Foto: Stocksnap

Mode und Körperbilder: Die Skinny-Jeans ist tot, es lebe die Skinny-Jeans

Wir alle haben sie im Schrank: Die Skinny-Jeans ist seit Beginn der 2000er zum modernen Klassiker geworden. Doch is „skinny as“ wirklich das Körperideal, das wir alle anstreben sollten?

 

Inventur_Null: Eine Konferenz zur Skinny-Jeans

Meine Mutter legte sich noch in die Badewanne, um in den 1970er Jahren aus ihrer Jeans eine hautenge Angelegenheit zu machen. Ob meine Liebe zur Skinny-Jeans so weit gehen würde? Ich weiß es nicht. Zum Glück muss
das ja aber auch nicht mehr sein. Dank der Entwicklung des Stretchs, klebt das
Lieblingskleidungsstück der Generation Y, auch ohne vorheriges Bad, auf der
Haut. Die Hose, die mehr zeigt, als sie versteckt, ist aus dem Straßenbild
deutscher Großstädte nicht mehr wegzudenken. Jeder trägt sie. Die Skinny-Jeans ist zum modischen Klassiker geworden.

Aber, was sagt die Skinny-Jeans eigentlich über unser ideales Körperbild
aus? Und ist ihre Zeit wirklich vorbei? Mit diesen Fragen hat sich die Konferenz „Inventur_Null
Die dünne Dekade: Nachruf auf die Skinny Jeans“, die gestern im Roten Salon der Schaubühne in Berlin stattfand, beschäftigt.

„Warum tragen Junkies immer enge Hosen?“ „Weil sie es können.“

Eingeladen zu der Konferenz haben Christiane Frohmann, Autorin und Verlegerin und Diana Weis, ebenfalls Autorin und freie Modejournalistin. Ihr Ziel: Mode als soziale Praxis am Beispiel der Skinny-Jeans zu diskutieren und damit, passend zur Fashionweek, eine Brücke zwischen Wissenschaft, Fashion und Gesellschaftsanalyse zu schlagen. Im Mittelpunkt stand dabei nicht die Designerseite, die die Skinny-Jeans vorübergehend beerdigt hat, sondern die breite Masse.

Los ging es mit einem Vortrag von Christiane Fohlmann selbst, über Christiane F., die mit „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ bekannt gewordene, von der Wissenschaftlerin als „Skinny-Ikone“ beschriebene, Kunstfigur des Heroin Chic für Mädchen, und ihre Nachfolgern Kate Moss in den 1990er Jahren sowie Karl Lagerfeld seit den frühen 2000ern. Am Beispiel von Kate Moss, die in den 1990er Jahren ein neues Körperideal symbolisierte, erklärte Christiane Frohmann, die ästhetischen und körperpolitischen Entwicklungen, die zu der Manifestierung der Skinny-Jeans in unserer heutigen Gesellschaft geführt haben.

Ludwig XVI und die Skinny-Jeans

Nachdem Michael Rieser, der bei der renommierten Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken promoviert, einem im 16. Jahrhundert beginnenden Abriss der Entwicklung hin zur heutigen Skinny-Jeans nachgezeichnet hatte, sprach die Skinny-Jeans-Expertin Dr. Mahret Kupka über den hinter der Hose stehenden Schlankheitswahn und dem Körper als letzte Bastion der Kontrolle, in den unsicheren Zeiten, in denen wir leben.

Diana Weis und die Kreativdirektorin und Verlegerin Cathy Boom zeigten anschließend, dass die Skinny-Jeans keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Viel mehr kehrt sie in modischen Zyklen seit den 1950er Jahren immer wieder. Mit ihr sind sowohl popkulturelle Authenzität als auch massenkompatible Marketing-Erzählung verbunden. Während in der Vergangenheit Ausdruck eines Lifestyles war, ist sie heute allerdings viel mehr modische Suggestion eines Rockstar-Lebensstils, den man selber gar nicht lebt. Aber, da ist sich Cathy Boom sicher, die Skinny-Jeans is here to stay.

Um die Skinny-Jeans als manifestierte Körpernorm, die einmal mehr zeigt, dass Mode ein bestimmtes Körperideal propagiert, das im Bestreben dieses zu Erreichen bis zur völligen Selbstzerstörung führen kann, ging es in dem Vortrag „Thigh Gaps und Muffin Tops“ der Körper- und Bewegungssoziologin Dr. Melanie Haller. Sie sieht die Skinny-Jeans als Ausdruck einer historisch gewachsenen Körperfeindlichkeit.

Von Kate zu Kim

Abgeschlossen wurde die Konferenz von Diana Weis mit einem Blick auf Kate Moss und Kim Kardashian als „Ikonen des frühen 21. Jahrhunderts“. In den beiden Frauen stehen sich zwei völlig unterschiedliche Körperideale gegenüber, die auf sehr archetypische Vorstellungen von Weiblichkeit zurückführbar sind: Kate Moss als sich selbst vernachlässigende Kindfrau und Kim Kardashian als wollüstige, überstylte Wuchtbrumme. Daraus leitet Diana Weis interessante Rückschlüsse auf die heutigen Körperideale aus, während Kate Moss den Aufstieg des Arbeitermädchens verkörpere Kim Kardashian ein absolutistisches, monarchisches Körperbild, das in der Antwort Kardashians auf die Frage, ob sie sich tätowieren lassen würde, Bestätigung findet:


„You don´t put a bumper sticker on a Bentley“.

Am Ende der ersten Konferenz stand fest: Die Skinny-Jeans ist, zum Leid der Fashionindustrie, ein neuer Klassiker geworden, der so schnell nicht aus unserer Gesellschaft verschwinden wird. Das sagt viel über das vorherrschende Körperbild aus. Die Skinny-Jeans hat unsere Vorstellung eines idealen Körperbilds enorm geprägt, gleichzeitig ist sie Ausdruck dessen. Sie manifestiert sich selbst. Das sollten wir uns bewusst machen. Mode ist niemals nur Mode. Sie kann unglaublich viel Spaß machen, Ausdruck von Selbstzufriendenheit sein und unsere Persönlichkeit nach außen tragen – sie kann aber auch ein normatives Antikörperbild kreieren und unterstützen. Die Skinny-Jeans darf ruhig ein neuer Klassiker sein, sie sollte aber nicht ein Körperbild ikonisieren, das viel zu viele Menschen nur durch Selbstzerstörung erreichen können. Die Skinny-Jeans ist nur eine von vielen Jeansformen, genauso wie der dünne Körper nur einer von vielen möglichen Körperformen ist – schön sind sie alle!

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