Foto: Anija Schlichenmaier

Lettering-Queen Frau Hölle: „Ich hätte nie gedacht, dass mein Guide so einschlägt“

Die Leidenschaft zu Stift, Papier und schönen Buchstaben hat Frau Hölle aka Tanja Cappell vor drei Jahren entdeckt. Dass sie sich damit jemals selbstständig machen könnte, hätte sie nie gedacht. Was den Anstoß dazu gegeben hat, hat uns Tanja im Interview erzählt.

 

Die Lettering-Queen

Wer sich in der Lettering-Welt ein bisschen auskennt, kommt an Tanja Cappell aka Frau Hölle nicht mehr vorbei. Und das, obwohl Tanja selbst noch gar nicht so lange dabei ist. Ihre Leidenschaft zum Lettering entdeckte sie vor drei Jahren, im Dezember 2015 launchte sie ihren eigenen Brush Lettering Guide, einen Guide für die Schönschrift mit einem Pinselstift, also Brush Pen. Und der schlug, wie sie selbst sagt, ein „wie eine Bombe“. 

All das, was danach folgte, kann die heute 32-Jährige selbst manchmal noch nicht fassen. Ihre Festanstellung als digitale Produktmanagerin bei Burda gab sie auf und machte sich selbstständig. Heute hat sie auf Instagram mittlerweile knapp 70.000 Follower, arbeitet mit großen Marken zusammen und bietet Lettering-Workshops an, die meist innerhalb weniger Stunden ausverkauft sind. Und jetzt erscheint am 21. August auch noch ihr erstes Buch. 

Wie macht diese Frau das alles? Genau das haben wir Tanja im Interview selbst gefragt. 

Wie und wann hattest du das erste Mal Kontakt mit dem Thema Lettering?

„Den ersten Kontakt mit Schönschrift hatte ich zu Beginn meiner Sketchnoting-Zeiten vor sechs bis sieben Jahren. Denn damit fing die ganze Sache mit Papier und Stift bei mir an. Sketchnotes sind visuelle grafische Notizen mit Papier und Stift, wie man sie auf Konferenzen oder Events mitmacht, um die Inhalte zusammenzufassen. Da bin ich schon mal mit dem Thema Schriftgestaltung in Berührung gekommen. Das war damals aber alles noch sehr rudimentär, denn bei Sketchnotes geht es auch nicht um Kunst oder schöne Buchstaben.

Vor knapp drei Jahren bin ich dann das erste Mal richtig mit dem Thema Lettering in Kontakt gekommen, als sich mein Instagram-Feed immer mehr damit füllte. Ich weiß gar nicht mehr, wie der Feed früher einmal aussah.“

Wie hast du dich dem Thema Lettering dann mehr und mehr angenähert? 

„Lettering war damals schon in Amerika Thema. Dort gab es auch schon einen englischen Guide, der so ähnlich wie meiner war, und ein paar Instagram-Accounts dazu. Das vorhandene Material habe ich mir damals zusammengesucht – viel war das allerdings nicht. Auf Youtube gab es dazu vielleicht fünf oder sechs Videos. Und dann habe ich mir das komplette Thema, Tipps und Tricks, die Methoden und alles weitere autodidaktisch über die letzten drei Jahre beigebracht.“

Die verschiedenen Formen des Letterings hat sich Tanja Cappell ganz alleine beigebracht. 

Warst du denn damals schon auf Instagram mit deinem Frau Hölle-Account aktiv? 

„Ja, war ich. Allerdings war das damals noch ein Gemischtwaren-Account. Als Early Adopter und Digital Native hatte ich auch damals schon alle möglichen Social Media Accounts.“

Dann hast du Lettering als Hobby angefangen, aber ein Hobby lässt sich ja nicht gleich auf den ersten Moment monetarisieren. Wann hast du denn gemerkt, dass daraus etwas Größeres werden könnte? 

