Foto: tandemploy

Warum wir Jobs teilen und tauschen sollten? Weil damit die Zukunft der Arbeit uns gehört!

Wir wollen Job mit Familie vereinbaren, nebenher eigene Projekte vorantreiben und auch Zeit zum Durchatmen haben. Aber diese Wünsche passen oft nicht zu den Jobs, die wir haben. Jana Tepe und Anna Kaiser wollen das ändern. Wir haben die Frauen für ihre Idee mit dem EDITION F 25 Frauen Award 2018 ausgezeichnet. Im Interview sprechen die Unternehmerinnen über Elternzeit, Wissensaustausch und die ideale Arbeitswelt.

 

Firmen, die noch immer arbeiten wie im Zeitalter der Industrie, haben keine Chance“

Jana und Anna teilen sich ihren Job. Zusammen sind sie CEO von Tandemploy – eine Plattform, die Arbeitgeber*innen mit Bewerber*innen zusammenbringt, die sich gemeinsam auf einen Job bewerben möchten. Zwei Personen teilen sich also eine Arbeitsstelle – genau wie es Jana und Anna eben auch praktizieren. Inzwischen vertreibt das Unternehmer*innen-Duo eine Software, die dabei hilft,  veraltete Arbeitsstrukturen in Konzernen anzupassen. Sie treibt der Anspruch an, das Arbeiten endlich wirklich flexibler werden muss. Und dieser Antrieb wurde noch stärker, als Jana Mutter eines Sohnes geworden ist.

Jana, erst einmal herzlichen Glückwunsch! Du bist Mutter geworden und gerade in Elternzeit. Wie funktioniert Vereinbarkeit von Beruf und Familie für euch als CEO-Tandem persönlich?

Jana: „Wir versuchen immer selbst zu leben, was wir auch mit Tandemploy nach außen tragen – und so teilen wir uns alle Aufgaben der Geschäftsführung im Tandem. Ich habe mir jetzt drei Monate Elternzeit genommen. Anna vertritt mich unglaublich toll und es war von großem Vorteil, dass wir schon vorher so eng zusammengearbeitet haben. Unsere Übergabe vor dem Mutterschutz dauerte keine drei Stunden. Natürlich arbeitet Anna jetzt nicht 80 Stunden, sondern wir haben gemeinsam etwas umpriorisiert und überlegt, wie wir die wichtigsten Themen am Laufen halten. Wenn ich wieder flexibel einsteige, geht außerdem mein Mann in Teilzeit – wir teilen uns also die Betreuung von unserem Sohn gleichberechtigt auf. Außerdem unterstützt uns eine Babysitterin in und ums Büro rum. So bin ich nie lange von meinem Baby getrennt.“

„Wenn nicht bei uns, wo sonst soll Vereinbarkeit klappen? “ – Jana Tepe

Anna: „Was Leute immer neidisch schauen lässt, ist, wenn wir erzählen, dass eine von uns drei oder vier Wochen im Urlaub war, wiederkommt und ein leeres E-Mail-Postfach vorfindet, weil die andere während ihrer Abwesenheit übernommen hat. Das ist schon der pure Luxus! Wir haben in den letzten Jahren sehr gute Bedingungen für flexibles Arbeiten geschaffen: zum Beispiel ein Schlaf- und Kinderzimmer, in das auch schon viele Kolleg*innen ihre Kinder mitgebracht haben, wenn sie früh wieder einsteigen wollten oder die Kita zu war. Auch für alle anderen Formen der Vereinbarkeit wie eigene Projekte oder Ehrenämter haben wir viel Raum und Verständnis. Viele aus unserem Team vereinen ganz unterschiedliche Lebensbereiche mit ihrer Arbeit bei uns. Eine Kollegin macht nebenbei eine Ausbildung zum Clown für Krankenhäuser und Hospize, ein anderer Kollege wird nun in einem viermonatigen Sabbatical ein Buch schreiben, viele unserer ITler*innen haben weitere selbstständige Projekte. Alle unsere Mitarbeiter*innen haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie sie ihr Leben gestalten möchten.“

Und was ist euch wichtig, wenn ihr über eure Lebensgestaltung nachdenkt?

Jana: „Für mich liegen die Prioritäten ganz klar auf meiner Familie und Tandemploy. Und genau darum geht es uns ja auch: zu zeigen, dass beides gleichzeitig möglich ist. Wir als Unternehmerinnen haben da eine große Verantwortung.“

„Wir haben nur das eine Leben. Und Arbeitszeit ist Lebenszeit. So sollten wir sie auch begreifen und gestalten – unabhängig davon, was für uns sonst noch im Leben wichtig ist.“ – Anna Kaiser

Wie sähe denn eure ideale Arbeitswelt aus?

Jana: „Unsere ideale Arbeitswelt – und hier dürfen und müssen wir ruhig utopisch denken – ist auf jeden Fall flexibler, vernetzter, kollaborativer und menschlicher.“

Anna: „Flexibilität in Organisationen brauchen wir, um im digitalen Zeitalter aktiv mitgestalten zu können. Firmen, die immer noch arbeiten wie zum Zeitalter der Industrialisierung, haben ja kaum noch Chancen, in unserer immer komplexeren Umwelt aktiv zu handeln und nicht bloß zu reagieren. Ihnen fehlt es schlichtweg an Reaktionsschnelligkeit und Kreativität. Und die Menschen brauchen Flexibilität, um ihr eigenes Leben – was ja statistisch betrachtet immer länger dauert – gut gestalten zu können.“

Wie können eure Platform und die Software dabei helfen, das zu realisieren?

