Foto: pexels

„Ich bin noch nicht bereit“ – Wie es ist, an einer Schwangerschaft zu zweifeln

Nicht jede Schwangerschaft ist geplant. Ein Mann berichtet, wie es ihm und seiner Frau ging und was ihnen in dieser Situation geholfen hat.

 

Ungeplante Schwangerschaft

Als wir erfuhren, dass wir ein Kind erwarten, kam das überraschend. Das „Jaja, selbst schuld!“ konnten wir noch gut wegstecken. Auch das versteckte Lächeln und die Ungläubigkeit darüber, dass es wirklich ungeplant war. Und ja, wir sind erwachsen und kennen uns mit Verhütung aus. Wie geht man mit dieser Situation um?

Wir zweifelten: Ist das der richtige Zeitpunkt? Passt das? Meiner Frau ging es damit immer schlechter. Sie bekam stärkere Zweifel und die depressiven Phasen zogen sich über Tage, Wochen und die ersten Monate. Ich dachte immer wieder: „Wo ist der Ausweg? Was kann ich tun?“ Sie sagte, sie wolle das Kind nicht. Sie sagte, sie sei durcheinander. Es solle wieder verschwinden. Sie sei noch nicht bereit! Sie wollte doch noch so viel machen. Mit mir zusammen. Urlaub. Leben. „Und nun ändert sich bestimmt alles.“ Ihre Vorhaben waren wie eine Sandburg – von einer Welle einfach weggewischt. Zumindest fühlte sich das in dem Moment so an. Das war nicht steuerbar. Langsam übertrug sich dieses Unbehagen auch auf mich. Wir beide waren in einem Ohnmachtsgefühl gefangen. Ohne Ausweg. Allein.

Vertrauen in Freund*innen 

Schließlich fanden wir Kraft und vertrauten uns Freund*innen an, wir wollten einfach nur Menschen, die zuhören. Menschen, die Tipps haben, wie wir den Zweifeln begegnen können. Wir wollten Menschen, die für uns da sind. Doch was dann kam, überfuhr uns völlig. Unsere Fragen wurden regelrecht abgewehrt und in Vorwürfe umgekehrt. Vorwürfe, die erst mit Unverständnis begannen und sich in latente Aggression wandelten. „Wie kannst du nur?“, „Wieso zweifelst du?“, „Nimm das Geschenk an!“, „Du musst dich doch freuen!“, „Das kann ich gar nicht nachvollziehen“, „Stell dich nicht so an“, „Ich würde mich ja total freuen, wenn es bei mir soweit ist“ – Danke auch. „Ich freue mich aber nicht!“, sagte meine Frau zu mir. „Ach, ihr schafft das schon …“ 

Ja klar, werden wir das schaffen, war unser Gedanke, aber nicht unser Gefühl. Rational war das kein Thema. Von unseren Freunden so enttäuscht zu werden, tat weh und machte traurig. Es gab letztlich nur wenige Personen, die versuchten uns zu verstehen und die wirklich nur zuhörten, ohne zu werten. 

Die Erfahrung mit Hebammen

Unsere erste Lösung: „Lass uns das Kinderzimmer einrichten und schon mal Klamotten kaufen.“ Wir kauften die ersten Bodys, Hosen und Mützen. Das brachte uns immerhin zum Lächeln und ein wenig Vorfreude kam auf. Doch das war leider nur von kurzer Dauer.

Auch die Gynäkologin fokussierte sich nur auf die medizinischen Fakten. „Alles gut bei Ihnen!“ Dass meiner Frau bei den Untersuchungen fast die Tränen kamen, wurde nicht bemerkt oder ignoriert. Ich war wütend. Richtig wütend. Wir gingen wieder nach Hause. Und waren allein. Wieder. 

Es änderte sich alles, als wir mehr und mehr Kontakt zu einem Geburtshaus hatten. Die hebammengeleitete Einrichtung kam mir erst ein wenig esoterisch und abgedreht vor – doch ich wurde eines Besseren belehrt – und das war gut so! Es hat sich mehr als gelohnt, denn meine Vorurteile konnten schnell entkräftet werden. Ich bekam dort auch als Vater auf alle Fragen eine kompetente Antwort und wir wurden ernst genommen. Die Arbeit und Begleitung vor Ort war exzellent. Nicht nur körperliche Beschwerden, die sich bei meiner Frau mittlerweile eingestellt hatten, wurden behandelt, sondern auch auf unsere Gefühle eingegangen – ,emotionale Erste Hilfe‘ haben wir es genannt! Enorm wichtig!

Der Geburtsvorbereitungskurs, den wir zwei Tage machten, war genial. Endlich konnten wir alles loswerden, was uns beschäftigte. Alles. Mit der Zeit haben wir einhundertprozentiges Vertrauen in die Hebammen gewonnen und freuen uns sehr auf die Geburt unseres Sohnes. Wir können es nun kaum noch erwarten. Wir haben zwar Respekt vor der Geburt sind aber entspannt und voller Vorfreude, wen wir künftig Willkommen heißen dürfen. Danke an alle Hebammen die ihren Job nach wie vor ausüben (können) – Ihr seid so sehr wichtig! Danke! 

Hört einander zu!

Und, liebe Freunde: Es ist völlig normal Zweifel zu haben. Jede Schwangerschaft ist anders. Warum sprecht ihr uns das ab? Es war nicht einfach für uns, aber wir haben es geschafft – auch wenn wir Hilfe brauchten. Wir haben sie dankbar angenommen. Hört euch gegenseitig zu und respektiert, dass jede Situation anders ist.

Mehr bei EDITION F

Die Schönheit von Geburten: die beeindruckendsten Fotos 2017. Weiterlesen

Depressionen nach der Geburt: Warum wir dringend darüber reden müssen. Weiterlesen

Schwangerschaft, Geburt und Stillen: Warum ich gute Ratschläge so satthabe! Weiterlesen

+ posts

Anzeige

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.