Foto: Edward Kimmel – wikimedia.org

Männer, überwindet eure Identitätskrise und werdet Feministen

Die Stärkung der Frauen in den letzten Jahren hat viele Männer scheinbar in eine Identitätskrise gestürzt. Daher stehen manche Männer dem Feminismus aggressiv ablehnend gegenüber. Dabei kann der Feminismus den Männern helfen, die Identitätskrise zu überwinden, wenn Männer selbst Feministen werden. Aber auch Männer, die dem Feminismus gegenüber positiv eingestellt sind, müssen ihre Passivität ablegen und aktive Feministen werden, damit sich die theoretische Gleichberechtigung der Geschlechter endlich in der Praxis realisiert.

 

Kampf der Geschlechter?

Die Diskussionen um sexualisierte Gewalt und Sexismus der letzten Monate lassen mich relativ irritiert zurück. Viele Menschen, überwiegend Frauen, beklagen erschreckende Gewalt, die gegen sie verübt wird und alltäglichen Sexismus. Andere, überwiegend Männer, nehmen eine Gegenposition und Verteidigungshaltung ein: „Auch Männer sind von sexualisierter Gewalt betroffen,“ und: „Man wird ja wohl noch ein Kompliment machen dürfen,“ sind häufig zu lesende Kommentare. Viele Medien sehen Männer in der Krise und manche Männer verhalten sich in den sozialen Netzen, als befänden sich die Geschlechter im Krieg gegeneinander. Dabei liegt die Lösung für viele Probleme auf der Hand: Männer müssen Feministen werden! Denn der Kampf ist kein Krieg von Frauen gegen Männer, sondern von richtig gegen falsch.

Es ist richtig, wenn keine sexualisierte Gewalt ausgeübt wird. Ist es richtig, wenn Männer und Frauen gleichberechtigt miteinander leben. Es ist richtig, wenn Männern und Frauen die gleiche Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht wird. Diesen Zustand zu erreichen, ist das Ziel des Feminismus. Schaut man sich diese Ziele an, ist offensichtlich, dass Feminismus keine Frauenangelegenheit ist. Eine gewaltfreie und gerechte Gesellschaft zu erschaffen, muss das Ziel aller Menschen sein.

Es gibt keine Akzeptanz sexualisierter Gewalt

Die gute Nachricht der letzten Wochen ist, dass es einen großen gesellschaftlichen Konsens für die Ächtung von sexualisierter Gewalt gibt. Es ist noch nicht so lange her, da hat eine Volkspartei versucht Vergewaltigung in der Ehe mit: „Die Frau hat vor dem Altar doch mit ‚Ja, ich will.‘ geantwortet,“ zu legitimieren. Eine solche Argumentation kommt uns heute mittelalterlich vor, auch wenn Menschen, die so argumentierten, heute noch im Parlament sitzen. Obwohl sexualisierte Gewalt täglich passiert, ist die Ächtung doch eine wichtige Voraussetzungen, um Veränderungen in der Gesellschaft zu bewirken. Niemand möchte mit sexualisierter Gewalt in Verbindung gebracht werden. Vielleicht reagieren auch deshalb manche Menschen mit heftigen Gegenreaktionen auf Beiträge, die den Sexismus verurteilen, auch wenn dies auf den ersten Blick paradox erscheint.

Anders als sexualisierte Gewalt findet Sexismus öffentlich und von beinahe jedermann statt. Doch während eine Person, die Gewalt ausübt, sich ihres Fehlverhaltens meistens sehr bewusst ist, kann beim Sexismus nicht ohne Weiteres davon ausgegangen werden. Viele Menschen handeln so, wie sie sozialisiert wurden, ohne ihr Handeln zu hinterfragen. Jetzt werden sie damit konfrontiert, dass ihre Handlungen mit Sexismus in Zusammenhang gebracht werden. Dies kommt für viele überraschend, da sie selten negative Resonanz auf ihre Handlungen bekommen haben. Das Schweigen der Sexismus Erlebenden in der Vergangenheit heißt aber eben nicht Zustimmung, sondern nur, dass sich viele mit Sexismus arrangiert haben. Und natürlich gibt es sowohl Übergangsbereiche zwischen Kompliment und Sexismus, also auch zwischen Sexismus und sexualisierter Gewalt. Aufgrund der Ächtung sexualisierter Gewalt möchte aber keine Person damit in Zusammenhang gebracht werden. Darauf ist es möglicherweise auch zurückzuführen, dass manche, teilweise bis ins Absurde hinein auf dem Ausspruch „nur ein Kompliment“ beharren.

