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Mikropolitik. Die kleinen Spiele der Macht zu verstehen ist goldwert!

Beruflicher Erfolg mit mikropolitischer Kompetenz.

 

Schon einmal von Mikropolitik gehört? Nein?

Es sind die „kleinen“ Spiele der Macht. Jene, die auf den Hinterbühnen von Unternehmen, Organisationen, Universitäten, Parteien, Kliniken – also überall dort wo Menschen in Gruppen zusammenarbeiten – gespielt werden und in welche nur (die) Insider eingeweiht sind. Mikropolitiker*innen setzen eine Palette von mikropolitischen Taktiken und Strategien ein, um die Machtspiele für sich zu entscheiden.

Magdalena P. ist Ärztin und war, was mikropolitische Spiele betraf unbedarft. Zudem spürte sie eine gewisse Abneigung sich mit Macht und Machtspielen auseinanderzusetzen. Als Assistenzärztin in der Chirurgie, wurde sie unfreiwillig Teil eines Machtspiels – das zu ihrem Nachteil verlief. Für die Anerkennung als Fachärztin benötigte sie noch zahlreiche Operationseinsätze. Die Einsatzplanung lag in den Händen des Facharztes Dr. Peters. Sie schätzte ihn als freundlichen Kollegen und immer wenn sie ihn ansprach und bat sie bei den OP-Einsätzen stärker zu berücksichtigen, nickte er sehr verständnisvoll und versprach, dass er sie einplanen würde. Mehrere Gespräche und Monate später war Magdalena immer noch ohne weitere Operationspraxis. Was sie während dieser Zeit beobachtete: Ihr Kollege Dr. Hannes D., ebenfalls Anwärter für den Facharzt, stand ständig am Operationstisch. Magdalena P. war von der ganzen Situation verunsichert. Mochte Dr. Peters sie nicht? Hatte sie etwas falsch gemacht? Sie suchte sich Unterstützung und kam zu mir in die Beratung.

Eine mikropolitische Analyse bringt Licht ins Dunkle

Für die Analyse von Verstrickungen in Machtspielen habe ich die Methode „mikropolitische Fallanalyse“ entwickelt. Die mikropolitische Analyse der Situation von Magdalena brachte ans Licht, dass Dr. Peters und Dr. Hannes D. häufig gemeinsam den Mittagstisch einnahmen und auch sonst sich blendend verstanden. Solche Aktivitäten weisen (aus mikropolitischer Perspektive) auf eine enge Kooperation und Netzwerkverbindung hin. Hinzu kam: Es sollte in naher Zukunft in der chirurgischen Abteilung eine Facharztstelle vakant werden. Sowohl Magdalena P. als auch Dr. Hannes D. könnten sich, nach Anerkennung zum Facharzt, auf diese Position bewerben. Könnten! Wenn da nicht die Operationseinsätze als Voraussetzung wären. Noch tiefer ins mikropolitische Feld eingetaucht, offenbarte sich, dass Dr. Peters einen sehr guten Draht zum leitenden Oberarzt hatte; und dieser entschied über die Stellenbesetzungen in der Chirurgie mit.
Sie können sich selber einen Reim darauf machen, was der Hintergrund für die fehlenden Einsätze von Magdalena P. und die Hinhaltetaktik von Dr. Peters war.
Gemeinsam entwickelten wir Gegenstrategien und Taktiken, um für diese Misere eine Lösung (für Magdalena) zu entwickeln. Erfolgreich. Sie bekam zwar nicht die Facharztstelle, dafür waren die Netzwerkverbindungen unter den männlichen Kollegen zu stabil, aber sie erhielt ihre OP-Einsätze und eine gute Anstellung in einer anderen Klinik.

Verstrickungen in Machtspiele sind kein Einzelfall

Studierende und Berufsanfänger fragen häufig: „Das gibt es? Kann ich mir gar nicht vorstellen!“ Jedoch kaum im Berufsleben angekommen, werden sie mit den Machtspielen im Job konfrontiert. Da wird um Posten, Gelder, Gehälter, größere Büros, bessere Technik und vieles mehr gefeilscht. Einige werden in ihrem Aufstieg blockiert. Informationen werden nicht weitergegeben. Erfolgreiche Selbstdarsteller ziehen an den Fleißigen vorbei. Auch weil sie gut mit dem Chef können.
Es gibt sie die Machtspiele. Sie werden jeden Tag überall gespielt, aber leider selten verstanden. Menschen die in Machtspiele verstrickt sind bzw. werden, haben eines gemeinsam: Sie sind verunsichert, ihre Selbstwirksamkeit ist geschwächt, sie beziehen die Situation auf sich persönlich und sie sehen keinen Ausweg aus dem Dilemma, d. h. sie verlieren an Handlungsfähigkeit und Selbstvertrauen.

Um gar nicht erst in destruktive Machtverstrickungen hinein gezogen werden zu können, bedarf es zunächst der Anerkennung vom dem was ist! Und dazu zählt: 1. Menschen spielen Machtspiele. 2. Machtspiele sind Bestandteil aller beruflichen Bereiche. 3. Sobald ich eine Organisation betrete, betrete ich ein mikropolitisches Feld. 4. In diesem Feld gelten Spielregeln.

Mikropolitische Spielfelder sind überall!

