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Wenn dein Heimatort auf einmal nicht mehr dein Zuhause ist

Der Besuch bei einer alten Freundin und ein Spaziergang durch meine Heimatstadt lassen mich fragen: Was bedeutet Heimat eigentlich?

 

Raus in die Welt 

„Warum willst du denn dein Praktikum in einer Großstadt und noch dazu so weit weg von zu Hause machen?“ – die Frage klingt wie ein Vorwurf. Ich habe das Gefühl mich rechtfertigen zu müssen und versuche mich zu erklären. Ich sage ihr, dass ich mal ausprobieren möchte, in einer Großstadt zu leben. Einfach um herauszufinden, ob das was für mich ist. Einen Versuch ist es ja wert. Sind ja nur sechs Monate. Ihre nächste Frage lässt nicht lange auf sich warten: Ob ich nach meinem Studium aber hier in der Heimat bleiben würde. Ich antworte nur kurz, dass ich das noch nicht weiß. Erst mal ein Praktikum, dann den Bachelor. Was danach kommt, weiß ich nicht. 

Gestellt hat mir diese Fragen gerade Amelie. Sie ist eine meiner Freundinnen aus meiner Heimatsstadt. Sie hat andere Pläne: Sie arbeitet im Unternehmen ihres Vaters, ist in einer langjährigen Beziehung, möchte in einem Jahr heiraten und Kinder bekommen. Spricht ja nichts dagegen. Jeder, wie er möchte. Doch warum habe ich das Gefühl, dass sie weniger offen für meine Lebensweise ist? Ich werde sofort in die: „Oh, Berlin. Du alter Hipster. Bist du wohl zu cool für die Kleinstadt geworden, seitdem du in eine größere Stadt umgezogen bist?!“-Schublade gesteckt. 

Ich weiß doch, wie über andere Bekannte geredet wird, die von hier
weggezogen sind. Eine Frage stellt sich mir dabei sofort:  „Wie kann man für
sich mit Anfang 20 entscheiden, für immer am selben Ort zu bleiben,
ohne herausgefunden zu haben, wie es ist, fernab von zu Hause zu leben?”

Was macht mich eigentlich glücklich?

Vielleicht fällt einem ja dann auf, dass etwas fehlt und dass es viel mehr zu sehen gibt, als die schnöde Heimat. Es gibt doch so viel zu entdecken. So vieles außerhalb der bisherigen eigenen kleinen Welt. Andere Städte, aber vielleicht auch andere Länder, andere Kulturen. Schließlich leben wir nur einmal.

Manchmal kommt es mir so vor, als ob viele von uns glauben, sie hätten noch ein paar mehr Leben als Reserve, so wenig wie sie ihre Möglichkeiten und Chancen nutzen. Oder kommen anderen diese Gedanken gar nicht? Vielleicht ist es ja wirklich eine Charakterfrage. Vielleicht liegt es ja wirklich daran, dass ich keine feste Beziehung habe und hier nicht so fest verankert bin. Verurteilen will ich dafür auch niemanden, doch wirklich nachvollziehen kann ich es nicht.

Die Dorfwelt ist sehr klein 

Ich habe mich von Amelie verabschiedet und laufe die mir altbekannten Straßen ab. Ich fühle mich allein und irgendwie fehl am Platz. Hier ist es mir zu klein. Hier gibt es nichts. Keine Konzerte. Kein Kino. Keinen Club. Noch nicht mal eine vernünftige Bar. Früher gab es wenigstens viele Dorffeste in den vielen Landjugenden, doch die gibt es seit den strengen Ausweiskontrollen auch so gut wie nicht mehr. Irgendwie traurig. Auf dem Weg zu meiner Mutter bin ich inzwischen im Stadtkern angekommen. Hier ist wirklich gar nichts los. Bis auf ein Bekleidungsgeschäft, einem Schreibwarenladen und einem Optiker gibt es nicht viel. Doch Samstagnachmittag ist dazu auch noch alles geschlossen. Alles wie ausgestorben. Restaurants gibt es schon, ja, aber nur italienische. Noch dazu haben beide im Sommer gleichzeitig für drei Wochen wegen Betriebsurlaub geschlossen. Oder halt, stopp. Es gibt noch ein griechisches Restaurant, bei dem allerdings darauf aufpasst werden muss, dass man keine Lebensmittelvergiftung bekommt. That´s all. Noch dazu ist man ständig auf ein Auto angewiesen.

Spontan ist da schwierig. Und wenn doch etwas unternommen wird, lernt man keine neuen Menschen mehr kennen. Jeder ist einem in irgendeiner Art und Weise um zwei Ecken bekannt. Die meisten Leute scheinen auch gar kein Interesse daran zu haben, neue Bekanntschaften zu machen. Solange jeder einen eigenen, langjährigen Freundeskreis hat, ist ja alles gut. Fremde Menschen stören in der alten Vertrautheit ja nur. Es kommt mir vor, als zählen hier in der Kleinstadt lediglich die guten alten Stammtischfreunde, eine feste Beziehung, am Wochenende Essen gehen und ab und zu mal ein Bier trinken. Alle hier ähneln sich so. Wichtig ist auch, welches Auto gefahren wird und ob man schon von dem Gerücht über die beste Freundin der Freundin eines Bekannten gehört hat. 

Immer weiter wie bisher? 

Doch wirklich glücklich und zufrieden kommen mir hier die wenigsten vor. Als ob sie in den tiefen ihres Herzens doch bereuen, es nicht wenigstens mal ausprobiert zu haben, aus diesem Ort abzuhauen. Auch scheint mir, als zähle kein wirkliches Interesse an den Personen, sondern nur die Oberfläche. Bloß nicht eintauchen. Politik interessiert auch so gut wie niemanden. Bei Wahlen wird oft so gewählt, wie die eigenen Eltern es einem vorleben. Warum auch mal nachdenken und hinterfragen, die werden schon Recht haben. Dabei finde ich gar nicht, dass man grundsätzlich dagegen sein sollte, was einem die Eltern raten, aber man darf doch nicht alles einfach so hinnehmen, wie es einem vorgelebt wird. Das wäre doch mal ein Anfang. 

Einfach ausbrechen, andere Gedanken spinnen … Aber nein. Alles gleich. Routine. Das ist nicht meine Welt. Ich will Multikulti. Ich will Inspiration. Ich will etwas erleben. Während ich so Laufe bemerke ich, dass mein Heimatort, keine Heimat mehr für mich ist. Zu Hause bedeutet für mich, wenn meine Mutter und mein Bruder in der Nähe sind oder ich schöne Momente mit Freunden erlebe. Nicht der Ort, an dem ich mal aufgewachsen bin und meine Kindheit verbracht habe. Denn dieser Ort, diese Straßen sind nicht mehr dasselbe wie einst. Sie haben mit meinen Erinnerungen an damals nichts mehr zu tun. Alles hat sich verändert. Das ist natürlich völlig normal, so ist das Leben eben. Nichts hält für immer und läuft einfach so weiter. 

Ich will mehr vom Leben 

Doch bevor ich gänzlich in Melancholie verfalle, muss ich lächeln. Es ist doch
in Ordnung. Vielleicht liegt es auch gar nicht hier an diesem Ort. Und auch
nicht an meinen Freunden von früher. Ich darf ihnen keinen Vorwurf machen. Vielleicht haben gar nicht sie sich verändert. Vielleicht habe einfach ich meinen Blickwinkel geändert. Das hier, diese Kleinstadt, ist ein kleiner Teil meines Lebens. Ich bin gespannt, welche Abschnitte es noch für mich bereithält. 


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