„Diese Erkenntnis kam mit meinem deutschen Brush Lettering Guide. Der hat mein Leben revolutioniert und mich überhaupt zur Selbständigkeit gebracht. Davor habe ich zwar schon zwei bis drei Jahre lang nebenberuflich Sketchnote-Workshops angeboten, aber das hätte noch nicht gereicht, um mich damit selbständig zu machen. Im Dezember 2015 habe ich den deutschen Guide rausgebracht – der ist eingeschlagen wie eine Bombe und hat den deutschen Markt dann auch mitbegründet. Was dann passiert ist, hätte ich mir nie träumen lassen.“ 

„Der Guide ist eingeschlagen wie eine Bombe“, so Tanja.

Das heißt, du hast den Schritt in die Selbständigkeit dann gewagt, als klar war, dass du finanziell auf der sicheren Seite bist. 

„Genau. Mir war wichtig, dass ich eine Einkommensquelle habe, die sich passiv ernährt. Über Sketchnoting habe ich nur Workshop-basiert Geld verdient. Das war mir einfach zu unsicher. Durch den Guide und den Online-Shop, den ich um meinen Guide aufgebaut habe, mit Printables und anderen Guides, hat sich dadurch ein sicherer Nebenerwerb ergeben. Dank der Kombination aus Workshops und den passiven Einkommensquellen konnte ich mich dann circa ein halbes Jahr nach dem Launch von meinem Guide selbständig machen.“

Wie viele Guides hast du denn verkauft?

„Das sind etliche tausende mittlerweile. Am Anfang, als ich den Guide rausgebracht habe, habe ich gedacht, das hält vielleicht nur einen oder zwei Monate. Das haben mir auch alle prognostiziert. Aber heute läuft er, ausgehend von den Download-Zahlen, noch immer mindestens genauso gut. Ich kann jeden Tag nur immer wieder staunen.“

Was ist der größte Unterschied zwischen deinem früheren und deinem aktuellen Job?

„Der größte, ganz banale Unterschied ist, dass ich aktuell ganz alleine in meinem Home Office sitze und diesem Job nachgehe. Es sei denn, ich gebe einen Workshop, sitze bei Kunden oder bin für ein Event gebucht. Ansonsten sitze ich hier alleine mit meinem Hund und schaue den Monitor an. Das ist der größte Unterschied – und natürlich alles andere, was die Selbständigkeit mit sich bringt. Man wartet halt nicht mehr jeden Tag darauf, dass einem Aufgaben zugeschoben werden, die man ausführt, sondern man ist komplett für sich selbst verantwortlich. Für seinen Gewinn, seinen Verlust, seinen Erfolg, seine Reichweite.“

Tanjas bester Arbeitskollege: ihr Hund Toto.

Wie meisterst du die Trennung zwischen Arbeit und Privatleben, wenn du jeden Tag von Zuhause aus arbeitest?

„Es ist nicht optimal und ich suche langfristig auch ein Büro, vielleicht auch ein Coworking Space. Irgendwann würde ich auch gerne noch Mitarbeiter einstellen, die mit mir arbeiten. Ein Team ist das, was ich derzeit am meisten vermisse. Aber man schafft es durch viel Disziplin – hört sich blöd an, aber ist tatsächlich so. Und, wenn Kunden von mir etwas erwarten, die sich nach einem Angebot automatisch in eine Erwartungshaltung begeben, dann kann man durchaus auch produktiv werden in einem Home Office (lacht).“

Wenn du von Kunden sprichst, meinst du Marken, die dann in Form von gesponserten Posts mit dir zusammenarbeiten?

„Das ist ganz unterschiedlich, weil ich mittlerweile ein extrem breites Feld bediene. Ich mache Workshops – offene und auch interne Workshops für Firmen, die mich für ein Mitarbeiter-Event buchen. Aktuell werde ich auch viel für Blogger-Workshops gebucht. Dann gibt es ganz normale Auftragsarbeiten für Unternehmen und dann bin ich auch noch irgendwie zur Influencerin geworden (lacht). Aber das kam dann erst mit der Zeit.“

Weißt du noch, welche Marke dich als erste kontaktiert hat? 

