Foto: Epizentrum | Wikipedia Commons – CC BY-SA 3.0

Deutschlands wichtigste Netzwerke

Kamingespräche mit Ministern waren gestern. In der Republik gibt eine neue Elite den Ton an. Die Netzwerke sind offener, bunter und strikt leistungsorientiert. Wer dabei ist? Ein Artikel von unserem Partner „Manager Magazin“.

Wer gibt in Deutschland den Ton an? Welche Städte spielen ganz vorne mit, welche sind eher von gestern? Eva Buchhorn, Klaus Werle, Gisela Maria Freisinger, Tim Bartz und Christoph Neßhöver vom Manager Magazin haben sich intensiv mit den neuen Netzwerken Deutschlands auseinander gesetzt.

Mehr Zeit, weniger wichtig

Judith Rakers kämpft. Tapfer moderiert die „Tagesschau“-Sprecherin gegen trommelnde junge Frauen an, die an Seilen unter der Decke schweben. Unitymedia nebst Konzernmutter Liberty Global Börsen-Chart zeigen hat für diesen Abend ins E-Werk geladen, zu einem jener Empfänge, die es in Berlin an jedem Tag im halben Dutzend gibt. Und die nicht selten ein gefühltes Jahr dauern. 350 Gäste sind gekommen.

Selbstredend wird der „Made in.de-Award“ an ein Start-up verliehen, Sieger sind die Carsharing-Tüftler von Carzapp. Von den Nominierten einmal abgesehen, sind Gründer an diesem Abend leider Mangelware. Constanze Buchheim ist da, Geschäftsführerin der Personalberatung i-Potentials, Thomas Bachem vom Bundesverband Deutsche Startups. Als einziger echter Internetpromi geht Lars Hinrichs durch, der auf Einladung von PR-Dame und Event-Schöpferin Alexandra von Rehlingen aus Hamburg angereist ist, aber am liebsten über sein vernetztes „Zukunftshaus“ spricht.

Lutz Schüler lässt sich nicht die Laune verderben. Aufgekratzt schwärmt der Unitymedia-CEO vom „Riesenpotenzial“ und von „jungen Hoffnungsträgern“. Und ist als vermutlich Einziger im Saal der Meinung, ein Berliner Spitzenevent zu erleben – kein Wunder, seine Firma sitzt in Köln.

Zu den großen Galas mit Frontalprogramm geht, wer ausreichend Zeit hat, und das sind immer seltener die Wichtigen. Bei „Made in.de“ tummelt sich: etwas Adel, bisschen Bundestag, die Ex-Boxerin Regina Halmich, Joachim Hunold, Schauspielsternchen und ein beachtlicher Teil der Berliner Bürokratie.

Jentzsch, Crespo, Hebenstreit: Sponsoren für das C/O Berlin

Keine fünf Kilometer vom überdrehten Mitte entfernt und doch wie aus einem anderen Universum, im wieder angesagten bundesrepublikanischen Westen, strahlt dagegen die derzeit coolste Location der Stadt: C/O Berlin, Ausstellungshaus für Fotokunst im ehemaligen Amerika Haus am Bahnhof Zoo. Stephan Erfurt, einst Gestalter des „FAZ-Magazins“ und sozialisiert in den New Yorker Klubs der 80er, will die besten Fotografen der Welt nach Berlin holen. Zu den sieben Ausstellungseröffnungen pro Jahr (Sebastião Salgado, Anton Corbijn), Eintritt frei, strömt die halbe Stadt.

C/O Berlin im Amerika Haus.         Quelle: Raimond Spekking | Wikimedia Commons – CC BY-SA 4.0

Seine Bildwelten finanziert Erfurt mit privaten Sponsoren; wer auf sich hält im neuen Berlin, ist dabei: der ehemalige Goldman-Sachs-Banker Stefan Jentzsch, Wella-Erbin Ulrike Crespo, Internetunternehmer Kolja Hebenstreit, Sebastian Turner, Sanofi-Aventis-Statthalter Stefan Oelrich oder auch Neu-und-immer-noch-Jungunternehmer Lars Windhorst. Gönner und andere Promigäste werden eine Stunde vor der offiziellen Eröffnung eingelassen – später stehen sie neben Studenten und Touristen, ohne VIP-Absperrung.

