täglichen Interaktion zwischen Menschen auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Als Feminist hört man auch in Deutschland oft: „Warum für Frauenrechte kämpfen? Es gibt doch wichtigere Themen!“ Der Schluss daraus muss sein, dass Feministinnen und Feministen in Zukunft besser darlegen müssen, warum Gleichberechtigung nicht ein gesellschaftliches Randthema ist, sondern einen Platz in der Mitte der öffentlichen und privaten Diskussionen verdient. Dies beginnt beginnt bei Frauen, die sich nicht zufriedengeben dürfen mit allem, was nicht vollkommene Gleichberechtigung und gleiche Chancen sind und zum Beispiel genau hinschauen, welche Politik Diskriminierung zementiert. Genauso gilt: Das Ansprechen  von Ungerechtigkeit, und sei sie noch so klein, darf nicht heruntergemacht oder belächelt werden. Ganz besonders stehen hier Männer in der Pflicht, Gleichberechtigung nicht nur mit der Partnerin zu leben, sondern auch sichtbar dafür einzustehen – im Beruf, gegenüber anderen Menschen, mit ihrer politischen Haltung. 

2) Dafür brauchen wir mehr Feministen, also Männer die sich für Frauenrechte einsetzen. 

Das fängt im Kleinen an, und genau dort hat es gehakt in den USA. Wenn sexistische Witze gemacht werden von einem frauenverachtenden Macho, sollten bei allen Männern die Alarmglocken schrillen. Dass sie es nicht tun, oder nur selten, zeigt, dass für zu viele Männer Sexismus Teil von Jungs-Getue ist. Nach der US-Wahl geht das nicht mehr. Männer, werdet Feministen. (Eine erste Anleitung gibt es übrigens hier.

3) Sprache ist relevant. Die Art, wie über Männer und Frauen gesprochen wird, erschafft Realität. 

Feministische Anliegen beziehen sich also auf Taten und auf Worte. Es kommt darauf an, in welcher Sprache über Frauen gesprochen wird. Trump entschuldigt viele seiner verbalen Übergriffe – nicht nur auf Frauen, sondern auch auf Muslime, Menschen mit Behinderungen, Lateinamerikaner und andere – als „nur Gerede“. Scheinweise haben er und viele seiner Unterstützer die direkten Auswirkungen von Gerede nicht verstanden. Jedes soziale Problem beginnt in der Sprache. Muslime stehen nun in den USA (und darüber hinaus) unter Generalterrorverdacht – alles nur durch Gerede. Genauso werden Frauen, die kontinuierlich als Sexobjekte bezeichnet werden, letztlich auch so behandelt. Wer also Kultur ändern will, muss Sprache ändern. Damit können und müssen wir schon heute anfangen.

4) Auch Frauen müssen sich stärker von Frauenfeindlichkeit distanzieren. 

Die Verunglimpfungen Trumps über Clinton und nicht zuletzt seine offene Verachtung für Frauen, hielt viele Wählerinnen nicht davon ab, ihr Kreuz bei Trump zu machen. Seine Wahlkampfmanagerin Conway und andere stellten sich offen auf die Seite der Frauenverächter. Clinton bekam weniger Stimmen von Frauen als Barack Obama in seinen zwei Wahlsiegen. Madeleine Albright, die ehemalige US-Außenministerin hat einmal von einer speziellen Hölle gesprochen, in der es einen speziellen Platz für Frauen gebe, die anderen Frauen nicht helfen. Das mag drastisch sein, klar ist aber: Soll echte Gleichberechtigung eine Chance haben, müssen auch alle Frauen sich fragen, ob sie genug gegen Sexismus und für andere Frauen tun. So wie in den USA geht es jedenfalls nicht.

5) Wir müssen die zerstörenden Effekte von Sexismus anerkennen und beseitigen. 

Direkt nach der Wahl wurde sofort die Debatte geführt, dass Clintons Niederlage unabhängig von ihrem Geschlecht besiegelt worden war. Dass die Tatsache, dass sie als erste Frau einer großen Partei antrat, nichts mit
dem Ergebnis zu tun gehabt hätte, dass es am Ende um andere Themen ging. Das mag zum Teil richtig sein, zum anderen Teil belügen wir uns damit aber wieder selbst. Clintons Niederlage geschah nicht am 8. November, sondern wurde über Wochen, Monate und Jahre hinweg vorbereitet. Wie kaum eine andere Person, wurde Clinton Opfer einer gezielten und hoch-sexistisch motivierten Persönlichkeitszerstörung. Schon in den 80er Jahren, als ihr Mann die Wiederwahl um ein Gouverneursamt verlor, trugen die Medien ihr die Schuld als seine Frau dafür zu. Clintons tragischen politischen Ende muss ein Mahnmal gegen diese Form der systematischen Erniedrigung und Beschädigung von Frauen in allen Karrierepfaden sein. Diese symbolische Gewalt, wie Bourdieu es nennt, passiert täglich und wird oft übersehen. Im Falle Clintons werden die USA für diese Gewalt noch lange bezahlen müssen. Das sollte uns Warnung genug und unmissverständliche Aufforderung zum täglichen Widerstand gegen diese Unterdrückung sein!

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