Foto: Kiwi.ki GmbH

Claudia Nagel: „In ungewohnter Umgebung kann man am meisten verändern“

Sie ist eine unserer „25 Frauen, die wir bis 2025 als DAX-30-CEO sehen wollen“ – im Interview erklärt Claudia Nagel, warum sich gut ausgebildete Frauen nicht mehr länger vor ihrer Verantwortung drücken sollten und welchen nervigen Satz sie von männlichen Geschäftspartnern zu hören bekommt.

 

Nie wieder nach dem Schlüssel suchen

Die
Idee zu Kiwi kam Claudia Nagel 2011, als die dreifache Mutter mit
Tüten und Taschen behängt vor ihrer verschlossenen Haustür stand
und sich fragte, warum man im 21. Jahrhundert immer noch so etwas wie
einen Metallschlüssel braucht. 2012 gründete die Ingenieurin und
ehemalige McKinsey-Beraterin mit zwei Partnern ihr
Hardware-Startup, mit dem herkömmliche Schlüssel überflüssig werden sollen:
Das
schlüssellose Zugangssystem Kiwi kann über einen kleinen Transponder
Haustüren automatisch aus einer Entfernung bis zu drei Metern
entriegeln. Außerdem lässt sich die Haustür über eine
Smartphone-App öffnen. Mehrere Millionen Euro konnten die Gründer
von Investoren einsammeln. Großkonzerne wie die Deutsche Post haben
mittlerweile Exklusivverträge mit dem Startup abgeschlossen.

Sie wurden im Sommer unter unsere „25 Frauen, die wir
bis 2025 als DAX-30-CEO sehen wollen“ gewählt – was dachten Sie,
als Sie davon gehört haben? Ist das ein Gedanke, mit dem sie sich
anfreunden könnten, oder gar kein Thema, mit dem sie sich zurzeit
beschäftigen?

„Herausforderungen
nehme ich immer gern an. Als ich von der Nominierung erfahren habe,
war ich zunächst erfreut. Persönlich hätte ich es befürwortet,
wenn eine solche Nominierung nicht nur unter Frauen gemacht wird,
sondern auch dann 50 Prozent Frauen unter den Top 25 sind, wenn man unter allen
Führungskräften, Frauen wie Männern, hätte wählen können. 
Unser
Ziel ist es, mit Kiwi bis 2025 ein so großes und erfolgreiches
Unternehmen aufzubauen, dass wir mit den DAX30-Unternehmen mithalten
können.

Wie wichtig ist Ihnen, eine Führungsrolle innezuhaben? Was verbinden
Sie mit Führung, worin besteht für Sie der Reiz einer Führungsposition?

„Persönlich
definiere ich mich über fachliche Kompetenz und Inhalte. Ich bin
kein Einzelkämpfer, sondern arbeite gern im Team. Führung ist für
mich weniger eine hierarchische Position als vielmehr eine Berufung.
Führung stiftet für mich Sinn, weil man aus einer Führungsrolle
heraus Werte, Visionen und Ideen vermitteln und weitergeben kann und
so reale Veränderungen herbeifüh
rt.

Sie waren viele Jahre Unternehmensberaterin bei McKinsey und sind
jetzt Chefin ihres eigenen Hardware-Startups – was bedeutete
erfülltes Arbeiten damals bei McKinsey, und was bedeutet es heute
für Sie?

„Etwas
zu verändern ist für mich wichtig. Ich stelle mir jeden Tag die
Frage, ob das, was ich getan habe, Wert gestiftet hat, also die
Situation für die Kunden, die Mitarbeiter oder das Unternehmen etwas
besser ist als zuvor. Darüber hinaus liebe ich die intellektuelle
Herausforderung. Ich löse gerne Probleme, bei denen komplexe
vielschichte Zusammenhänge zu analysieren und zu verstehen sind.
McKinsey war für mich die perfekte Symbiose von beidem:
Problemlösung und Hebel zur Veränderung. Die Verantwortlichkeit für
die Umsetzung ist jetzt im eigenen Unternehmen direkter spürbar.
Außerdem kann ich die Zielkonflikte, die sich bei der Wertfrage immer
stellen, direkter selbst für mich auflösen. Und zum Glück haben
wir mit Kiwi noch zahlreiche komplexe Herausforderungen vor uns, um
unseren Beitrag zur Internet-of-Things-Revolution zu leis
ten.

Was war der wichtigste Karrieretipp, den Sie je bekommen haben, und
von wem?

„Drei Tipps, die ich bekommen habe (neben vielen anderen wertvollen), die
sich aber nicht nur auf die Karriere beziehen:

Mein
Vater: Suche dir eine Umgebung, mit der du dich nicht von vornherein
gut identifizieren kannst, denn hier kannst du am meisten Veränderung
bewirken.

Meine
Mentorin: Ziehe regelmäßig eine Bilanz der Anzahl guter und
schlechter Tage, wenn es über mehrere Wochen mehr schlechte als gute
sind, warte nicht länger ab, sondern verändere dein Leben aktiv!