Das neue Networking: Demokratisch und trotzdem exklusiv

Aus dem leisen Intellektuellen Erfurt, der bei C/O auch kulturelle Bildung für sozial schwache Kinder aus Neukölln organisiert, hat das Dauer-Fundraising einen Knotenpunkt der Hauptstadt-Society gemacht – und C/O wurde zum Sinnbild neuen Networkings: demokratisch und trotzdem exklusiv, eine Dosis Off-Kultur, gern soziales Engagement als Dreingabe.

Schale Gala oder In-Galerie: Die Reichen, Interessanten und Einflussreichen zusammenzubringen ist eine Wanderung auf schmalem Grat, insbesondere hierzulande. „Deutschland hat kein geografisch-gesellschaftliches Zentrum und auch keine belastbaren formellen Netzwerke wie die Grandes Écoles in Frankreich“, sagt der Elitenforscher Michael Hartmann. Einst übernahmen Adel und Burschenschaften die Aufgabe.

Beide fallen aus, Ersatz: keiner. Weshalb Einfluss, Gestaltung und Macht nun an Personen hängen. Das heißt: Das Establishment wird bisweilen neu gemischt.

Die Deutschland AG ist Geschichte – das Establishment wird neu gemischt

Gerade ist es wieder mal so weit. Die Deutschland AG ist Geschichte, die Digitalisierung disrupted Firmen, Branchen und Managementtheorien, die Wirtschaft sucht den richtigen Weg zur Industrie 4.0.

Einst baumstarke Dax-Stützen wie RWE Börsen-Chart zeigen oder Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen stemmen sich gegen ihr Zerbröseln, während neue Unternehmen wie Zalando oder Spotify die Bühne betreten und neue Personen in den Kreis der Einflussreichen mitbringen, wie die Samwers, Zalando-Lenker Robert Gentz oder die Westwing-Gründer Stefan Smalla und Delia Fischer.

Nicht nur das Personal verändert sich, auch der Stil, der Umgang, die Art und Weise, wie Geschäft gedacht und gemacht wird. Hoodie statt Schlips, Sneakers statt Budapester.

Verena Pausder – eine Frau der Startup-Welt.                        Quelle: facebook | Verena Pausder

Ja, der „Netzwerkgedanke erlebt eine Renaissance“, sagt Roland-Berger-Mann Burkhard Schwenker, er ist „lebendiger und wichtiger denn je“, sagt Verena Pausder. Kein Tag, an dem die Berliner Gründerin, die ihr Start-up Fox & Sheep kürzlich an Haba verkaufte und als Ausrichterin von „Ladies’ Dinners“ eigene Netzwerkabende für die weibliche Start-up-Welt veranstaltet, nicht ein halbes Dutzend Anfragen erhält oder weiterleitet. Wen wir kennen, entscheidet über unseren Erfolg.

Die neuen Machtzirkel: Performance statt Geschwätz

Die alten Zirkel verlieren an Bedeutung. Die neuen Netze kommen im anderen Look, mit neuen Regeln und anderen In-Stätten. Es geht nicht mehr um Posten, sondern viel stärker um Inhalte. „Heute ist alles strukturiert, professioneller und nicht mehr wie eine Plauderstunde organisiert“, sagt Ex-Linde-Chef und Holcim-Verwaltungsratspräsident Wolfgang Reitzle. „Die Szene ist rigoros. Wenn kein Mehrwert erkennbar ist, wendet sie sich ab“, meint Pausder.

Nimmt demnächst also Oliver Samwer den Platz von Ex-Goldman-Lenker Alexander Dibelius als graue Eminenz im Wirtschaftsbetrieb ein? Ist Steffi Czernys DLD der neue BDI-Jahreskongress? Wer gehört zum neuen Establishment? Und wie vernetzen sich die Entscheider aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft?

Was die neuen von den alten Einflussreichen unterscheidet, lässt sich nirgends besser studieren als in Berlin. Das Beinahe-Parishafte hat die Hauptstadt mit einer Intensität zum Hotspot gemacht, von der Bonn nie auch nur zu träumen wagte. Die alten Berliner Eliten, traditionell wirtschaftsfern, kreisen um Fixsterne der klassischen Berlin-Kultur wie den Freundeskreis der Nationalgalerie oder den Bundespresseball. Doch der Glanz der ehrwürdigen Frontstadtinstitutionen verblasst. Die eigentlichen Must-sees sind begrenzt – und finden eher im privaten Rahmen statt.

Wer etwa zu den Abendessen von Kanzleramtsminister Peter Altmaier oder zu den Vernissagen in der Villa Schöningen, gekauft und renoviert von Mathias Döpfner und Leonhard Fischer, eingeladen wird, weiß: Er ist drin, da, wo es in ist.