Sobald Sie eine Organisation, eine Abteilung etc. betreten, betreten Sie in ein mikropolitisches Spielfeld. Ohne Ausnahme. (Zumindestens ist mir seitdem ich dazu forsche und berate keine Ausnahme begegnet.) In diesem Feld bewegen sich auf unterschiedlichen hierarchischen Positionen Menschen mit verschiedenen Interessen. Sind Interessen ähnlich oder gleich geartet, verbünden sie sich in der Regel, um gemeinsam diese gegenüber anderen durchzusetzen.
Peter H., Führungskraft im mittleren Management in einem großen Konzern, beabsichtigt die Aufstockung seines Abteilungsetas. Um dieses Interesse gegenüber der Geschäftsführung und den Vorstandsmitgliedern durchsetzen zu können, verbündet er sich mit Hans Clausen, der sehr gute Kontakte zum oberen Management pflegt.
Stellen Sie sich eine Organisation, so auch Ihr Unternehmen, wie ein Schachspiel vor. Auf dem Feld gibt es unterschiedliche Positionen, wie z. B. Bauer, Dame, Turm oder König*in usw. Jede Position ist mit unterschiedlichen Spiel- und Einsatzvarianten ausgestattet. Betrachten wir den Bauern, so hat er wesentlich weniger Einsatzmöglichkeiten und Spielvarianten als der Turm, der Springer oder die Dame. Somit verfügt der Bauer (per Position im Feld) zunächst über weniger Macht- und Einflussmöglichkeit auf das Spielgeschehen. Jedoch das ist nur die Macht, mit der der Bauer via der formalen Position ausgestattet ist. Mikropolitisch relevant ist aber (auch) die informelle Macht, über die jemand im Feld verfügt. Und die kann wesentlich höher sein, als die formale. Aber auch die folgende Variante ist anzutreffen: Der König ist offiziell (also auf der Vorderbühne) in einer machtvollen Position, wird aber von „hinten“ heraus durch eine oder mehrere andere Spieler*innen im Feld regiert. In diesem Fall verfügt der König auf der Vorderbühne über Macht, ist aber informell entmachtet. Aber gerade mit informeller Macht ausgestattete Spieler*innen nehmen Einfluss und entscheiden die Spiele für sich.
Zu jedem Spiel gehören immer auch Spielregeln. Sie ordnen das Spiel und das Verhalten der Spieler*innen auf dem Feld und organisieren die Möglichkeiten an Spielzügen. Sie zu kennen ist basal, um überhaupt am Spiel teilnehmen zu können. Einige Spielregeln sind immer ähnlich (dazu zählen geschlechtsspezifische), andere sind von Organisation zu Organisation unterschiedlich.
Sie sehen: Mikropolitik ist ein spannendes Feld und es ist lohnenswert sich dafür Zeit zu nehmen.

Mikropolitische Kompetenz ist goldwert!

Denn, mikropolitische Kompetenz hat einen positiven Einfluss auf den beruflichen Erfolg. Dieses zählt zu einem zentralen Ergebnis der Studie „Mikropolitik und Aufstiegskompetenz von Frauen“, an der ich an der Universität Hamburg mitforschte. Im Team entwickelten wir das sog. Mikropolitische Kompetenzmodell. Denn mikropolitische Kompetenz setzt sich aus verschiedenen wichtigen Aspekten zusammen. Dazu zählt das Wissen über Mikropolitik (Sachkompetenz), das Erkunden und Ausprobieren (Aktivitätskompetenz), die Selbstreflexion über das eigene Selbstbild, Verhältnis zu Macht, Geschlecht usw. (Selbstkompetenz) sowie das Erkennen von mikropolitischen Situationen (soziale Kompetenz) (veröffentlicht in Cornils et al. 2012).
Mikropolitische Kompetenz bedeutet, mikropolitische Aktionen zu erkennen, die hinderlich oder förderlich für das eigene berufliche Weiterkommen sind. Es beinhaltet die Machtspiele und die Unternehmenskultur zu verstehen. Zudem geht es darum (neue) Taktiken in das eigene Handlungsrepertoir zu integrieren. Denn nicht nur durch die Studie belegt, sondern auch in der beruflichen Praxis zeigt sich: Wer sich mit sich selbst auseinandersetzt und sein persönliches Verhältnis zu Macht reflektiert, neue Strategien ausprobiert und experimentell dem Ganzen begegnet, ist beruflich erfolgreich!

Ich beschäftige mich jetzt seit fast 10 Jahren forschend, lehrend, beratend, verstehend, analysierend und publizierend mit Mikropolitik, Machtspielen und -verstrickungen. Bei jedem Workshop, in jeder Beratung und bei jedem Vortrag stelle ich fest: Machtspiele sind fester Bestandteil des beruflichen Alltags. Sie zu verstehen und über Handwerkszeug zu verfügen, um sich aus ihnen zu lösen, ist viel wert. Vor allem dann, wenn es sich um so destruktive Spiele wie Mobbing handelt.
Doch mikropolitische Kompetenz ist und kann noch viel mehr. Es bedeutet auch ein positives Verhältnis zu Macht zu entwickeln und sich erfolgreiche Karrierestrategien zu eigen zu machen. Vitamin B, ein gutes Netzwerk, eine positive Selbstdarstellung der eigenen Leistungen und Erfolge zählen ebenso dazu wie der bewusste Umgang mit Emotionen, erfolgreiche Strategien für eine gelingende Vereinbarkeit von Beruf und Kindern sowie eine gute Work-Life-Balance. Dass das Geschlecht im Kontext Mikropolitik und Karriere eine erhebliche Rolle spielt, habe für heute ausgelassen. Dazu ein anderes Mal mehr.

So viel für heute: Die „kleinen“ Spiele der Macht zu erkennen und Karrierestrategien anzuwenden, ist goldwert, denn es führt zu beruflichen Erfolg, macht Spaß und verbessert die Work-Life-Balance. Probieren Sie es aus! Ich bin gespannt von Ihren Erfahrungen zu hören.

Dipl.-Sozialökonomin Doris Cornils ist Genderforscherin, Expertin Mikropolitik-Coaching, Trainerin & Sprecherin.

www.doriscornils.de

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