Ein
ehemaliger McKinsey-Kollege und Freund: Lächele mehr und sei
freundlich – nur weil du eine Frau unter einer ständigen Überzahl
von Männern bist, brauchst du nicht so verbissen sein.

Was ist Ihr wichtigster Antriebsfaktor,
was spornt Sie besonders an 
Ist
es die Aussicht auf Erfolg? Anerkennung durch andere? Etwas für die
Gesellschaft zu bewegen?

„Ich
würde gern die Welt verändern, die großen Probleme angehen – nur
fühle ich mich ob der Größe dieser Aufgaben insgesamt eher
machtlos. Was ich aber kann, ist, in meinem direkten Umfeld einen
gesellschaftlichen Beitrag leisten. Mit meiner Idee zu Kiwi trage ich dazu bei, den Alltag vieler Menschen zu
erleichtern.

Worauf legen Sie besonders Wert, was die Arbeitskultur in Ihrem
eigenen Unternehmen angeht, wie bringen Sie sich ein, um die Atmosphäre in Ihrem Unternehmen zu prägen?

„Respektvoller
Umgang miteinander und eine offene Feedbackkultur sind mir wichtig.
Ich versuche, das aktiv vorzuleben, denn ich bin davon überzeugt,
dass man nur von anderen erwarten kann, was man selbst auch vorlebt.
Und auch ich habe hier noch viel zu lernen, um meinen Ansprüchen an
mich selbst gerecht zu werde
n.

Für unsere „25 Frauen“-Wahl gab es auch Kritik – nur weil
jemand eine Frau sei, bedeute das nicht, dass sie den CEO-Posten
automatisch zum Besseren ausfüllen würde – welchen Vorteil würden
Sie sich davon erhoffen, dass mehr und mehr Frauen solche
Führungspositionen besetzen
?

„Ich
bin davon überzeugt, dass sich in unserer Gesellschaft viele
Probleme lösen würden, wenn es für Frauen wie für Männer
gleichermaßen normal wäre, eine Karriere in der freien Wirtschaft zu
machen. Die Vorteile reichen von der Kindererziehung, wo es sicher
vielen Familien guttun würde
, wenn der Vater und die Mutter
gleichermaßen präsent wären, von normaleren Arbeitszeiten, denn
man denke hier nur an Schweden, wo es ganz normal ist, dass Vater und
Mutter gleichhäufig die Kinder abholen und daher keine
Endlos-Meetings am Abend stattfinden, bis hin zur besseren Förderung
und Nutzung aller Talente, denn persönlich finde ich es eine große
gesellschaftliche Verschwendung, all die gut ausgebildeten,
ideenreichen, intelligenten Mütter nur, und das ist nicht
despektierlich gemeint, mit Kinderbetreuung zu beschäftigen.
Manchmal wundere ich mich auch darüber, dass die Forderung zum
Wandel nicht stärker von den Männern kommt, denn ich empfinde eine
deutlich größere Wahlfreiheit, wenn die Ernährerrolle nicht allein
auf einem Paar Schultern lastet.

Sind Sie für gesetzliche Frauenquoten?

Die
Frage ist aus meiner Sicht weniger eine nach der persönlichen
Einstellung, sondern nach der Notwendigkeit. Ich denke, dass wir es
uns wirtschaftlich nicht mehr leisten können, auf Frauen zu
verzichten. Daher halte ich die Quote für richtig. Gut ausgebildete
Frauen sollten ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft
gerecht werden und sich nicht mehr rausreden können. Das ist jetzt
bewusst überspitzt formuliert, denn natürlich muss an den
Rahmenbedingungen auch noch einiges getan werden, damit das
funktioniert.

Haben Sie je negative Erfahrungen in Ihrer Karriere gemacht, die Sie
damit in Zusammenhang brachten, dass Sie eine Frau sind? Wie sind Sie
damit umgegangen, falls ja?

„Ich
höre immer mal wieder den Satz von männlichen Kunden und Geschäftspartnern, die mich noch nicht kennen: ,Sie haben
sicher keine Kinder, oder
?. Diesen Satz kriegen Männer wohl eher
nicht zu hören.

Einen sicheren Job zu verlassen und ein eigenes Startup zu gründen, bedeutet auch Risiken. Was war für Sie seit der Gründung Ihres
Unternehmens die größte Herausforderung oder Schwierigkeit, und wie
sind Sie damit umgegangen?

„Am
schwierigsten war es, zu entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt war, meinen Job bei McKinsey aufzugeben. In der Zwischenzeit bedeutete das
jede Menge Extraarbeit und eine Dreifachbelastung: Beruf, Familie und
Gründung
Wir
sind mit Kiwi schnell gewachsen, haben bereits mehr als 50
Mitarbeiter aus 18 Ländern und sechs Kontinenten, so dass es jetzt auch
ohne meinen vorherigen Job jede Menge zu tun gibt. Familie und
Gründung unter einen Hut zu bringen
bleibt meine größte
Herausforderung. Es braucht eine gute Organisation und einen
verständigen Ehepartner, der mit anpackt.


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