Dürrs Gartenparties, Würths Feiern auf Schwanenwerder

Kaum jemand aus der etablierten Garde der Wirtschaftsgranden hat das besser begriffen als die Schwaben-Unternehmer Heinz Dürr, ehemals Bahn-Chef, und Schraubenkönig Reinhold Würth. Dürr, Besitzer einer ultramodernen Villa von David Chipperfield in Dahlem, richtet glanzvolle Gartenpartys aus, zu denen die Schwaben-Society Berlins strömt. Würth kontert mit Feiern auf Schwanenwerder.

Gartenparties und Feiern auf Schwanenwerder – der innere Hauptstadtzirkel.       Quelle: pixabay – CC0

Als Billett für den inneren Hauptstadtzirkel gelten auch die Musikabende des Anwalts Peter Raue und seiner Frau Andrea Gräfin Bernstorff oder die kunstsinnigen Einladungen von Thomas Rusche, Inhaber des Herrenausstatters Sør, der in seiner großzügigen Altbauwohnung in Charlottenburg niederländische Meister mit zeitgenössischer Malerei paart. Auch das Museum Barberini, das SAP-Gründer Hasso Plattner in Potsdam errichten lässt, dürfte ein soziokultureller Fixstern werden.

Politiker von Rang, Wirtschaftsgrößen sowieso, halten es mit FDP-Chef Christian Lindner, der „exklusive, bilaterale Gespräche“ schätzt. All die großen Events der Konzernrepräsentanzen, Verbände, Lobbyisten, von denen es in der Hauptstadt jeden Abend ein halbes Dutzend gibt, seien „toller Service“, doch leider „verdränge“ sein Kalender Empfänge, auf denen er nur einer von ganz vielen sei. In der Menge unterzugehen, dafür ist ihm seine Zeit zu schade.

Fixpunkt Soho House – wo sich die digitale Elite trifft

Im Hauptstadtlabor lässt sich beobachten, wie sich das neue, coole Establishment gerade erfindet – und mit ihm die Art zu netzwerken. „Das Höfische verschwindet, die Treffen sind weniger pompös“, sagt Karl-Ludwig Kley, Vorsitzender der Merck-Geschäftsleitung. Hof gehalten wird zwar noch immer, aber unter umgekehrten Vorzeichen: Im angesagten Berliner „Soho House“ etwa (wo nahezu die gesamte digitale Hautevolee Klubmitglied ist) müssen Krawattenträger draußen bleiben.

Der neue In-Hotspot der Startup-Welt: das Soho House Berlin.     Quelle. Ansgar Koreng – CC BY-SA 3.0

Den frischen Style prägen die ungekrönten Könige Berlins: die Gründer, mitsamt ihrer Corona aus Wagniskapitalfirmen, Inkubatoren und altem Geld auf der Suche nach neuen Chancen. Die Jungs von Project A Ventures wie Florian Heinemann, Niklas Östberg (Delivery Hero), Wooga-Gründer Jens Begemann, die Macher von Soundcloud und 6Wunderkinder, Springer-Accelerator-Chef Jörg Rheinboldt, die Rocket-Jünger, Investor Christophe Maire oder Christian Nagel und Hendrik Brandis von Earlybird.

Wer es im Start-up-Universum zu etwas bringen will, kopiert die fokussierte, leistungsorientierte Schnörkellosigkeit des Silicon Valley. „Die Bereitschaft, sich auf neue Kontakte einzulassen, wenn es nicht zweckgebunden ist, ist eher gering, weil Zeit in der Branche extrem knapp ist“, sagt Fabian Heilemann, Gründer von Dailydeal und als Investor einer der Fixsterne der Szene.

Die Netzwerke sind offener und transparenter – aber auch anstrengender

Einfach nur rumstehen und smalltalken? Zu viel Redundanz, zu wenig Konkretes. Alkohol unter der Woche? Are you serious? Da gehe man unter, sagt Heilemann: „In dem Umfeld stehen alle um sieben auf und machen vor der Arbeit noch Sport.“ Lieber trifft man sich zum Lunch im Edel-Vintage-Laden „Soho House“, bei den Roundtables von Florian Nöll (Bundesverband Deutsche Startups), in Coffee Shops wie dem „Father Carpenter“ in der Münzstraße oder dem „Godshot“ in der Immanuelkirchstraße.

