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Wie können Familien sich in der „Rushhour des Lebens“ entlasten?

Die Autorin Eva Corino will Leute mit Kindern dazu ermutigen, sich vom Gleichzeitigkeitswahn freizumachen – warum, fragt sie, können Eltern nicht länger für ihre (kleinen) Kinder da sein, um später mit voller Kraft ins Berufsleben zurückzukehren?

 

Wahlfreiheit für Familien? Träum weiter

Der Bereich, in dem sich Eva Corino, selbst Mutter von drei Kindern, bewegt, ist ein hochsensibler, das weiß sie auch, und darüber schreibt sie: auf der einen Seite die Forderungen aus der Wirtschaft, Mütter in ihrer Berufstätigkeit zu unterstützen, und das Vollzeit arbeitende Paar als Modell der Zukunft zu etablieren; auf der anderen Seite Stimmen, die Frauen nicht in eine Richtung drängen wollen und von Wahlfreiheit sprechen: Jede Frau müsse individuell für sich entscheiden können, ob sie ihre Berufstätigkeit aufgibt, um sich um ihre Kinder zu kümmern; eine echte Wahlfreiheit, das ist eigentlich klar, kann es in diesem Feld nicht geben, zu stark nehmen traditionelle Rollenbilder, der Druck von außen, die gesellschaftlichen Zerrbilder und natürlich die finanziellen Möglichkeiten Einfluss auf die Entscheidung von Menschen mit Kindern, wie sie ihr Leben organisieren wollen. 

Eva Corino wirft nun ein weiteres Modell in den Ring: Sie plädiert für ein Nacheinander. Sie will Leuten in der „Rushhour des Lebens“ den Druck nehmen. Also nicht: beide arbeiten voll und schaffen das nur, indem sie Kinderbetreuung und Haushaltsführung im Wesentlichen outsourcen. Sondern: Erst kommen die Kinder, dann wieder eine Phase der vollen Konzentration auf das Berufsleben. Einen gelasseneren Umgang mit Familie und Beruf erhofft sie sich von ihrem Modell – kann das funktionieren? Wir veröffentlichen einen Auszug aus ihrem gerade erschienenen Buch.

Die Angst vor dem Urteil der anderen

Es ist absurd: Wir leben in einem der reichsten Länder dieser Erde und behaupten, für die wesentlichen Dinge des Lebens keine Zeit zu haben. Und kein Geld.

Viele junge Paare haben tatsächlich den Eindruck, dass sie sich eine Familienphase finanziell gar nicht mehr leisten können. Zwar sind sie oft traurig, ihre Kinder nach 14 Monaten Elternzeit schon in Betreuung zu geben. Und vielleicht sogar in eine Betreuung von zweifelhafter Qualität. Aber sie denken, dass sie keine andere Wahl haben. Und bei Eltern mit niedrigen Einkommen ist das leider oft so. Auch hier müsste der Staat einspringen und dafür sorgen, dass die zusätzliche Privilegierung von Besserverdienenden durch das Elterngeld wieder ausgeglichen wird.(…)

Doch was ist mit den Angehörigen der breiten gesellschaftlichen Mittelschicht? Sie haben durchaus die Möglichkeit, sich bis zu einem gewissen Grad zwischen Zeit- und Geldreichtum zu entscheiden – zwischen einer größeren Lebensqualität (durch mehr Zeit für die Familie) und einem größeren Lebensstandard (durch mehr Konsum von Gütern und Dienstleistungen).

Unverzichtbare Vereinbarkeitshelfer

Beim Nacheinander-Prinzip müssen die Paare ja nur für eine Weile auf ein zweites Gehalt verzichten – und nicht ein ganzes Leben lang wie bei der klassischen Hausfrauenehe. Weil die Perspektive ja ist, nach ein paar Jahren wieder in einen interessanten und lukrativen Job einzusteigen. Und weil die Paare sich dann überlegen können, wie sie diese Jahre finanziell überbrücken: Wie lange können wir mit einem einzigen Einkommen auskommen? Können wir auf Erspartes zurückgreifen? Auf was können wir verzichten? Und können wir sparen, indem wir bestimmte Aufgaben in Haushalt und Erziehung wieder selbst übernehmen, anstatt sie von bezahlten Dienstleistern ausführen zu lassen?

Schon jetzt sind Putzkräfte, Lieferdienste, Babysitter und natürlich auch die Erzieherinnen in der Kita die unverzichtbaren Vereinbarkeitshelfer der modernen Familie. Und sie verschlingen einen nicht unbeträchtlichen Teil des erwirtschafteten Einkommens.