Die Absurdität wird offensichtlich, wenn man eine Parallele zwischen einem Kompliment und einem Geschenk macht. Beides soll dem Empfänger eine Freude bereiten. Angenommen ein Schenkender erfährt, dass der Empfänger keine Freude an z. B. seinen mitgebrachten Blumen hat. Natürlich kann er enttäuscht äußern, dass er nur eine Freude machen wolle, aber hoffentlich wird er sich beim nächsten Mal trotzdem etwas anderes überlegen. Es wäre doch sehr befremdlich, wenn er beim nächsten Treffen wieder die gleichen Blumen kaufen würde. Wenn sich der Vorgang wiederholen würde, könnte man dem Schenkenden eher Boshaftigkeit unterstellen, aber nicht mehr, dass er dem Empfänger eine Freude machen möchte. Der Vergleich zeigt aber auch, wie man mit Sexismus umgehen kann.

Zeigt jemand sexistische Handlungen, so ist die Person noch lange kein schlechter Mensch. Erst, wenn man sie darauf aufmerksam macht, dass ihre Handlung in dieser Situation unangemessen war, die Person aber ihre Handlung wiederholt, muss man anfangen, sich über den Charakter der Person Gedanken zu machen.

„Auf Komplimente und heiße Flirts muss auch in Zukunft nicht verzichtet werden, es geht nur um das Wie und Wann.“

In den letzten Wochen haben vor allem Frauen vermehrt geäußert, welche Handlungsweisen sie als sexistisch empfinden. Anstatt auf einem „nur ein Kompliment“ zu insistieren, sollten Männer besser ihr alltägliches Fehlverhalten einräumen und versuchen, es zu ändern. Auf Komplimente und heiße Flirts muss auch in Zukunft nicht verzichtet werden, es geht nur um das Wie und Wann. Es wird auch in Zukunft Missverständnisse geben und es wird in Zukunft Sexismus geben. Aber wir sollten versuchen, unsere Handlungen zu ändern, wenn wir uns dessen bewusst werden. Denn nur so können wir das Ziel erreichen, dass alle gut miteinander leben.

Männer müssen den Feminismus voranbringen – inner- und außerhalb der Parlamente

Problematisch wird es im Bereich, in dem Sexismus in sexualisierte Gewalt übergeht. Es ist gesellschaftlicher Konsens, dass es bei sexualisierter Gewalt nicht damit getan ist, die Handlung zukünftig zu unterlassen. Nach sexualisierter Gewalt fällen Gerichte Urteile. Daher muss es eindeutige Definitionen und klare Gesetze geben. Die Grenze zwischen Sexismus und sexualisierter Gewalt kann immer wieder von der Gesellschaft neu ausdiskutiert werden. Ist „Nein heißt nein“ ausreichend, oder sollte es „Nur ja heißt ja“ heißen? Welche Strafen sind bei sexualisierter Gewalt angemessen? Diese Diskussionen finden zwar auch außerhalb der Parlamente statt, aber Gesetze werden letztendlich nur in ihnen verabschiedet.