Oder bei einem der CEO-Dinner, die rund um Tech-Konferenzen wie die Heureka organisiert werden. Nach wie vor auch gern im „Borchardt“, wo die junge Szene auf die etablierten Wirtschaftsplatzhirsche trifft – nur auf persönliche Einladung, traditionelle Branchen sind oft als Sponsoren vertreten.

Die Netzwerke sind offener und transparenter geworden –aber auch anstrengender: „Nicht mehr große Namen und hohe Posten sind die Eintrittskarte, sondern die Frage, welchen inhaltlichen Nutzen jemand bringt“, sagt Gisbert Rühl, CEO des Stahlhändlers Klöckner & Co. Rühl weiß um die Schwierigkeiten der alten Industrie, in der neuen Welt mitzumischen. Im vergangenen Jahr eröffnete er eine Digitaltochter in Berlin: Kloeckner.i soll Gründerwerkzeuge wie Design Thinking in den Konzern bringen.

Rühl machte die Runde in der Start-up-Szene und merkte schnell: „Einfach nur Kontakte knüpfen geht nicht, man muss etwas beitragen.“ Schon bei den Gesprächen, die er im Silicon Valley führte, rief vorher meist ein Assistent an und erkundigte sich detailliert, für welche Projekte er Marc Andreessen denn eine Stunde Zeit zu stehlen gedenke.

Nüchtern, effizient, pragmatisch

Nüchtern, effizient, pragmatisch. Kein Geschwätz, pure Performance. Der Habitus der Digitalwirtschaft, das permanente Optimieren, der konsequente Pragmatismus, hat kulturell auch in den Traditionsbranchen Fuß gefasst. „Selbst ausgebuchte Hochkaräter sind noch für neue Netzwerke zu gewinnen – aber es muss inhaltlich etwas bringen“, sagt Unternehmerin Marie-Christine Ostermann, bis Ende 2012 medienaffine Chefin des Bundesverbandes „Die Jungen Unternehmer“ und inzwischen eingeschriebene Liberale.

Ostermann: Netzwerke müssen inhaltlich etwas bringen.    Quelle: Dirk Vorderstraße | flickr – CC BY 2.0
 

Sie hatte ihr Erweckungserlebnis während eines FDP-Spendendinners, als sie merkte, dass „bei solchen Veranstaltungen das Ideenpotenzial der Gäste gar nicht angefragt wird“. Sie nutzte die ernüchternde Einsicht für ihr Ende 2014 begründetes FDP-Unterstützernetzwerk „Liberale Agenda 2025“, für das sie etwa Roland Oetker, Jochen Kienbaum und Ludwig Georg Braun (B. Braun Melsungen) ansprach. Kein Small Talk, sondern geheime Treffen in Hotels im Ruhrgebiet, Arbeitsgruppen per Videokonferenz. Effizienz und klarer Output: Die Vorschläge der Agenda-Truppe wanderten direkt in die Programmarbeit auf dem FDP-Parteitag.

Früher war die Dax-Elite unter sich – heute sind Netzwerke dynamischer und diverser. Der Zugang ist offener, mehr Leistung, weniger Status. Nicht nur die Pools, aus denen sich gerade die Wirtschaftselite rekrutiert, sind größer und internationaler geworden. Auch inhaltlich reicht es nicht mehr, im eigenen Süppchen zu rühren. „Topführungskräfte brauchen Anschlussfähigkeit in möglichst viele andere Bereiche, nicht nur Vernetzung unter ihresgleichen“, sagt Lars Zimmermann, Senior Advisor bei Egon Zehnder und CEO von Hy!. Das Digitalnetzwerk, dem weltweit mehr als 1200 Start-ups angehören, berät Unternehmen bei der digitalen Transformation und bietet in „Learning Journeys“ für Topmanager anspruchsvolle Crashkurse in der Gründerszene an. Ein Paradebeispiel, wonach das neue Establishment beim Networking sucht.

Im „Fail Forward“-Modus

Früher waren es Closed Shops im Hinterzimmer, inzwischen zählen nicht mehr Titel und Stand, sondern was einer mitbringt. Personalberater Christoph Zeiss beschreibt die Netzwerke als „internationaler, kleiner und nach Branchen organisiert“. Man trifft sich zu sechst oder acht im Garten und grillt. Oder lädt privat nach Hause ein und kocht gleich selbst, wie Robert Gentz von Zalando oder die Gründer von Wimdu. Das bringt einfach mehr, als auf großen Galas Weingläser zu balancieren.

