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Pflege: Es mangelt an Personal und Diversität – doch warum eigentlich?

Wirtschaftlich Denken ist nicht verboten – und schon gar nicht unmenschlich. Wieso gestehen wir das also nicht auch Pflegerinnen und Pflegern zu, sondern holen hier immer wieder den Begriff der Berufung hervor? Wieso diese Haltung so problematisch ist, hat Diana Heinrichs aufgeschrieben.

 

Pflege: Einer wachsenden Branche fehlen die Mitarbeiter

So viele Wachstumsmärkte haben wir in der Bundesrepublik nicht mehr. Deutschland ist ein reifer Markt, der sich über ein Quartalswachstum von 0,7 Prozent freut. In aufstrebenden Ländern wie China und Brasilien vertauschen sich die Zahlen – dort geht es eher um 7,0 Prozent. Doch auch hierzulande gibt es einige wenige Branchen, die kräftig wachsen. Der soziale Sektor ist so eine Branche. Immer mehr Alte und Kranke müssen zu Hause oder in Heimen versorgt werden. Wo ein Mangel an Kräften herrscht, müsste man meinen, steige die Attraktivität für die Beschäftigten. Nur ist das nicht so ganz der Fall. Denn die meist weiblichen Pflegerin spüren zwar den Druck – doch leider kaum Wertschätzung.

Woran liegt das?

Isa Hoffinger schaute sich jüngst für die FAZ in der Branche um und zitierte unter dem Titel „Soziale Selbstausbeuter“ eine Anekdote aus einem Heim:

„Die Nachtwachensitzungen wurden zu überlangen Standpauken, in denen wir inbrünstig angehalten wurden, die Zahnputzbecher besser zu säubern und das Bereitschaftszimmer ordentlich zu halten. Oft waren diese Reden mit herablassenden Appellen an unsere Vernunft verbunden (‚Wir wollen doch alle, dass es hier nett ist, oder?‘).“

Kommentiert wurde die Szene dann folgendermaßen:

„Klingt, als seien die Mitarbeiter hauptsächlich damit beschäftig gewesen, sich gegenseitig zu erziehen, statt sich auf die körperlich anstrengende Arbeit (…) zu konzentrieren. (…) Im Sozialsektor wird praktiziert, was in anderen Branchen schwer möglich wäre: Nicht die Leistung wird primär beurteilt, sondern „der Mensch“ als Ganzes scheint aus der Sicht vieler Chefs ein tadelnswertes Mangelwesen zu sein, das der kontinuierlichen Selbstoptimierung durch Ratschläge von oben bedarf. “

Wie der Name schon sagt, geht es in diesem Sektor um soziale Tätigkeiten mit Hilfsbedürftigen. Eine urchristliche Angelegenheit, für die die monetäre Vergütung fast wie ein Sahnehäubchen erscheint. Denn aus der Hilfe heraus müsse der Mensch doch Erfüllung finden. Diese Mär glauben wir nicht wirklich, und doch zieht sie sich wie ein roter Faden durch den Sozialsektor. So sagte mir kürzlich eine Pflegerin mit mehr als 30 Jahren Erfahrung:

„Für mich ist Pflege kein Job. Es ist ein Beruf, weil Beruf von Berufung kommt.“

Klingt romantisch. Wer mit ihr arbeitet, der sieht das Gegenteil von Leistungsbetrug. In dieser Aussage spiegelt sich jedoch der Pflegenotstand wider. Denn mit diesem Gefühl der Berufung lassen sich viele Helferinnen unter Druck setzen – mal steht die eigene Leidenschaft, also die Berufung dahinter, mal die Teamleitung, mal die Angehörigen, mal die Kolleginnen. Im Pflegeteam springt man füreinander ein. Der alleinstehenden Oma leiht man sein Ohr jenseits der Minutenvorgaben. Vom Chef lässt man sich sagen, dass die Zahlen oder die Hygiene besser sein können. Man zieht einfach an einem Strang, denn anders wäre der Alltag gar nicht zu bewältigen.

Wenn hinter dem Pflegeberuf also Berufung steckt, warum dann die Abwärtsspirale?

Wenn die Branche also Jobs bietet, in denen die Mitarbeiter Erfüllung finden, was steckt dann hinter der Abwärtsspirale? Warum herrscht gerade hier dieser eklatante Personalmangel?

Pflege in Deutschland, ein Markt von mehr als 30 Milliarden Euro jährlich, ist so intransparent geworden, dass Druck primär ans schwächste Glied weitergeleitet wird: den Helferinnen vor Ort. Sie müssen sich ständig begutachten lassen. Dabei geht es eher weniger darum, wie ihre Arbeit beim Patienten ankommt, sondern mehr darum, wie sie sich in ihrer Organisation, dem Pflegedienst oder dem Heim machen. Nur wer hilft den Pflegerinnen wirklich mit der Pflege? Gibt ihnen Tipps? Bildet sie fort? Ist es wirklich das Helfersyndrom, dass bei so wenig Geld und so viel Tadel motiviert? Und haben das tatsächlich vor allem Frauen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass sich die Strukturen in den Heimen ändern müssten – und ja, auch die finanziellen Situation – um für die wachsende Branche auch ausreichend Personal zu finden? Denn Berufung schön und gut, aber auch und gerade die Leidenschaft für einen Beruf darf nicht zur Ausbeutung führen. Und vor allem, sollten gerade diese Menschen nicht alleingelassen, sondern geführt, betreut und gefördert werden.

Wann werden soziale Berufe eine Profession, weil Profession von professionell kommt? Wahrscheinlich genau dann, wenn wir es einfordern und damit strukturiert statt mit einem romantischen Blickwinkel anfangen. 

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