Jana: „Wir geben den Mitarbeiter*innen in großen Unternehmen die Chance, dort aktiv die Zukunft der Arbeit mitzugestalten, Wissen zu teilen und mit den Jobs zu rotieren. Denn gerade bei den großen Arbeitgeber*innen arbeiten einfach viele Menschen, die in ihrem bestehenden Arbeitsverhältnis etwas verändern wollen. Das ist ungemein schwieriger als in einem neuen Unternehmen, wie unserem, neue Strukturen umzusetzen. Hier setzen wir an, denn wir wollen nicht nur in unserem Dunstkreis denken und wirken.“

Anna: „Die Software wird vor allem von Menschen genutzt, die etwas verändern und aktiv dazu beitragen wollen, dass sich innerhalb ihrer Organisationen etwas ändert – von großen Mittelständler*innen mit klassischen Strukturen bis hin zum innovativen DAX-Konzern, der aber dennoch unter Silodenken leidet.“

„Jobrotation“ und „Silodenken“ – was bedeutet das?

Jana: „Wenn jemand mit dem Job rotiert, wechselt er/sie innerhalb einer Firma für eine Zeit lang den Job und lernt neuen Bereich kennenlernt, zum Beispiel eine andere Abteilung oder einen anderen Standort. So schafft man einen Perspektivwechsel und das Kennenlernen neuer Themen innerhalb einer Organisation, ohne dass ein Jobwechsel nötig ist.“

„Jobrotationen bereichern dadurch, dass Wissen zwischen Abteilungen fließt, die Mitarbeiter*innen neue Sichtweisen kennenlernen und dadurch ein besseres Verständnis und Miteinander entsteht.“ – Jana Tepe

Anna: „Silo-Strukturen sind Strukturen, in denen Mitarbeiter*innen in ihrem eigenen Bereich vor sich hin arbeiten, ohne sich richtig gut mit anderen Abteilungen auszutauschen. Es fehlt oft an guter Kommunikation und Transparenz, was dazu führt, das Kolleg*innen an ähnlichen Themen arbeiten und sich nicht absprechen, Dinge sich verkomplizieren, Absprachen unendlich lange dauern und und und…“

Ihr rüttelt an den vertrauten Strukturen. Was für Reaktionen bekommt ihr aus der Arbeitswelt?

Anna: „Wir kriegen immer wieder unglaublich schönes Feedback, das wir tatsächlich auch sammeln und aufheben. Mir hat einmal eine Mitarbeiterin eines Konzerns verraten, dass sie ohne den Einsatz unserer Software gekündigt hätte, weil sich zu lange Zeit dort nichts bewegt hat.“

Jana: „Mich freut es immer sehr zu hören, wenn durch unsere Software Kolleg*innen zusammenfinden, die sich vorher nicht kannten oder sich gegenseitig auf dem Schirm hatten – und dadurch tolle neue Ideen oder Projekte entstehen. Wenn Leute herausfinden, dass irgendwo im Unternehmen Kolleg*innen für dieselben Themen brennen und vielleicht sogar schon super Konzepte dafür haben, oder in ähnlichen Lebensphasen stecken und man zum Beispiel den Job tauschen oder teilen könnte, finde ich das einfach klasse.“

Glaubt ihr, dass das die Zukunft der Arbeit ist?

Anna: „Wie unsere Arbeitswelt in zehn Jahren aussehen wird, weiß kein Mensch – auch kein*e Expert*in in diesem Feld. Das macht es ja so spannend! Natürlich sehen wir Tendenzen, zum Beispiel mehr vernetzte Organisationen und Projektarbeit. Aber mit Sicherheit wissen wir nur: Es wird sich viel und schnell verändern. Um dann handlungsfähig und innovativ sein zu können, brauchen wir flexiblere Strukturen und Arbeitsmodelle in Unternehmen. Die Zukunft der Arbeit gestalten wir hier heute, denn sie ist nichts, was irgendwann einfach über uns hereinbricht.“

Ihr seid offensichtlich glücklich mit eurem Job und denkt nicht daran, euch irgendwo anders zu bewerben. Was ist jedoch euer Tipp für all diejenigen, die mit ihrem Job unzufrieden sind?

Jana: „Macht was, verändert was. Fangt im eigenen Unternehmen an, und wenn das aussichtslos ist oder nicht klappt, dann steht auf und geht. Setzt ein Zeichen! Nur so verändert sich etwas.“

„Wenn es aussichtslos ist, dann steht auf und geht.“ – Jana Tepe

Was ratet denjenigen, die sich für ein Tandemmodell interessieren?

Anna: „Unseren Blog lesen, sich gut ins Thema reindenken und vorbereiten – und dann mit einem Vorschlag auf den/die Arbeitgeber*in zugehen. Je präziser ihr euch schon überlegt habt, wie ein Tandem in der Praxis aussehen könnte, umso besser. Das macht es konkreter und die Zweifel kleiner.“

Und wie geht es bei euch weiter?

Jana: „Ich komme bald wieder ins Büro zurück und dann teilen wir unsere Aufgaben nochmals etwas anders auf, sodass ich öfter aus dem Home Office und etwas zeitunabhängiger als zuvor arbeiten kann.“

Anna: „Für die Zukunft von Tandemploy planen wir, immer mehr Menschen – auch in großen Firmenkonstrukten – andere Arbeit zu ermöglichen. Im Bezug auf unser Unternehmen ist eins klar: Etwas anderes als das CEO-Tandemmodell gibt es für uns nicht mehr. Dass Jana jetzt so stressfrei in Elternzeit gehen konnte, hat uns einmal mehr darin bestätigt.“


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