Intimere Zusammentreffen anstatt opulente Geschäftsessen.                               Quelle: pexels

Die CEOs der neuen Generation wie Frank Appel (Post Börsen-Chart zeigen), Kasper Rorsted (HenkelBörsen-Chart zeigen), Marijn Dekkers (Bayer Börsen-Chart zeigen), Oliver Bäte (Allianz Börsen-Chart zeigen) halten sich nicht mit Stehempfangklatsch über Corporate Germany auf, dafür verbringen sie lieber Zeit mit der Familie oder Freunden. „Sie sind insgesamt ernsthafter, zurückhaltender im Auftritt und, weil ihnen die Begrenztheit ihres Einflusses stärker bewusst ist, auch offener und interessierter an Themen, die über ihr Unternehmen hinausgehen“, beobachtet Freshfields-Partner Christoph Seibt

Ihre Devise: Mehrdimensional statt linear nur in den eigenen Kreisen netzwerken. Heißt: Ein Abend mit dem Ex-Piraten und Springer-Mann Christopher Lauer interessiert sie im Zweifel mehr als das x-te Kamingespräch mit Wolfgang Schäuble.

Der pragmatische, an konkreten Lösungen orientierte „Fail Forward“-Fokus verändert nicht nur das Networking – er definiert auch mit, wie sich das neue Establishment zusammensetzt. Natürlich kann man wie Lars Windhorst versuchen, sich ganz altmodisch einzukaufen: Der Unternehmer erstand Christos gesammelte Werke zur Reichstagsverhüllung und stellt sie dem Bundestag als Leihgabe zur Verfügung. Für die Tate Modern an seinem Wohnsitz London hat er zehn Millionen Pfund gespendet, zum Dank wird auf Lebenszeit ein Raum nach ihm benannt.

Unprätentiöse Pragmatiker gesucht

Doch nicht jeder ist so vermögend wie Windhorst. Dazu gehört heute vor allem, wer beitragen kann. Und zwar zu den ganz großen Fragen: Digitalisierung, Regulierung, Energiewende, soziale Gerechtigkeit.

Etwa die jungen CEOs, die sich in einem Kreis, organisiert vom Kölner McKinsey-Direktor Klaus Behrenbeck, zusammengetan haben. Auch Harald Krüger (BMW Börsen-Chart zeigen), Kurt Bock (BASF Börsen-Chart zeigen), Frank Mastiaux (EnBW Börsen-Chart zeigen), Kanzlerin-Freund und Bahn-Chef Rüdiger Grube oder Herbert Hainer (Adidas Börsen-Chart zeigen) zählen zu den Netzknoten der Wirtschaftsrepublik, ebenso wie Tina Müller (Opel), Claudia Nemat (Telekom), Matthias Zachert (Lanxess Börsen-Chart zeigen) oder Ulf Schneider (Fresenius Börsen-Chart zeigen).

„Eitle, machthungrige Einzelkämpfer werden künftig an Einfluss verlieren“, prophezeit Frank Trümper, Geschäftsführer der Baden-Badener Unternehmer Gespräche. Denn die Topführungskräfte im neuen Establishment „begreifen Management nicht als One-Man-Show und sind geistig unabhängiger von ihren Positionen als die meisten ihrer Vorgänger“. Die Charakterisierung gilt auch für die tonangebenden Aufsichtsräte der Nach-Cromme-Ära, deren Position im Elitengeflecht durch die Corporate-Governance-Diskussionen nochmals gestärkt wurde.

Zwar lenkt Manfred Schneider mit RWE und Linde noch immer ziemlich große Pötte durchs Wirtschaftsgewässer. Doch der Dax-Grande war schon immer unprätentiöser Pragmatiker, so wie viele andere starke Aufseher: von Werner Wenning (Bayer, Eon) und Ulrich Lehner (Telekom, ThyssenKrupp Börsen-Chart zeigen, spielt mit Wenning Skat) über Simone Bagel-Trah (Henkel Börsen-Chart zeigen) und Jürgen Hambrecht (BASFBörsen-Chart zeigen, Trumpf, Fuchs Petrolub) bis hin zu Norbert Reithofer (BMW Börsen-Chart zeigen, Siemens Börsen-Chart zeigen) und Multiaufseher Henning Kagermann (BMW Börsen-Chart zeigen, Post Börsen-Chart zeigen, Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen). Allesamt bestens verdrahtete Macher, ja, die ihre Themen jedoch mit Augenmaß und ohne übertriebene Herrschaftsaura vorantreiben.

