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Warum ich meine Essstörung nie besiegen werde

200 Gramm Schokolade, eine große Pizza, eine Packung Bananen-Split-Eis, eine Tüte Chips, zwei Frikadellen und eine große Tüte Gummifrüchte, alles durcheinander – in einer guten Stunde. Das war mein normales Pensum, denn ich leide an „Binge-Eating-Disorder“, eine Essstörung, die mit unkontrollierbaren Essanfällen einhergeht.

 

Totaler Kontrollverlust 

In meinen schlechtesten Zeiten habe ich täglich unkontrolliert fünf- bis zehntausend Kalorien in mich reingestopft. Immer, wenn ich traurig, wütend, alleine war, konnte ich nur noch daran denken: Ich muss essen. Sofort. Egal was. Uralte zermatschte Müsliriegel aus der hintersten Schreibtischschublade, ekelhaft süßer Kuchen, kalte Ravioli. Ganz gleich, ob es schmeckte, ganz gleich, was es kostete. Hauptsache, ich fühlte nichts mehr.

Nach diesen Attacken ging es mir körperlich schlecht. Ich hatte Bauchschmerzen, Schlafstörungen und Schweißausbrüche. Aber vor allem ging es mir seelisch schlecht. Ich fühlte mich schuldig, weil ich mich nicht unter Kontrolle hatte, weil ich so gar nicht meinem Bild einer erfolgreichen Frau entsprach. Ich schämte mich und ekelte mich vor mir selbst. An vielen Tagen konnte ich mir danach selber nicht mehr in die Augen schauen – den Blick in den Spiegel mied ich, abends ging ich ungeduscht und ohne mich abzuschminken ins Bett. Geplagt von schlechten Gefühlen und mit dem Vorsatz: Das passiert nie wieder!

Doch es passierte immer und immer wieder. 16 Jahre lang. Ich bin 31 Jahre alt. Die Hälfte meines Lebens habe ich keine normale Beziehung zu mir, kann mich selber nicht lieben. Die Hälfte meines Lebens bin ich jeden Morgen mit dem Vorsatz in den Tag gestartet, es heute endlich zu schaffen: endlich nicht mehr unkontrolliert zu essen, endlich abzunehmen. Und ich habe wirklich jede Diät ausprobiert: Habe Punkte gezählt und Shakes geschüttelt, Low-Carb, Low-Fat, Low-Alles getestet. Nichts hat geholfen.

Ich selber kam immer zu kurz

Am Ende haben mich die Essattacken immer wieder eingeholt. Mal ein oder zwei Mal die Woche, mal täglich. Auf der Arbeit nach ergebnislosen Meetings, am Wochenende nach der Rückkehr in meine einsame Wohnung, bei meiner Familie auf Heimaturlaub. Ich habe immer nach Harmonie gesucht und versucht, es allen recht zu machen, kam dabei selber viel zu kurz. Sobald es mir nicht gut ging, plünderte ich die Vorräte oder ging in den nächsten Supermarkt, um Nachschub zu besorgen und meine Gefühle mit Nahrung zu betäuben.

All das geschah heimlich. Ich war immer darauf bedacht, dass bloß niemand etwas davon mitbekam. Bis heute weiß keiner, dass ich diese Essstörung habe – darum schreibe ich diesen Text auch unter Pseudonym. Nicht meine Familie, nicht die Kollegen, nicht mein Freundeskreis. Für sie bin ich die erfolgreiche junge Frau, die bis jetzt noch alles mit Disziplin, Motivation und guter Laune hinbekommen hat, die erfolgreich im Job ist, hundertzwanzig Prozent gibt und immer ansprechbar ist. Die vielleicht ihren Babyspeck nie ganz verloren hat, bei der das aufgrund ihrer Größe und ihrer forsch-fröhlichen Art aber nicht auffällt.

Therapie? Ich doch nicht!

Das erste Mal, dass ich eine Zeit ohne Essattacken erlebte: drei Wochen Sydney mit einer lieben Freundin im letzten Winter. Wir genossen die Sonne, das Meer und das Großstadtleben – und es gab nicht die leiseste Versuchung eines Essanfalls. Ich aß Eis, Waffeln und Burger mit Hingabe, aber ich benutzte sie nicht, um meine Gefühle zu betäuben.

Zurück im Alltag – zurück bei den Essattacken. Ich war enttäuscht von mir selber: Warum konnte ich nicht einfach normal sein? Ich wurde immer wütender auf mich. Und man ahnt schon, wie ich auf diese Wut reagierte: mit neuen Essattacken.

Dass gar nicht meine Kilos das Problem sind – das ging mir erst langsam auf. Im Internet las ich von der Essstörung „Binge Eating Disorder“. Erst dachte ich: „Eine Essstörung? Ich? Never!“ Dann kam die Einsicht: „Eine Essstörung? Ich? Vielleicht.“ Doch anstatt mir Hilfe zu holen, war ich davon überzeugt, dass ich das selber hinbekäme. Mit noch strikterer Kalorienzählerei, noch besseren Vorsätzen. Der Gang zu einem Therapeuten? Für mich noch unvorstellbar, ein Tabu. Klar, in meinem Job im sozialen Sektor erzählte ich immer: „Wenn ihr Hilfe braucht, dann holt sie euch!“ Aber selber hielt ich mich daran nicht. Ich sah mich als Einzelkämpferin, wollte niemandem zur Last fallen. Ich wollte – nein, ich musste das alleine schaffen.

