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Ich bin eine Frau, die keine Heimat hat

Karin Bodewits wollte die Welt sehen und erleben, in andere Ländern reisen und arbeiten, schauen, was dort draußen auf sie wartet. Das tat sie dann auch. Und was toll begann, führte irgendwann dazu, dass sie keine Heimat mehr hat.

 

Geschichten von einer fremden Welt

Ein warmer
Sommerabend 1999, mir gegenüber sitzt ein grauhaariger Mann an einem echten
Keramiktisch. Wir sitzen in seinem Garten, er wohnt hier noch nicht lange. „Ich
wollte schon immer einen Garten mit großen Bäumen und jetzt habe ich einen.“
Wir trinken Wein, er erzählt. Er erzählt, wie einer seiner Matrosen auf offener
See einen Unfall hat. Wie er fällt, sich ein Bein bricht und blutet – wie er sehr stark blutet. Sie sind noch Stunden vom nächsten Hafen entfernt, doch braucht der Mann
medizinische Hilfe. Das Adrenalin pumpt durch seinen Körper. Er hat Angst
davor, einen Mann zu verlieren, einen Kollegen, Vater, einen Menschen. Er ist
der Kapitän auf dem Schiffm, er versucht ruhig zu bleiben und entschließt sich,
die Richtung zu ändern.

Singapur ist das neue Ziel. Sie schaffen es. Sie
erreichen ihr Ziel rechtzeitig. Sein Kollege ist schwach, aber noch weitgehend
bei Bewusstsein. Er benötigt eine Transfusion. Aber zu der Zeit gibt Singapur
ohne Gegenleistung kein Blut an Ausländer. Blut muss mit Blut bezahlt werden. No pay, no cure. Vier Nadeln werden
in vier Arme von vier Seemännern gestochen. Als sie genügend gesammelt haben,
beginnt die Behandlung. Er erholt sich. Nach mehreren Tagen im Krankenhaus kann
das Schiff weiter zu seinem nächsten Hafen fahren.

Da draußen wartet eine andere Welt

Er gibt mir eine
Schachtel Marlboro Zigaretten. Die Packung trägt noch keine Warnhinweise oder Bilder
von schwarzen Lungen. Der Text auf der Packung ist auf Russisch. „Ich habe sie
heute bekommen, als ich ein russisches Schiff in den Hafen begleitet habe. Ich
habe noch mehr in meinem Schrank.“ Schon seit Monaten rauche ich Zigaretten,
die aus Ländern kommen, von denen ich weder die Kultur noch die Sprache
verstehe. Er bringt sie mir mit und ich rauche sie, während er mir Geschichten
über das Leben auf der See erzählt, Ozeane überqueren, in Häfen fahren sowie
von den gelegentlichen Landgängen.

An warmen
Sommerabenden sitzen wir in seinem Garten, unter einer großen Birke. Sonst
machen wir es uns oft auf seinem alten, grünen Sofa neben dem offenen Kamin
gemütlich. Ich höre ihm zu, wie er kleine Boote verwendet, um in Stürmen zu
großen Schiffen zu gelangen. Wie er dann auf Strickleitern klettert, um das
Deck zu besteigen und wie er die Schiffe dann in den nächsten Hafen führt. Er
erzählt mir Geschichten von warmen Willkommensgrüßen von Russen, Chinesen und
Philippinos… und wie er Sprachbarrieren überwindet und die verschiedenen
Kulturen erlebt
.

Wenn der Urlaub in den Alpen das größte Abenteuer ist

Ich bin 16 Jahre
alt und habe eine Beziehung mit seinem Sohn. Ich komme aus einem kleinen Dorf
aus einer wirtschaftlich schwachen Region der Niederlande. Meine Eltern haben
ein mittleres Einkommen, wir leben in einem typischen freistehenden Haus. Meine
Schwestern studieren beide, ich habe gerade die Schule gewechselt. Abgesehen
von dem jährlichen Urlaub in den Alpen sehen wir nichts von der Welt. Ich weiß
nichts. Ich bin ein Teenager, mache Dinge, die ein Teenager eben tut.

Er brachte mir viel
über verschiedene Kulturen bei, über das Leben und auch wie man Nudeln und Reis
im selben Topf kocht. Er zeigte mir, wie man kreativ und froh sein kann mit den
Dingen, die man besitzt. Er inspirierte mich, erweiterte meinen Horizont und
öffnet mir für vieles erstmal die Augen. Und, er gab mir ein Ziel: Ich wollte die Vielseitigkeit der
Welt sehen und erleben. Ich wollte in anderen Ländern reisen und arbeiten, und das
tat ich dann auch. Ich machte nur einen Fehler: Ich kam nie zurück.

Und dann, wurde das Reisen zur Sucht

Und so begann meine unendliche Reise: Es ist das Jahr 2000, ich bin mit der Schule fertig, verlasse das Dorf und fange an zu
studieren. An den meisten Abenden nehme ich immer noch den Zug, um seine
Geschichten anzuhören und russische Zigaretten zu rauchen. Ich studiere
Biologie und beginne, meine Reisen zu planen. Zuerst ein paar Monate in Asien,
dann ein unschuldiges Semester in Spanien. Ein Jahr in Shanghai, dann nach
Großbritannien. Ich lerne, wie es ist, wenn man nur mit Händen kommunizieren
kann. Ich esse drei Mahlzeiten am Tag mit Stäbchen. Ich trinke Wodka mit
polnischen Freunden, feuere Spanien bei der WM an, die schottische
Rugby-Mannschaft gegen England und Bayern München in einem Pub in Edinburgh.
Ich lerne britische Beleidigungen kennen, chinesische Höflichkeit und, etwas
später, mich zu beschweren wie ein richtiger Deutscher.