Ein wichtiger „Leuchtturm“ in der Branche: Mathias Döpfner.            Eirik Solheim | flickr – CC BY 2.0

Stärker als früher orientieren sich die Netzwerke an Sektoren; dass einer wie Heinrich von Pierer oder Josef Ackermann für „die deutsche Wirtschaft“ stand, ist Geschichte. Heute geben Branchenchampions wie Mathias Döpfner (Springer) oder Thomas Ebeling (ProSiebenSat.1 Börsen-Chart zeigen) die neuen Leuchttürme.

Neues Networking: Ein zupackendes Smart Casual

Sicher, es gibt sie noch, die Similauner, die Baden Badener Gespräche. Oder die Atlantik-Brücke: Gegenüber der Museumsinsel in Berlin, in unmittelbarer Nähe von Angela Merkels Privatwohnung, residiert der 1952 gegründete Verein, zu dessen aktuell rund 500 Mitgliedern etwa Jürgen Fitschen (Deutsche Bank), Jürgen Grossmann (Ex-RWE), Arend Oetker oder Kai Diekmann („Bild“) zählen. Die traditionellen Elitetreffs fallen nicht plötzlich in den sozialen Abgrund, weil in Mitte ein paar Apps programmiert werden.

Aber ihre Rituale wirken neben dem zupackenden Smart Casual des neuen Networkings zunehmend wie Holzvertäfelung neben Aluminium-Tesla. Die Zukunftsmusik spielt woanders.

Der Sektorenfokus und eine globalere Perspektive drängen auch die Beratungen und Investmentbanker aus ihrer Rolle als Deutschland-Erklärer. McKinsey-Chef Cornelius Baur bleibt blass im Vergleich zu Vorgängern wie Herbert Henzler, die Goldman-Sachs-Granden Wolfgang Fink und Jörg Kukies erreichen weder die mediale noch die ökonomische Durchschlagskraft von Alexander Dibelius.

Die einstige Guru-Position der Berater übernehmen zunehmend Private-Equity-Granden wie KKR-Europa-Chef Johannes Huth oder Stefan Zuschke, der das Deutschland-Geschäft von BC Partners leitet. Weil Topmanager bei aller pragmatischen Gelassenheit „ein deutlich größeres Schutzbedürfnis entwickelt haben“ (Freshfields-Mann Seibt), firmieren auch Spin Doctors wie Alexander Geiser (Hering Schuppener) und Christian Weyand (Brunswick) im inoffiziellen Who’s who der Republik. Wo sie auf Anwälte wie Seibt, Ralph Wollburg (Linklaters), Michael Hoffmann-Becking (Hengeler Mueller), Reinhard Pöllath (Pöllath & Partners) oder Christian Cascante (Gleiss Lutz) treffen, die ihre Rolle als mächtige Consiglieri bei Mergern, Transaktionen und anderen heiklen Verrichtungen nicht eingebüßt haben.

Nicht selten vermitteln die Advokaten auch ins Paralleluniversum der Politik – obwohl die Drähte zwischen beiden Welten oft besser sind, als das öffentliche Lamento vieler Manager vermuten lässt. „Wirtschaft und Politik sind in Deutschland deutlich besser vernetzt als in den USA, auch die Mitsprache der Industrie bei politischen Entscheidungen ist größer“, sagt Bayer-Chef Marijn Dekkers.

Im Kanzleramt finden drei-, viermal Treffen zwischen Angela Merkel und einer CEO-Gruppe statt. Quelle: pixabay

Angela Merkel lädt drei-, viermal im Jahr eine CEO-Gruppe ins Kanzleramt, um die Stimmung auszuloten. Ohnehin reicht für die meisten Dax-Granden ein Anruf, um die Kanzlerin oder einen der zentralen Ressortchefs – Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, Arbeitsministerin Andrea Nahles, Finanzminister Wolfgang Schäuble, Verkehrs- und selbst ernannter Zukunftsminister Alexander Dobrindt – zu sprechen. Und dann sind da ja noch BDI, BDA, der Verband der Chemischen Industrie, Matthias Wissmann und sein Autoverein VDA und viele mehr. Zwar raten Anwälte ihren CEOs oft ab, auf den Treffen bei BDI-Chef Ulrich Grillo und Kollegen übers Geschäft zu sprechen – Vorsicht, vermintes Kartellterrain! Doch als Scharnier und Meinungskanal sind die Verbände für den politökonomischen Betrieb nach wie vor relevant.

