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Kampf der Supereltern: „Haben wir eigentlich nichts Besseres zu tun?!”

„Mommy Wars“ oder auch „Mütterkriege“: Schon in der Schwangerschaft haben junge oder werdende Mütter heutzutage kein leichtes Leben, findet unsere Community-Autorin und schwenkt die weiße Fahne.

 

Der Kampf der Super-Eltern

Der Contest um den Titel „Germany’s Next Supermum“ tobt online und offline unermüdlich. Gewinnerinnen kann es auf der Suche nach perfekter Mutter- und Elternschaft aber keine geben: „Meinst du wirklich, dass DAS in deinem Zustand gesund ist?“, „Was, du stillst nicht? Dabei ist das so wichtig für das Bonding!“, „Du stillst immer noch? Hast du keine Angst, dass dein Kind einen psychischen Schaden bekommt?“, „Willst du echt jahrelang zu Hause bleiben? Was ist das denn für ein Vorbild?“, „Du willst schon wieder arbeiten gehen? Aber das arme Kind!“, „MEIN Kind kann aber schon laufen. Ich würde an deiner Stelle damit mal zum Facharzt gehen.“

Hände hoch, wer einen dieser Sätze oder ähnlich „gut gemeinte“ Kommentare als Schwangere oder Mutter noch nie gehört hat. Ich wette, die meisten Hände werden unten bleiben und das vermag einen kaum zu wundern. Wenn es um Themen rund ums Kind geht, will nämlich jede Mutter (oder die, die es mal werden will) gerne als Expertin erstrahlen und andere mit ihrem Wissen erleuchten. Dass manche Zeitgenossin anderen mit ihrem geradezu missionarischem Eifer ziemlich auf die Nerven gehen kann, erklärt sich von selbst, und, dass dieses Verhalten wahre Glaubenskriege unter Müttern weiter befeuert, ebenso. Aber warum sind wir Frauen eigentlich dauernd so garstig zueinander?

Perfektionismus – auch bei den Kleinsten

Wenn wir ehrlich sind, kommen wir Menschen als Prototypen auf die Welt – unausgereift, fehleranfällig und erst am Anfang einer sehr langen Entwicklungsphase. Länger als bei jedem anderen Säugetier, nebenbei bemerkt. In der Anthropologie spricht man auch vom „Menschen als Mängelwesen“. Dem steht ein gesellschaftlich weit verbreiteter Perfektionismus gegenüber, mit dem ständigen Imperativ zu funktionieren. Und zwar zackig, reibungslos und störungsfrei bitte! Am besten von Geburt an. Welches Baby schläft zuerst durch? Welches Kind dreht sich als Erstes vom Rücken auf dem Bauch? Und aus welchem süßen Kindermund kommen die ersten Worte nach möglichst kurzer Zeit?

Für manche Mütter – und teilweise auch Väter – arten derartige Vergleiche zu einem Wettstreit aus. So, als gäbe es einen Award für die „Supermutti 2016“ als „Mutterkreuz 2.0“ zu gewinnen. Als würde es der Entwicklung des kleinen Menschen, den die Natur uns in unsere Obhut gegeben hat, irgendetwas nützen, sie ständig mit der Entwicklung anderer kleiner Menschen zu vergleichen. Als wäre Wachsen und die Welt erkunden ein Wettbewerb, die PEKiP-Gruppe ein Trainingslager für Baby-Olympia. Und wer trägt eigentlich die „Schuld“ daran, wenn das eigene Kind nicht nach Lehrbuch funktioniert? Natürlich ausschließlich die Eltern. Zumindest, wenn es nach dem Ideal der „perfekten Elternschaft“ geht.

Mehr Schaden als Nutzen

Man kann sich zu Recht fragen: Was bringt es einem eigentlich, überall „die Beste“ sein zu wollen? Oder: Bringt es überhaupt etwas, sich – egal, ob als Berufstätige, Mutter oder auf den Körper bezogen – ständig mit Hinz und Kunz zu vergleichen? Und was ist eigentlich dieser ungeschriebene Kodex, dieser „gesellschaftliche Konsens“, an den sich alle, auf Teufel komm raus, halten sollen? Noch nie habe ich die umfangreiche Macht- und Diskurstheorie von Michel Foucault besser praktisch begreifen können als seit dem Moment, als ich meinem Umfeld von der Schwangerschaft erzählte. Ebenso erging es mir mit der Theorie des sozialen Vergleichs nach Leon Festinger und denen, die sein Werk weiterführten. 