„Gute Frage! Zum ersten Mal Influencerin genannt, hat mich auf jeden Fall Microsoft, die mich mal für Interview auf einem Event auf die Bühne geholt haben, wo es um Influencer ging. Davor habe ich mich nie so gesehen.“ 

Ob Auftragsarbeiten oder kreative Projekte für ihre eigenen Accounts – das Feld, das Tanja bedient, ist breit.

Wie viele Stunden arbeitest du denn circa pro Woche?

„Oh Gott, das habe ich noch nie ausgerechnet. Ich würde fast sagen 24/7. Der normale Job als ,Künstlerin‘, in dem ich mich um Letterings und Workshops kümmere, der wäre eigentlich endlich. Wenn ich nur das machen würde, könnte ich freitagabends einfach Feierabend machen und mich verabschieden. Aber dadurch, dass ich mittlerweile auch eine Community habe, die ich ernähre mit neuen Ideen, hänge ich da rund um die Uhr drin. Das kennt jeder, der einige Follower hat auf Instagram. Da gibt es nie Feierabend.“

Hast du denn eine Arbeitsroutine, die deinen Tag bestimmt? 

„Ich hatte eine Arbeitsroutine vor dem Buchprojekt, dann wurde alles über den Haufen geworfen und jetzt versuche ich gerade, diese Routine wieder einzuführen. Also mein Mann hat einen klassischen Job in einer Agentur, der verlässt meistens zwischen 8 und 8.30 Uhr das Haus. Da stehe ich erst mal auf, weil ich kein Morgenmensch bin. Dann mache ich mein Youtube-Yoga, darauf folgt mein erster Kaffee – und mit dem ersten Kaffee mache ich dann auch die erste E-Mail-Runde. Bis mittags hänge ich also erst mal an E-Mails, Angeboten und Rechnungen fest. Am Nachmittag stehen entweder Termine inhouse oder in der Stadt, Letterings oder Vorbereitungen auf dem Programm.“ 

Eine Sache, die du an einem Arbeitstag nicht missen kannst?

„Auf keinen Fall vermissen kann ich Gassi-Runden mit meinem Hund, das ist der erholsame Teil von meinem Arbeitstag. Und meine Instagram-Storys. Ich glaube, kein Tag vergeht ohne eine Instagram-Story von Frau Hölle. Was aber vielleicht auch daran liegt, dass meine Instagram-Stories mittlerweile mein Ersatz sind für Arbeitskollegen. Wenn ich bis mittags keine Story gemacht habe, kommt schon die erste Nachricht, ob es mir gut geht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass einige Leute meine Stories wie Gzsz schauen.“

Wenn du zwischen den Bereichen Buch, Blog, Auftragsarbeiten und Workshops entscheiden könntest – welcher wäre dir da am liebsten?

„Wenn es nicht so kraftaufwändig wäre, würde ich am liebsten Workshops machen oder andere Events mit Menschen. Weil das aber auch am stärksten an meiner Kraft zehrt, bin ich ganz froh über den Ausgleich, den ich durch das Online-Geschäft habe.“

Am allerliebsten teilt Tanja ihre Leidenschaft mit ihren Workshop-Teilnehmern.

Gibt es Stunden, in denen du dich bewusst dazu entscheidest, off zu sein und das Handy beiseite zu legen?

„Gibt es, aber selten. Auch wenn ich abschalte, habe ich mein Handy trotzdem immer irgendwo in der Nähe. Aber was mir wirklich hilft, ist mit meinem Hund rauszugehen.“

Hast du denn Mitarbeiter, die dir helfen und gewisse Dinge abnehmen?

„Ich habe eine Office-Assistenz, also alle auf Minijob-Basis, die vor knapp einem Jahr bei mir angefangen hat. Und dann habe ich seit drei bis vier Monaten eine Mitarbeiterin für Online-Marketing, die sich vor allem um Facebook- und Newsletter-Marketing kümmert.“

Fällt es dir schwer, Sachen abzugeben? 

„Nein, ganz im Gegenteil. Das liegt aber sicherlich auch daran, dass ich mich als frühere Produktmanagerin immer mit der Frage beschäftigen musste: Wie kann ich die Aufgaben umshiften, damit die Arbeit bestmöglich verteilt ist? Ich glaube, das liegt mir im Blut. Ich würde mich gerne noch viel mehr vergrößern.“

Auch wenn Tanja eine Mitarbeiterin hat – ein Wochenende offline hat sie trotzdem nur selten. 