Denn allen kurzen Drähten zum Trotz war das Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft schon mal enger. Dass der Putsch gegen Helmut Kohl auf dem Parteitag 1989 auch am Veto der Deutschen Bank gegen Lothar Späth scheiterte, wie sich Heiner Geißler erinnerte („Die Banker haben gesagt: Kohl soll bleiben“) – heute undenkbar. Spätestens nach Lehman schauen Merkel & Co. mit Skepsis – und einem Schuss Genugtuung – auf die einst schier allmächtigen Wirtschaftskapitäne. Und entscheiden dann allein, wie der Euro gerettet wird.

Man netzwerkt sinnstiftend

Umso wichtiger sind zentrale Knotenpunkte, die sichere Leitungen zwischen beiden Seiten garantieren. Außerhalb des Bundeskabinetts spielen im Inner Circle noch die Fraktionsvorsitzenden mit, einzelne Spitzenbeamte wie Kanzlerberater Lars-Hendrik Röller, zentrale Staatssekretäre wie – noch – Jörg Asmussen und Rainer Baake (von dem es überall heißt, er sei „der Einzige mit einem Plan zur Energiewende“), wenige Parteipolitiker wie der Grüne Robert Habeck, CDU-Erneuerer Jens Spahn oder Katja Suding, die Frau, die der FDP Beine machte. Den Blick aufs Big Picture eröffnen für Manager gern Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, EU-Kommissar Günther Oettinger, Sicherheitskonferenzorganisator Wolfgang Ischinger oder auch Philipp Rösler, der jetzt beim Weltwirtschaftsforum waltet.

Dass Deutschland, anders als Frankreich oder Großbritannien, ein gesellschaftlich-geografisches Zentrum fehlt, wird oft beklagt. Doch gerade der Föderalismus im Establishment verhindert nach Einschätzung von Elitenforscher Hartmann auch „eine Erstarrung, wie sie in den Enarchen-Zirkeln Frankreichs zu beobachten ist“. Mögen Davos oder die Bilderberg-Konferenzen rufen, der Sog aus Berlin stärker werden und Europa an den Rändern zerren – in den Metropolen der Republik schlagen noch immer kräftige Netzwerkherzen.

Wenn hier die zusammenkommen, die früher „Honoratioren“ hießen, dann steht Arbeit auf dem Programm. Bürgerschaftliches Engagement ist der Inhalt, der die Metropolnetzwerke treibt. „Es geht darum, Dinge zu bewegen, um die Region gemeinsam nach vorn zu bringen“, sagt Andreas Pinkwart, Rektor der HHL Leipzig. Die Einflussträger der Stadt treffen sich im „Spinlab“-Inkubator der HHL, zum Kochen zu Hause, beim Charity-Golf oder während der Buchmesse gern auch zu exklusiven Privatlesungen. Auch das Klubwesen spielt im Osten der Republik noch eine bedeutendere Rolle, etwa der „Industrieclub Sachsen“ in Dresden, den Präsident Günter Bruntsch gezielt mit Firmengründern und Wissenschaftlern verjüngt hat: „Wir wollen hier keine Lobbypolitik, sondern Themen setzen und Neues lernen.“

Was einst mit ein paar Schecks und einem gelangweilt abgesessenen Wohltätigkeitsdinner erledigt wurde, ist zum eigentlichen Elitenkern geworden. Im Nach-Oppenheim-Köln, in München, wo die Compliance allzu orgiastischen Partys den Garaus machte oder im stets lieber Contenance wahrenden Hamburg – neue Nüchternheit allerorten. Man trifft sich noch, selbstverständlich, aber mit Sinn und Zweck und dem Wunsch, nicht nur Gutes zu tun, sondern tatsächlich Dinge zum Guten zu wenden. Was ein Unterschied ist. „Man will sich ja nicht mit der Vergangenheit vernetzen, sondern mit denen, die Zukunft machen“, sagt Sigrid Berenberg, die in diversen Runden Hamburger aller Schichten zusammenbringt: Reeder mit Protestierern, Migranten mit hanseatischem Handelsadel, Werbechef mit Weberin.

