Foto: Stephanie Hielscher

11 Dinge, die ich nicht wusste, bevor ich Vater wurde

Wenn das Kind da ist, ist sowieso alles anders. Matze Hielscher beschreibt aus Vatersicht, wie sich sein Leben verändert hat.

 

Hat dir das niemand gesagt?

„Wenn man ein Kind bekommt, wird alles anders.“ Jeder, der kurz davor ist, Vater (oder Mutter) zu werden, hat diesen Satz vermutlich im Kopf. Als meine Frau und ich vor knapp vier Jahren erfahren haben, dass wir Eltern werden, war das jedenfalls so. Wir saßen auf der Couch und haben uns Anschaffungslisten geschrieben und die Zukunft ausgemalt. Jetzt ist unser Sohn Pepe drei Jahre und ich habe rückblickend festgestellt, dass ich viele Sachen trotz Vorbereitung nicht wusste.

1. Ich wusste nicht, dass der Geburtsvorbereitungskurs Zeitverschwendung ist

Alle möglichen Techniken, Stellungen, Positionen und Geräte werden ausprobiert, um die Geburt zu simulieren. Meine Frau sitzt auf einem Hüpfball, ein anderes Pärchen in einer Schaukel, ein Frau kniet, der Mann hinter ihr und die Hebamme spricht ihnen gut zu. „Genau so.“ Es wird geatmet. Viel geatmet. Die Männer atmen. Die Frauen atmen. Die Hebamme atmet mit. Ganze zwei Tage geht das.

Vorspulen zum Kreissaal: Kein Gedanke mehr an Hüpfbälle, Schaukeln und Badewannen. Auch keine Gedanken an Duftkerzen, frische Blumensträuße und Atemtechniken. Meine Frau liegt schmerzgekrümmt auf dem Bett und will nur, dass es endlich vorbei ist. In der Ecke ein Hüpfball. Ich frage die Hebamme, ob den schon mal jemand benutzt hat. Sie lacht.

2. Ich wusste nicht, dass ich alles für jemand machen würde, obwohl ich ihn noch gar nicht kenne

Es braucht kein Wort, kein Blick oder Lächeln: Seit der Sekunde, in der Pepe auf der Welt ist, empfinde ich eine bedingungslose Liebe für ihn. Ich habe keine Verbindung, die so eng ist. Ein für übertrieben beurteilter Satz wie „Für dich würde ich alles tun“, wird plötzlich Realität. Und das ist überwältigend.

 3. Ich wusste nicht, dass unser Sohn der schlimmste Mitbewohner ist

Mit dem Moment, in den man zum ersten Mal die Wohnung zu dritt betritt, ändert sich alles. Wirklich alles. Man redet anders. Man schläft anders. Man lebt anders. In den ersten Monaten liegt noch eine wohlige Glocke über den vier Wänden, aber immer mehr breitet sich der neue Mitbewohner aus. Designer-Lampen müssen weichen, der neue Couchtisch wird voll gemalt, das Sofa voll gemacht. Der neue Mitbewohner geht zum Regal, zieht die Lieblingsplatten raus und verteilt sie in der ganzen Wohnung. Der neue Mitbewohner stürmt ins Schlafzimmer, wenn es gerade unpassend ist, und bleibt einfach da. Der neue Mitbewohner bestimmt, wann man schläft, der neue Mitbewohner bestimmt, wie man schläft ist. Manchmal wünschte ich, ich könnte mit ihm tauschen.

4. Ich wusste nicht, dass ich gar nicht viel Schlaf brauche

Unsere größte Angst war, dass wir nicht mehr zum Schlafen kommen. Und das stimmt auch. Aber es ist total egal. Ziemlich schnell kann man im Schlaf die Windeln wechseln und stillen und einfach weiterschlafen. Seit der Geburt habe ich nie wieder mehr als sieben Stunden geschlafen.

5. Ich wusste nicht, dass ich mit manchen Freunden kaum noch was zu tun haben werde

Mit Geburt des Kindes ist man raus aus der Freizeitplanung der Partyfreunde. Anfangs kommen sie noch vorbei, bringen kleine Geschenke und sind entzückt. Aber da frische Eltern über nichts anderes als ihr Baby reden können, wird es für die kinderlosen Freunde langweilig und für die kinderlosen, aber kinderwilligen Freunde unerträglich. Wir Eltern verstehen es nicht, dass der Kumpel zu spät kommt und auch noch während des Mittagsschlafs an der Tür klingelt. Plötzlich passen Lebensentwürfe nicht mehr zusammen und dann sieht man sich weniger. Und immer weniger. Dafür lernt man neue Leute kennen. Super Leute. Auf dem Spielplatz, in der Kita. Die Kinder bringen einen zusammen und plötzlich hat man im Freundeskreis auch mal Menschen, die einen ganz anderen Lebensstil haben als man selbst noch vor vier Jahren.