Wenn wir schon von Zukunft sprechen – was glaubst du denn, wie sich dein Berufsbild verändern wird? Und was wirst du tun müssen, um der Veränderung standzuhalten?

„Was ich schon immer mache, ist am Zahn der Zeit zu bleiben und bei allen Social Media-Kanälen ein Auge auf neue Produkte und Trends zu werfen und sich nicht auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Gut möglich, dass in drei bis vier Jahren keiner mehr den Stift in die Hand nimmt, um schöne Sachen zu schreiben. Daher versuche ich immer, der Zeit einen Schritt voraus zu sein oder zumindest zu gucken, was es da an Neuigkeiten gibt.“ 

Wie gehst du denn mit gesponserten Posts um? Hast du eine Richtzahl, die du nicht überschreiten willst?

„Dazu kriege ich durchaus schon mal Nachrichten, sonst würde ich mich damit nicht beschäftigen. Oft finde ich auch Foreneinträge, in denen es heißt, dass Frau Hölle nicht angemessen kennzeichnet. Da kann man noch so viel kennzeichnen – es wird immer Leute geben, die dir da ans Bein pinkeln wollen. Ich habe das große Glück, dass ich nicht von meinem ,Influencertum‘ leben muss. Glücklicherweise ist das ein Nebenerwerb und ich kann mir die Sachen aussuchen, die zu 100 Prozent zu Frau Hölle passen. Dennoch kennzeichne ich Kooperationen und PR Samples ordnungsgemäß und erwarte das auch von jedem anderen Social Media-Nutzer.“ 

Was würdest du denn anderen Frauen raten, die darüber nachdenken, sich mit ihrer Idee selbständig zu machen?

„Mein größtes Mantra ist immer: Machen, machen, machen. Ich kenne das ja selbst, manchmal verfängt man sich so in Social Media und lässt sich stundenlang von tollen Accounts inspirieren und am Ende ist man dann so weit, dass man sagt: das kann ich selbst nicht. Diesen Teufelskreis sollte man natürlich vermeiden. Gerne nach Inspiration suchen, aber dann auch auf die eigenen Fähigkeiten vertrauen. Jeder Mensch ist ein Individuum und deshalb kann jeder mit seinem eigenen Können auch Erfolg haben. Jeder bewirbt es anders, jeder kommuniziert es anders. Daher: machen, nicht verzweifeln, aber vielleicht erst mal klein anfangen. Ich selbst habe auch erst mal mit einer vier-Tage-Woche angefangen und mich so langsam hochgearbeitet. Das hat mir gut getan.“

„Wir müssen agieren und reagieren!“ Quelle aller Bilder: Instagram | frauhoelle

Gibt es etwas, das du im Nachhinein anders machen würdest?

„Nein, ich fand echt gut so, wie es war. Was aber vielleicht auch daran liegt, dass nichts davon geplant war. Ich hatte nie geplant, mich selbständig zu machen oder Leute anzustellen. Wichtig ist, dass man nicht nur agiert, sondern auch auf die veränderten Umstände, vielleicht auch den Erfolg, reagiert. Und weiter wächst.“

Was sind nach dem Buch deine nächsten Schritte?

„Ganz klar: Zum einen möchte ich meine digitale Frau Hölle-Welt vergrößern. Beispielsweise könnte ich mir vorstellen, die Inhalte der Workshops zu digitalisieren, sodass sie über die Workshops hinaus auch online konsumiert werden können. Das heißt aber nicht, dass es keine Workshops mehr geben soll. Ganz im Gegenteil. Ich liebe es, mit Menschen zusammen zu arbeiten, ihnen etwas beizubringen und mit ihnen meine Leidenschaft zu teilen. Ideal wäre eine Mischung, die mir eine Abwechslung zwischen Workshops und ruhigeren Phasen erlaubt, in denen ich aber trotzdem durch mein Online-Angebot weiterhin passiv Geld verdiene.“ 

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