Gleiches gilt für andere Gesetze, die das Miteinander der Menschen regeln. Braucht man Quotenregelungen oder Fördermaßnahmen, damit beide Geschlechter möglichst zu gleichen Anteilen an Entscheidungsprozessen teilhaben? Helfen mehr Krippenplätze oder Kindergeld, damit Familien sich frei für ein Erziehungskonzept entscheiden können und nicht ein Elternteil durch einen wirtschaftlichen Zwang zu etwas gezwungen wird, was es nicht möchte? Werden Eltern eher durch Elternzeit oder durch Anspruch auf Teilzeit in ihrem Leben unterstützt? Welche Änderungen an Steuermodellen muss es geben?

„Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau könnten die Männer theoretisch wieder abschaffen.“

Viele dieser Regelungen wirken sich im Augenblick auf die Geschlechter unterschiedlich aus. In vielen Fällen sind Frauen benachteiligt. Da sich in den Parlamenten aber eine gewaltige Mehrheit an Männern befindet, müssen Männer die feministischen Ideen verfolgen, um Verbesserungen für alle zu erreichen. Frauen alleine haben für die bevorstehenden wichtigen Entscheidungen der Zukunft im Augenblick keine Mehrheit. Sie können auf Probleme aufmerksam machen und Vorschläge einbringen, aber für die Umsetzung sind sie auf den Willen der Männer angewiesen. Wie extrem diese Abhängigkeit von Männern ist, wird einem bewusst, wenn man sich verdeutlicht, dass die Männer problemlos über eine Mehrheit zur Änderung des Grundgesetzes verfügen. Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau könnten die Männer theoretisch wieder abschaffen. Die fehlenden parlamentarischen Möglichkeiten der Frauen sind besonders problematisch, da Frauen deutlich häufiger als Männer durch Ungleichheit und Machtgefälle benachteiligt werden. Viele Männer scheinen jedoch fatalerweise aus dem Feminismus abzuleiten, dass es primär die Aufgabe der Frauen ist, die vorhandenen Probleme zu lösen. Dies ist bei der augenblicklichen parlamentarischen Zusammensetzung schlicht nicht möglich. Anstelle gleichgültig abzuwarten, was die Frauen so machen werden, wäre es wichtig, dass Männer die Diskussion endlich weiter voranbringen und Entscheidungen fällen. Wenn Männer auf massive Berichte sexualisierter Gewalt gegen Frauen nicht mehr mit „es gibt auch Männer, die davon betroffen sind“ reagieren, sondern Gesetze erlassen, die sexualisierte Gewalt zurückdrängen, würden davon alle Menschen, auch die betroffenen Männer, profitieren.

Die Forderung, dass die Männer die Probleme lösen sollen, birgt ein gewisses Risiko. Wir kommen immerhin aus einer Gesellschaft, in der Männer die Entscheidungen für die Frauen gefällt haben und auch heute noch fällen. Einige Männer könnten sich ermutigt fühlen, unter dem Deckmantel des Feminismus weiter über Frauen zu bestimmen. Gleichzeitig kann eine Enthaltung der Männer aus Diskussions- und Entscheidungsprozessen aufgrund der Mehrheitsverhältnisse ebendiese zum Erliegen bringen. Noch dazu ergibt sich bei allen Entscheidungen, die Frauen betreffen, ein Legitimationsproblem, wenn die Entscheidung zum großen Anteil von Männern getroffen wird. Auch die Männer, die ihren Frauen bis vor noch nicht all zu langer Zeit erlauben mussten, ob diese arbeiten durften oder nicht, waren vermutlich der Meinung im Interesse der Frau und Familie zu handeln. Aufgrund des Legitimationsproblems sollten sich die Parteien deutlich mehr bemühen, eine annähernd paritätische Besetzung der Parlamente zu erzielen. Der Weg dahin kann durchaus verschieden sein: Quote, Mentoren oder andere Formen der Förderung. Aber das Ziel muss klar sein und es sollte schnell und nicht nur halbherzig in Angriff genommen werden. Bis dahin müssen sich die Männer mehr ihrer Entscheiderrolle mit Legitimationsdefizit bewusst werden und dies in ihrem Handeln berücksichtigen.

