Foto: The Diary of a Teenage Girl

„The Diary of a Teenage Girl“ – oder die Frage nach der Macht, die von Sex ausgeht

Filme, in denen Teenager und Sex vorkommen, gibt es viele. Aber es gibt sehr selten solche, in denen beides so gezeigt wird wie in „The Diary of a Teenage Girl“.

 

Von Sehnsüchten, Hormonen und problematischen Verbindungen

San Francisco im Jahr 1975. Hier lebt Minnie Goetze, ein
15-jähriges Mädchen, das mit den typischen Problemen zu kämpfen hat, die dieses
Alter bereithält: Sie fühlt sich alleine, nicht verstanden, nicht besonders
schön und hat allerlei Sehnsüchte, die auf ihre Erfüllung warten. Über all das spricht sie in ihr kleines Mikro, das mit dem Kassettenrekorder
verbunden ist – oder übersetzt es in ihre Comiczeichnungen, die immer wieder in
die Szenerie reinranken, als wilde Blumen, riesenhafte Frauen mit haarigen
Beinen oder Flügeln, die ihren Körper überziehen.

Der Film „The Diary of a Teenage Girl“, nach einer Graphic
Novel von Phoebe Gloeckner, erzählt von Wachstumsschmerzen. Vor allem aber
erzählt er davon, wie es ist, wenn man seine Sexualität entwickelt, entdeckt
und auslebt. Klingt jetzt noch nicht nach etwas, das ein besonderes Novum wäre.
Nun, es ist es dennoch. Denn die Geschichte hält tatsächlich einiges bereit, das
Gesprächsbedarf auslöst. Etwa weil derjenige, mit dem Minnie ihre Sexualität in so
vielen Facetten entdeckt, der 35-jährige Freund ihrer Mutter ist. Naja, und so ein paar
andere, kontroverse Themen, wie sich spaßeshalber zu prostituieren. Und die
Drogen natürlich. Was machen wir also damit?

Über allem schwebt eine Frage: Ausbeutung oder Selbstbestimmung?

Bei Bitchmedia stellt Andi Zeisler die alles entscheidende
Frage: Haben wir es hier mit etwas zu tun,  bei
dem es sich um Selbstbestimmung oder eher um die sexuelle Ausbeutung eines
jungen Mädchens dreht? Tja, und was soll man sagen, es lässt sich nicht
eindeutig beantworten. Also noch einmal einen Schritt zurück.

Wir haben es erstmal mit Minnie zu tun, die mit 15 Jahren
langsam feststellt, dass Hormone eine ziemliche Macht über einen haben können.
Dass plötzlich ein Verlangen nach Dingen auftaucht, das sie noch nicht artikulieren
kann. Ist es die Sehnsucht nach Liebe? Nach Nähe? Nach Sex? Oder schlicht
danach, als Frau wahrgenommen zu werden? Auf der Suche nach den richtigen Fragen
und Antworten darauf schmeißt sie das immer wieder durcheinander und fragt
sich etwa nach dem ersten Sex mit dem Freund ihrer Mutter, ob sich so Liebe
anfühlt. 

Und als Zuschauer versetzt das einem einen kleinen Stich, weil das Mädchen natürlich
auch mit den 15 Jahren schon erfahren haben sollte, wie es sich anfühlt,
geliebt zu werden. Und dann denkt man kurz an die Mutter, ein fürsorgliches, aber doch stark auf
sich selbst fokussiertes, in die Jahre gekommenes Partygirl – die für Minnie vor
allem Tipps auf Lager hat, wie sie für Jungs attraktiver wäre. Aber dann
beruhigt man sich damit, dass Minnie versucht, die Liebe zwischen Mann und Frau
zu untersuchen und nicht die Liebe generell – oder etwa doch nicht? 