Wird Frankfurt mehr und mehr zum Treffpunkt für „Einflussträger“? Quelle: Christian Wolf – CC BY-SA 3.0

Oder Frankfurt: In der Rhein-Main-Region hat Alexander Geiser, Managing Partner bei Hering Schuppener, den Cranach Kreis installiert. Wenn Opel-Chef Karl-Thomas Neumann, Rothschild-Deutschland-Statthalter Martin Reitz oder Helene von Roeder (Credit Suisse) zusammensitzen, lauschen sie zwar Hochkarätern vom Schlage eines Oliver Samwer, es darf auch mal übers Business parliert werden – doch Zweck der Veranstaltung ist die Förderung benachteiligter Kinder in den Schulen der Region.

Das Byzantinische ist weg

Selbst das Ruhrgebiet, jenen Teil der Republik, wo „Netzwerk“ seit je ein Synonym für lockeres Plaudern zum beiderseitigen Vorteil ist, hat der neue Pragmatismus erfasst. Establishment im Ruhrgebiet, das hieß noch vor einigen Jahren: S-Klasse, dicke Zigarren, Krawatten mit Elefantenmotiven. Jetzt ist Berthold Beitz, der Sonnenkönig, nicht mehr; sein Möchtegernnachfolger Gerhard Cromme hat sich selbst in die Bedeutungslosigkeit manövriert, und sogar die Grillabende mit Wildschweinwürsten auf Bodo Hombachs Terrasse in Mülheim sind seltener geworden. Irgendwie ist das Byzantinische weg. Der starke Mann ist inzwischen ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger. Er fährt gern im VW Touran vor, ohne Krawatte.

Klar, die großen Jungs spielen noch mit, RAG-Chef Werner Müller oder Stephan Holthoff-Pförtner, der nach dem Politischen Forum Ruhr ausgewählte Gäste noch zu Pils und Kotelett in sein Jagdhaus Schellenberg lädt. Doch selbst hier wird mehr experimentiert. „Die Zirkel durchmischen sich häufiger, der Fokus ist von Personen zu Themen gewandert“, sagt Holthoff-Pförtner.

Zu den neuen Taktgebern zählen Erich Staake, Chef des Duisburger Hafens, oder Kunstmanager Walter Smerling. Der Geschäftsführer der Bonner Stiftung für Kunst und Kultur, eloquent und stets auf Sponsorensuche für Megaprojekte wie die Ausstellung „China 8“, in bestem Verhältnis zu Gerhard Schröder und Sigmar Gabriel und den meisten Ruhr-Herzögen, unterhält einen feinen Dinnerkreis im Museum Küppersmühle und ist auch sonst zu einer Art Vermittler zwischen Malerei und Moneten avanciert.

Wie Mitte Mai, als Smerling, Staake und Markus „Malerfürst“ Lüpertz am frühen Nachmittag das Konferenzschiff „MS Karl Jarres“ besteigen und durch die Verästelungen des Hafens schippern. Gerade zieht draußen das Gebäude vorbei, in dem der erste Schimanski gedreht wurde; die Runde besichtigt Standorte für eine Großskulptur, die Lüpertz anlässlich des 300. Hafengeburtstags 2016 eventuell schaffen soll. Alles, um das Ruhrgebiet „weiter in die Vorhand zu bringen“ (Staake), ein Unterfangen, bei dem „die Kunst zwar nur ein Mosaiksteinchen ist“, wie Smerling sagt, „aber ein sehr wichtiges“.

Die Schiffsführer in Anzug und Krawatte, der feine Wein, die Zigarren nach dem Dessert – das Ambiente erscheint wie altes Ruhrgebiet „at its best“. Doch Staake ist kein Mann für Sentimentalitäten. Er hat den Hafen gedreht, den Umsatz verachtfacht, es ist eine der raren Erfolgsgeschichten aus der Region. Er ist nicht der Typ, der sechsstellige Beträge für Kunst ausgibt, nur um jemandem einen Gefallen zu tun. Nein, die Skulptur soll Selbstbewusstsein demonstrieren. Staakes, das des Hafens, Duisburgs.

Der „Hafenmeister“, als der Staake sich gern in Hotels einträgt, weiß, wie schnell aus Symbolen Standortvorteile werden können. Dass Kunst längst mehr ist als ein sozialverträglicher Zeitvertreib. Und dass erfolgreiche Netzwerke nicht an den Wänden des Wirtschaftssilos enden.

„Jeder muss was beitragen, sonst wird das hier nix“, sagt der Hafenmeister. Das ist der Sound des Potts, aber Oliver Samwer würde sofort unterschreiben.

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