Auf einmal wollte jeder „Experte“ sein, mit seiner Aussage in dem großen Diskursfeld „Mutter- und Elternschaft“ Recht haben und sich somit von allen anderen individuellen Erfahrungen und Überzeugungen abgrenzen. Sich hervortun, das beste Beispiel darstellen, ein „Wahrsager“ sein (im Sinne von: die Wahrheit kennen und definieren). Den Rest kann man sich denken; es wurden „gute“ und „schlechte“ Beispiele herangezogen, dabei über den einen oder anderen nebenbei hergezogen und Fälle sowie Experten aus den Medien zitiert. 

Es heißt nicht umsonst: „Viele Köche verderben den Brei“. Das Ende vom Lied: Anstatt voller Zuversicht, Selbstbewusstsein und „guter Hoffnung“ aus all diesen Gesprächen mit anderen (auch werdenden) Müttern hervorzugehen, war mein Hirn am Ende ein Synapsenchaos, ein Brei. Bis auf wenige Ausnahmen, die sich hier gern angesprochen fühlen dürfen, kam leider, sowohl vor als auch nach der Geburt kaum ein wirklicher Meinungsaustausch auf Augenhöhe innerhalb dieses riesigen Diskursraums „Muttersein“ zustande. Und tatsächlich, bei so einem diffusen, schwer fassbaren und vielschichtigen Thema müssen sich tatsächlich die Geister scheiden. 

Ordne ich die vielzitierten „Mommy Wars“ rund um Baby- und Kinderthemen also in die Vergleichstheorie und Foucaults Blick auf Diskurse, Wissens- und Machtstrukturen ein, handelt es sich simpel gedacht um Versuche, sich selbst im Vergleich positiv zu positionieren („Abwärts-Vergleich“) und gleichzeitig andere von den eigenen Ideen und Meinungen zu überzeugen, um Einfluss zu gewinnen, Doch genug der Theorie, warum Mütter sich möglicherweise gern die Augen auskratzen, wenn es um alles „rund ums Kind“ geht – der Nutzen tendiert gegen Null. Der Schaden, den das Selbstbewusstsein von Müttern und ihren Kindern dabei nehmen kann, ist nicht wirklich absehbar, aber unvermeidbar.

Haben wir nichts Besseres zu tun?

Die Arena, in der die typischen Müttergrabenkämpfe rund ums (Nicht-) Stillen, (Nicht-) Zuhausebleiben, um (Nicht-) Biokost und (Nicht-) Windelfrei stattfinden, hat sich selbstredend signifikant vergrößert, seit sich ein Millionenpublikum auf Facebook, Twitter und Instagram tummelt. Wo sonst als im grenzenlosen World Wide Web kann man so mühelos stänkern, meckern und es einfach immer besser wissen, ohne dem Gegenüber in die Augen sehen zu müssen? Oftmals kommt es mir – nicht nur unter Müttern (und Eltern im Allgemeinen) so vor, dass viele User in sozialen Netzwerken mit dem Login ihre guten Manieren einfach offline lassen. Reizthemen polarisieren – und solche gibt es nicht nur in Sachen Kindererziehung en masse. 

Aber egal, ob in der Krabbelgruppe, beim PEKiP, beim Elternabend oder auch in den Weiten des Internets: Haben wir eigentlich alle nichts Besseres zu tun, als unser Selbstbewusstsein durch das Niedermachen anderer Menschen und Meinungen aufzubessern? Wie sollen Eltern, die sich gegenseitig andauernd an die Gurgel gehen, für Ordnung in einem Sandkasten voller Kinderchaos sorgen? Wir können alle nur unseren eigenen Weg gehen und dürfen dabei auch die ausgetretenen Pfade verlassen, die uns irgendein „Konsens“, die Nachbarin oder ein Experte der Erziehungswissenschaften vorgibt. 

Oder, rein pragmatisch gedacht: Die Energie, die jede Mutter (und natürlich auch jeder Vater) spart, indem man nicht mehr an „Mommy-/Daddy Wars“ teilnimmt, lässt sich super für andere, wichtigere Belange nutzen. Um im Beruf weiterzukommen, sich ehrenamtlich für den Tier- und Umweltschutz einzusetzen, sich mit Politik zu beschäftigen oder selbst welche zu machen, neue Lösungen zu erarbeiten, die die Welt ein wenig verbessern. Oder einfach, um den eigenen Kindern, Familienmitgliedern und Freunden die Aufmerksamkeit und Liebe zukommen zu lassen, die sie verdienen. Ganz nach dem Motto: „Make Sense- not Mommy Wars“.

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