Ein ungeschönter Blick auf das Hormon-Chaos

Die besondere Stärke des Film ist nicht nur die wunderschöne
Ästhetik und die zahlreichen popkulturellen Einflechtungen, die der bekannten
Thematik eine spannende Struktur geben, sondern vor allem, dass der Zuschauer wirklich
mit Minnie mitgeht, sich reinziehen lässt in die Irrungen und Wirrungen von
damals, in die Ängste, die früher so präsent waren und irgendwie auch ein
ganzes Leben erhalten bleiben.

Vor allem aber schafft die Erzählung viel Raum, in dem man
mit seiner Bewertung alleine gelassen wird. Die Macher haben mit Minnie eine
Mädchenfigur geschaffen, die ebenso selbstbewusst wie vollkommen verunsichert
ist. Sie erzählen mit einer gewissen Unverfrorenheit, die nichts an an ihrem liebevollen Blick auf das ändert, was alles gut und schlecht und wirklich komisch läuft. Und sie
haben mit Monroe, dem Freund der Mutter und Minnies erstem Schwarm, ebenso
einen Mann gezeichnet, dem trotz des Wissens um sein Alter genügend
jugendliches anhaftet, so dass man ihn (glücklicherweise) gar nicht als Vaterfigur
wahrnehmen kann.

Während man sich also schon fast wohlfühlt mit dem, was man
sieht, wird man dann aber doch immer wieder darauf gestoßen, wie verquer die
Geschichte ist, und auch wie fragwürdig. Etwa wenn Monroe sich zwischendurch doch
mal als Erwachsener outet – nur um danach wieder so kopflos zu handeln, dass
einem im Kinosessel die Hand zuckt. Oder wenn Pascale, der Ex-Mann von Minnies
Mutter, mit einem einzigen, deutlichen Satz der Verbindung jegliche Unschuld
nimmt.

Unsere Sexualität macht uns stark – und genauso schwächt sie uns

Wo auch immer man sich in seiner Bewertung wiederfinden
wird, der Film schafft es fernab aller Teenager-Klischees, eine sehr realistische
Lolitafigur ohne Peinlichkeiten zu kreieren und mit ihr von der Zeit zu
erzählen, wenn der Sex in das Leben tritt. Wenn man gerade dachte, sich als
eigenständiger Mensch durch die Welt zu bewegen und plötzlich alles noch einmal
aufgerüttelt, auf den Kopf gestellt wird und man nicht mehr weiß, ob man Mauern einreißen oder doch lieber alleine unter der Dusche weinen soll.

Wenn man verstehen muss, dass körperliche Liebe und Verlangen nicht zwingend
mit Liebe verknüpft sind; wenn man sich erstmals in dem Gedanken versucht, dass es ok ist, seine eigene Sexualität zu artikulieren, zu feiern und zu
untersuchen – und man der steten Frage ausgesetzt ist, was das für ein Boden
ist, auf dem die eigenen Bedürfnisse entstehen; man sich beginnt zu fragen, ob
man überhaupt selbstbestimmt  ist – und
was das mit einem macht; und man versteht, dass es darauf keine einfache Antwort gibt, weil unsere Handlungen von etwas, das tiefer
sitzt, geleitet werden, etwas, das man nur schemenhaft wahrnimmt, wenn man von der
Oberfläche darauf schaut. Von dem man eine Ahnung hat und das man doch meist
zur Seite schiebt.

Und wo würden sich all diese, ebenso beunruhigenden wie
spannenden Fragen gewichtiger ausdrücken als in unserer Sexualität? In dem
Moment, in dem wir nach unserem Innersten spüren und das dann nach außen dringen
lassen? In einem Moment zwischen stiller Intimität und totaler Expression?

„The Diary of a Teengae Girl“ ist ein Film, der keine
vorgefertigten Antworten liefert, sondern sich vielmehr der Darstellung von
Ereignissen verschrieben hat. Und der es sich erlaubt, am Ende dann die
vielleicht alles entscheidende Frage nach der Liebe zu stellen – und Minnie,
das Teenager-Mädchen, sehr mutig darauf antworten lässt.

The Diary of a Teenage Girl. Filmstart: 11. November 2015.

Alle Artikelbilder: The Diary of a Teenage Girl.

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