6. Ich wusste nicht, dass das Schlimmste die Blicke der Anderen sind

Als mein Sohn eineinhalb Jahre alt war, sind wir mit ihm nach Kroatien geflogen. Beim Start hat er irre geschrien, weil er den Druckausgleich nicht hinbekommen hat. Neben uns eine ältere Dame, die unaufhörlich und vorwurfsvoll mit dem Kopf schüttelte: „Wie kann man einem Kind so etwas antun?“ Das hat sie wirklich gesagt. Oder im Supermarkt. Oder im Restaurant. Oder auf der Straße. Wenn das, was Pepe will, überhaupt nicht mit meinen Vorstellungen konform geht, er laut ist oder schreit, sich schlimmstenfalls auf den Boden schmeißt und vorbeilaufende Blicke mich treffen. Als Vater höre ich in ihre Köpfe rein: „Der hat das ja gar nicht im Griff“, „Der arme Junge“, „Der arme Vater“ Warum sagt niemand: „In fünf Minuten ist es vorbei“? Oder nimmt Pepe und bringt ihn mir eine Stunde später gut gelaunt zurück? Viel schlimmer, als die kindlichen Ausraster sind nämlich die erwachsenen Blicke.

7. Ich wusste nicht, dass Großeltern einen Enkelvorbereitungskurs brauchen

Wir alle wissen, was wir unseren Eltern als Teenager angetan haben. Nach der Geburt des Enkels scheint so etwas wie Payback-Time gekommen zu sein. Denn die eigenen Eltern wissen jetzt auch alles besser und sind schnell beleidigt und bockig, wenn man es doch mal anders macht. Und man selbst ist natürlich irre unsicher und angreifbar. Es gibt für jedes Land der Welt eine Gebrauchsanweisung, warum gibt es keine für junge Eltern?

8. Ich wusste nicht, dass Urlaubsressorts doch gut sein können

Durch Osteuropa trampen, auf einem Laster durch die Sahara fahren, Fallschirmspringen in Neuseeland. Ungeplant, spontan, hungrig – so würde ich meine Reisen beschreiben. Es mag Eltern geben, die diesen Urlaubstil auch weiterhin betreiben. Ich kann das nicht.

Jetzt fahren wir das zweite Jahr in Folge in ein Familienressort nach Portugal. Weil wir uns um nichts kümmern müssen: keine Steckdosenabdeckungen, keine Windeln, keine Tonnen von Spielsachen mitnehmen müssen. Wir brauchen uns keine Sorgen machen, dass wir die anderen Gäste stören, müssen uns nicht vor anderen Blicken schützen. Alle sind mit Kindern da und die Kinder spielen miteinander und auch hier lernt man wieder neue Leute kennen.

 9. Ich wusste nicht, dass das eigene Kind den Tag zum schönsten oder schlechtesten Tag aller Zeiten machen

Diese kleinen Typen haben die Allmacht. All die tausend Tipps, wie man Kinder erzieht und wie man Grenzen setzt, sind alle schön und gut, aber am Ende entscheidet der neue Sheriff, ob heute die Sonne scheint oder nicht. Bei jedem anderen Menschen könnte man sagen: „Alter, deine schlechte Laune geht mir gegen den Strich, ich gehe jetzt nach Hause.“ Hier geht das nicht. Wenn ich Eltern mit älteren Kinder treffe, sagen die meisten: „Ach, mit zwei Jahren wird alles besser.“ Manche sagen auch, dass mit drei Jahren alles besser wird. Nach unserer Erfahrung bleibt es wunderbar und anstrengend. Es gibt gute Phasen und schlechte Phasen. Manchmal komme ich von Arbeit und Pepe schreit begeistert meinen Namen; am nächsten Tag sagt er, ich soll wieder gehen.

10. Ich wusste nicht, dass auch in mir diese Erziehungsplattitüden stecken

Wie sehr ich die Sprüche meiner Eltern gehasst habe: „So lange du an unserem Tisch sitzt, bestimmen wir, was passiert.“ Wie oft ich darüber nachgedacht habe, einen eigenen Küchentisch zu kaufen. Oder die Drohsprüche: „Wenn du nicht sofort…, dann…“ Und plötzlich sitze ich selbst am Küchentisch und muss mir fest auf die Zunge beißen. Fast hätte ich gesagt, dass ich am längeren Hebel sitze und jetzt bestimme, was wir machen. Was für ein Scheißspruch.

11. Ich wusste nicht, dass die Erziehung die kreativste Aufgabe meines Lebens sein wird

Geschichten ausdenken, überreden, ausreden, ablenken, motivieren, aufbauen, beschäftigen. Jeden Tag geht es darum, mit Worten und Taten in die richtige Richtung zu lenken. Manchmal habe ich das Gefühl, den passenden Schlüssel (zum Beispiel zum Einschlafen) gefunden zu haben, eine Woche später funktioniert das gar nicht mehr und alles geht wieder von vorn los. Also muss eine neue Geschichte her. So wie es keinen Schlüssel zum perfekten Song gibt, gibt es keinen für die Erziehung. Ich kann sagen, dass die Erziehung die kreativste Arbeit meines Lebens ist.

 

Dieser Text erschien zuerst bei unseren Freunden von Mit Vergnügen. Da er wunderbar zu EDITION F passt, veröffentlichen wir ihn mit freundlicher Erlaubnis von Matze auch hier.

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