Sind Familien heute wirklich auf zwei Einkommen angewiesen?

In dem 2017 erschienenen Buch Die verkaufte Mutter schreibt Christiane A., die sich entschieden hat, ihre Berufstätigkeit an den Nagel zu hängen und mit ihren Kindern zu Hause zu bleiben: „Unser Haushalt soll mehr als ein Haushalt sein, in dem Schul- und Arbeitsleben organisiert wird. Wir wollen mehr als funktionieren. Leben ist mehr. Familienleben ist schön.“ Christiane A. weiß, dass sie dem Staat bestimmte Einnahmen durch Steuern auf ihr Arbeitsgehalt vorenthält und auch die Umsatzsteuer des Schnellimbisses neben der Schule. Sie bezahlt kein Geld für einen Business-Dress, keine Animatoren für Geburtstagsfeiern, verzichtet auf Fertiggerichte und die Reparatur des Fahrradplattens im Fachgeschäft, engagiert keine Fensterspezialreinigungsfirma und sagt: Lieber „keine weiteren Ausführungen, nicht dass ich durch Publikmachen meines Lebensstils zum Feind des wachsenden Bruttosozialprodukts werde.“

Es wird oft gesagt, dass Familien heute häufiger auf zwei Einkommen angewiesen sind, anders als noch in den siebziger und achtziger Jahren, als das Einkommen des Vaters in der Regel ausreichte.

Die ökonomische Forschung zu dieser Frage ist nicht eindeutig. Aber jüngste Untersuchungen belegen die These, dass die Löhne sogar gestiegen sind. Das Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB) und das Bundesfinanzministerium haben im Auftrag der ZEIT die Lohn- und Steuerdaten der Bundesbürger analysiert. Und sie haben herausgefunden, dass das mittlere Gehalt für eine Vollzeitstelle zwischen 1985 und 2014 um erstaunliche 99  Prozent gestiegen ist. Die Lebenshaltungskosten sind dabei nur um 65 Prozent gestiegen. Und die Steuerabgaben sind sogar gesunken, so dass eine vierköpfige Familie heute – unter Berücksichtigung der Inflation – deutlich mehr Geld zur Verfügung hat als noch vor dreißig Jahren.

„Wie aber ist dann das Klischee zu erklären, wonach ein Mittelschichtsgehalt heute nicht mehr für das reicht, was früher möglich war?“, fragen die ZEIT-Journalisten Kolja Rudzio und Frida Thurm in ihrem Artikel „Wozu der ganze Stress?“. Die Antwort, die sie geben: Mit dem Wohlstandsniveau der achtziger Jahre gäbe sich heute niemand zufrieden. Niemand wolle heute ein Auto ohne Klimaanlage oder sich eine Ferienreise verkneifen, um ein Reihenhaus in einem Vorort abzubezahlen. Die meisten Menschen würden sich nicht nach den Eltern oder Großeltern orientieren, sondern nach ihrer unmittelbaren Umgebung.

Die Messlatte setzen die höheren Bildungsschichten

Wenn in der höheren Bildungsschicht in 73 Prozent der Familien beide Eltern arbeiten, dann setzen sie den Maßstab. „Dann werden ihre Doppelverdiener-Einkommen zur Messlatte für das, was man sich leisten können muss: den Städtetrip zwischendurch, die Bio-Lebensmittel, die Wohnung in einem beliebten Stadtviertel, die Smartphones der Kinder. Ein Alleinverdiener mit mittlerem Gehalt fällt da leicht ab.“

Diese Daten zeigen, dass es oft nicht die wirtschaftliche Notwendigkeit ist, die die jungen Paare daran hindert, das Nacheinander-Prinzip zu realisieren. Es ist eher die Angst, mit dem Lebensstandard der Nachbarn nicht mehr mithalten zu können.

Und es sind andere psychologische Widerstände: die Angst, als rückwärtsgewandt zu gelten und dem herrschenden Leitbild von einer „modernen Frau“ nicht zu entsprechen, wenn man ein paar Jahre mit seinen Kindern zu Hause bleibt.

© Suhrkamp Verlag 2018

Eva Corino: Das Nacheinander-Prinzip: Vom gelasseneren Umgang mit Familie und Beruf (suhrkamp taschenbuch, Band 4881), Suhrkamp, Juni 2018, 16,95 Euro

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