Das Um- und Umherziehen wurde
zur Sucht. Zur Sucht danach, neue Leute zu treffen, neue Sprachen zu lernen und
mich in einer neuen Stadt zurechtzufinden. Ich fühlte mich frei, irgendwie
anonym. Anfangs kam ich jedes Jahr immer noch ein paar Mal nach Hause, doch mit
den Jahren wurden meine Besuche seltener und kürzer. Ich fühlte mich jedes Mal
weiter entfernt von meinem Heimatland, meiner Familie, meinen Freunden. Es ist
nicht so, dass ich mich von all dem entfernen wollte, doch war ich schlicht
nicht da, um in Kontakt zu bleiben. Ich verpasste Partys, Abendessen und konnte
keine wirkliche Unterstützung in schwierigen Zeiten geben. Die Leute fingen an,
mich auf sprachliche Fehler in meiner eigenen Muttersprache hinzuweisen und sie
verstanden es immer weniger, warum ich so lange im Ausland blieb.

Und irgendwann die Frage: Wo werde ich zuhause sein?

Nach meiner
Promotion konnte ich mich entscheiden, zurückzukehren oder zum nächsten Ziel
weiterzureisen. Etwas in mir wollte zurückgehen: in einem Land leben, wo ich
wählen kann und wo die Kneipenkultur und das Essen so sind, wie mir es gefällt.
Wo die Leute ihr Leben so leben wie ich es gerne mag. Ein Land in dem ich
gleich weiß, wo ich was kaufen kann und mich schnell zurechtfinde. Aber der
Gedanke daran, zurückzukehren, flößte mir auch Angst ein. Angst davor, meine
liebgewonnene Anonymität zu verlieren. Angst davor, was die Leute zu meinen
Rechtschreibfehlern sagen würden. Aber am meisten fürchtete ich mich davor,
eine Außenseiterin im eigenen Land zu sein. Tief in meinem Herzen waren es
wahrscheinlich diese Ängste, die meine Entscheidung gegen eine Heimkehr
kippten. Ich fühlte mich irgendwo anders einfach sicherer. Weiterhin anonym
leben, auf der Straße einfach die Holländerin von nebenan sein.

Das vierte Mal in
sechs Jahren ließ ich alles außer ein paar Habseligkeiten hinter mir und zog
wieder um.

Jetzt ist es 2015
und ich habe ein paar Jahre in Deutschland gelebt. Ich lernte eine andere
Sprache und lebe in eine anderen Kultur. Ich spreche Niederländisch mit meinen
Kindern, Deutsch mit meinen Freunden und Englisch mit meinem Partner. Ich habe
das Gefühl, keine dieser drei Sprachen perfekt zu beherrschen. Ich kann
schreiben und lesen, doch fühle ich mich wie eine Analphabetin. Wenn ich mit
Fremden spreche, ist die erste Frage, wo ich herkomme. Die ersten Jahre in
Deutschland dachten die meisten Leute, ich komme aus Großbritannien. Ich hatte
wohl noch etwas schottischen Akzent mitgebracht. Jetzt hören sie schneller,
dass ich aus den Niederlanden komme. 

Hier bin ich glücklich – und doch vermisse ich es, irgendwo hinzugehören

Ich zahle Steuern, wählen kann ich nicht.
Ich habe Probleme, die Kleidung zu finden, die ich mag und die an meinen
holländischen Körper passt. Meine Kinder lernen Lieder, die ich nicht kenne.
Ich ziehe sie für Feste an, zu denen ich keinen emotionalen Bezug habe. Sie
sagen Dinge, die ich niemals sagen würde. Meine Kinder wachsen in einem Land
auf, zu dem ich nicht gehöre. Ich mag es hier. Ich habe meine Arbeit. Ich habe
meine Freude. Ich habe es gelernt, mich in einem neuen Land zurechtzufinden. Ich
habe keine Probleme dabei, Deutschland bei der WM anzufeuern und liebte es, als
meine Kinder ihre ersten Wörter in der „Fremdsprache“ sagten… Aber ich
vermisse auch etwas. Ich vermisse meine „alten“ Freunde, die in der ganzen Welt
verstreut leben. Ich vermisse die Leute und eine Nation, mit der ich mich
assoziieren kann. Ich vermisse es, wo hinzugehören.

Letzt Woche reiste ich in die Niederlande, zur Hochzeit meiner
Schwester. Wie immer bemerkte ich am Flughafen, dass ich die Männer hier
attraktiv finde, dass die Leute Kleidung tragen die ich mag und dass mir der
direkte Umgangston vertraut ist. Auf der Feier sehe ich Gesichter, die ich
schon kenne. Für einen Abend habe ich einen Namen und eine Identität. Ich bin
nicht anonym. Ich fühle mich unbehaglich und zu Hause.

Karin Bodewits ist Biochemikerin,
Autorin von „Karriereführer für Naturwissenschaftlerinnen- Erfolgreich im
Berufsleben
“, Seminarleiterin und Mitgründerin von ScienceMums und NaturalScience.Careers.  

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