Auch Einzelkämpfer dürfen sich Hilfe holen

Der Tritt in den Arsch kam plötzlich und unerwartet: Wir saßen in kleiner Runde bei der Arbeit zusammen, sprachen von Krisenbewältigungsstrategien und bevor ich das übliche Blabla von Ritualen und Ankerpunkten abspulen konnte, legte ein junger Mann los. Berichtete, dass er unter Depressionen leide. Dass das Leben damit manchmal kacke sei. Aber dass er sich Hilfe geholt habe, bei einem Arzt: er bekomme Medikamente und eine Therapie, habe Unterstützung von Freunden und der Familie und komme klar.

Für mich war dieser Moment – krass. Ich war sprachlos. Da saß dieser junge Mensch. Und hatte so viel Mut, davon zu berichten, dass er die Depression nicht glorreich besiegt hatte, sondern dass er einen Weg gefunden hatte, mit ihr zu leben. Nicht alleine, sondern mit der Hilfe von anderen. Langsam dämmerte es mir: Wenn er das konnte – vielleicht schaffe ich das ja auch?

Juhu – jemand versteht mich!

Von da an wurde mir immer klarer: ich wollte Hilfe. Erst einmal ging ich – was sonst – ins Internet. Dort las ich: Kontaktieren Sie Ihren Hausarzt. Ich hatte keinen Hausarzt. Also telefonierte ich die Allgemeinmediziner unserer Stadt durch: „Guten Tag. Ich habe eine Essstörung.“ Ich wollte so schnell wie möglich einen Termin, hatte Angst, dass mein Mut mich verlässt. Ich erhielt drei Absagen – und eine Zusage.

Nervös wie zuletzt bei meiner praktischen Führerscheinprüfung ging ich zu meinem neuen Hausarzt, erzählte ihm meine Geschichte. Normalerweise bin ich eine recht eloquente Gesprächspartnerin, doch da saß ich nun und stotterte, brachte nur Phrasen hervor. Er hörte mir zu. Ganz geduldig. Gab zu, kein Experte auf dem Gebiet zu sein, aber meine Not zu verstehen. Das war für mich ein großartiges Gefühl, da ist jemand, der mich versteht! Er stellte mir eine Überweisung zum Psychotherapeuten aus. Diagnose: „Essattacken bei sonstigen psychischen Störungen”.

Der erste Psychiater, den ich aufsuchte, konnte mir einen Therapiebeginn in zwei Jahren anbieten. Für mich kam das nicht in Frage. Also suchte ich weiter. Andere Experten hatten ähnliche Wartezeiten – oder fühlten sich für meine Diagnose nicht kompetent. Ich war ernüchtert und kurz vorm Aufgeben. Sollte ich doch scheitern?

Die Konfrontation mit meinem Leben ist hart

Schließlich habe ich einen Termin bei einer Psychotherapeutin erhalten. Meine Therapie hat vor gut sieben Monaten angefangen. Gemeinsam machen wir uns auf die Suche nach den Baustellen in meinem Leben. Die Therapie-Stunden bezahle ich selber, da die Ärztin für Kassenpatienten nicht zugelassen ist. Das ärgert mich ab und zu ein wenig – doch es lohnt sich.

Es ist hart für mich, mit meinem Leben und meinen Gefühlen konfrontiert zu werden. Manchmal tut es weh, und oft grübele ich wochenlang über einzelne Sätze. Oder mache mir vor einer Stunde Gedanken: Soll ich das überhaupt ansprechen? Was wird meine Therapeutin wohl dazu sagen? Schritt für Schritt gehen wir gemeinsam weiter. Ringen miteinander, arbeiten uns ab an meinem Verhalten, meinen Gedanken und Emotionen in Vergangenheit und Gegenwart.

Die Folge: Mir ist viel häufiger egal, was andere über mich denken. Und ich merke: Ich kann besser mit Konflikten und Einsamkeit, Wut und Trauer umgehen, und ich lerne, mich zu akzeptieren. Ich bin stärker geworden, kann meine Gefühle artikulieren. Als ich das erste Mal in einer E-Mail schrieb: „Ich bin unfassbar wütend…“, kam mein Chef angesprungen und war ganz besorgt – ich war begeistert. Früher hätte ich das nie geschrieben, sondern mit drei Käsebrötchen und einer Packung Schokoküssen den Frust in mich hineingegessen.

Ich muss meine Gefühle nicht unterdrücken

Ich erlaube mir selber, ich zu sein, auch mal zickig, herrisch und arrogant. Und ich erlaube mir, Schokolade und Kuchen und Eis zu essen. Wenn ich will – nicht, wenn ich muss. Das ist okay. Und ich bin manchmal traurig, aber meine Tränen brauche ich nicht zu verstecken. Nicht bei Einsamkeit, nicht bei Liebeskummer. Ich muss nicht so tun, als ob es mir ganz wunderbar ginge und dann die Gefühle anschließend wegessen. Ich habe mit Sport begonnen. Nicht, um abzunehmen, sondern weil ich merke, dass es mir gut tut: Es gibt mir Energie, Gelassenheit – und gerade nach Sitzungen mit anstrengenden Menschen und ohne Ergebnisse gibt es nichts Besseres als zwei Stunden Auspowern im Fitnessstudio.

Das ist noch kein Happy End – ich habe die Essstörung nicht besiegt. Tief in mir schlummert das Verlangen, meine Gefühle einfach wegzuessen. Ab und an bricht es hervor. Aber ich habe gelernt, damit zu leben, mich selber zu lieben – ich habe gelernt, mit mir zu leben.

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