„Eine Demokratie lebt nicht nur davon, dass es gerechte Gesetze gibt. Die Gesellschaft muss die demokratischen Werte auch im Alltag vertreten.“

Während einige Menschen dem Feminismus gleichgültig gegenüberstehen, gibt es auch immer wieder welche, die einer Weiterentwicklung der Gesellschaft hin zu mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern aktiv bekämpfen. So sind beispielsweise Feministinnen in sozialen Netzwerken massivem Hass ausgesetzt. Diese Haltung ist mit demokratischen Werten nicht vereinbar und muss stärker bekämpft werden, als dies bisher der Fall ist.

Eine Demokratie lebt nicht nur davon, dass es gerechte Gesetze gibt. Die Gesellschaft muss die demokratischen Werte auch im Alltag vertreten. So ist die theoretische Gleichberechtigung von Mann und Frau schon lange Gesetz, in der Praxis gibt es aber weiter bestehende Ungerechtigkeiten. Auch außerhalb der Parlamente wird die Gesellschaft durch Männer in Machtpositionen dominiert. Männer müssen aufhören, dies stillschweigend hinzunehmen.

Was ein Feminist tun kann

Was kann der Anteil der Männer am Feminismus sein?

  • Mit Frauen über das Frausein zu sprechen und ihnen zuzuhören.
  • In Diskussionen mit anderen Männern auf Probleme aufmerksam zu machen. Männer sehen die Probleme von Frauen häufig nicht, weil sie selber davon nicht betroffen sind. Ein Problem nachvollziehen zu können ist aber die Voraussetzung, um an seiner Lösung mitzuarbeiten.
  • Sich solidarisch mit einer Frau zu zeigen, wenn sich in Diskussionen herabwürdigend über sie geäußert wird. Dies gilt auch, wenn die Frau nicht anwesend ist. Ideen von Frauen werden häufig nicht mit Argumenten, sondern mit sexualisierten Beleidigungen bekämpft. Dabei ist es problemlos möglich, einen angemessenen Umgang miteinander einzufordern, also auch Argumente gegen die von einer Frau geäußerte Idee zu nennen, wenn man anderer Meinung sein sollte. Denn Männer müssen Frauen gegenüber im gleichberechtigten Menschsein solidarisch sein, und nicht bezüglich jeder Meinung.
  • Bei Parteien und Firmen nachzufragen, weshalb der Anteil der Frauen in Machtpositionen so niedrig ist.
  • Die eigenen Denkweisen und Handlungen auf unbewussten Sexismus zu überprüfen. Eigene sexistische Denkweisen und Handlungen im Alltag wahrzunehmen und dann zu versuchen, weniger sexistisch zu sein.

Auf in den Kampf

Häufig wird von einer Identitätskrise der Männer gesprochen. Diese wird vermutlich zum Teil auch durch die Passivität verursacht, in die manche Männer verfallen, weil sie den Feminismus den Frauen zuordnen. Dabei wäre es nötig, aktiv zu sein. Eine gerecht Welt entsteht nicht von alleine.

Und sind wir Männer nicht so sozialisiert worden? Gibt es etwas, was männlicher sein könnte, als das Kämpfen für eine gerechtere Welt? Die meisten Helden, vom Blockbuster bis zum Comic, kämpfen dafür. Dabei nehmen sie Entbehrungen auf sich und stellen sich vermeintlich übermächtigen Gegnern.

Männer, auf in den Kampf! Schüttelt eure Passivität ab und stellt euch solidarisch neben die Frauen. Wir müssen Feministen werden, um die Welt zu verbessern. Es gilt, mehr als eine Schlacht zu schlagen und Entbehrungen sind garantiert. Aber am Ende wird das Gute siegen.

Es wird Zeit, dass die nächste Generation auch von Superheldinnen sozialisiert wird. Mit Superkräften und Menstruationsschmerzen. Lasst zukünftig auch Heldinnen die Menschheit vor dem Atomkrieg retten. Lasst Atombusen keine Voraussetzung mehr dafür sein, Heldin zu werden. Ein Mensch zu sein ist ausreichend.

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