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Angst vor dem Älterwerden? Was ich von meiner 80-jährigen Freundin gelernt habe

Alt sein und Freude am Leben haben? Ist das möglich, oder muss man sich auf eine beschwerliche Zeit vorbereiten, die von körperlich und seelischen Problemen bestimmt wird? Ein Gedankenspiel …

 

Wie fühlt sich das Alter an?

„Jeder will alt werden, aber keiner will es sein“, dieses Sprichwort kennt bestimmt jeder. Ist auch viel Wahres dran, oder? Am liebsten würde ich mindestens 90 Jahre alt werden – so wie meine heiß geliebte Omi, genannt Omi-li, und für meine Lieben wünsche ich mir das auch. Trotzdem kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie mein Leben in zehn, zwanzig, dreißig oder vielleicht sogar vierzig Jahren aussehen wird. 

Meine Freundin Brigitte Halenta ist Psychotherapeutin im Ruhestand und hat mit 70 Jahren ihren ersten Roman veröffentlicht: „Die Breite der Zeit“, einen Roman über das Abenteuer Alter mit einer 70-jährigen Heldin, die noch einmal am Ende des Lebens einen neuen Anfang wagt. Im kommenden Jahr wird Brigitte 80 Jahre alt, das heißt uns trennen gut und gerne fast drei Jahrzehnte. Trotzdem haben wir eine Wellenlänge. Ich kann sogar mit ihr über Liebe und Sex reden – genau so wie mit meinen Freundinnen, die im gleichen Alter wie ich sind. Sie sagt: „Das Alter wird im Kopf gemacht“ und meint damit, dass die Gedanken, die wir uns machen, auch unseren körperlichen Zustand beeinflussen können. Es sei aus der Psychoimmunologie bekannt, wie stark positive oder negative Gedanken körperliche Prozesse beeinflussen würden. „Unser ganzes Leben lang stellen wir mit unseren Vorstellungen und Überzeugungen Weichen – körperlich wie seelisch, aus denen schließlich unser Leben wird. Warum sollte das im Alter anders sein? Ein Beispiel: Plötzlich tut das Knie weh, man kann nur noch unter Schmerzen laufen. Jetzt kann der Mensch denken: Ach, das geht vorüber, morgen ist es bestimmt schon besser, oder er kann denken: Jetzt fängt das auch bei mir an, ich werde alt, es wird immer schlimmer werden. Was glaubst du, welcher Gedankengang fördert die Heilung mehr? Übers Alter reden, macht alt. Und das besonders in der westlichen Welt, in der die Menschen für Alter ein Defizitmodell im Kopf haben. Think young ist meine Devise. Dann fällt es auch nicht schwer, unter Menschen zu sein und Freunde zu finden.“

Klischees über das Alter

Das Alter ist in Deutschland aber immer noch ein Tabu, obwohl die Realität uns eigentlich dazu zwingen müsste, uns mit diesem für viele unangenehme Thema auseinanderzusetzen. In den Medien werden ältere Menschen in erster Linie klischeemäßig abgebildet: Als Senioren, die sich mit einem Rollator fortbewegen oder bestenfalls als „rüstige“ Rentner, unterwegs mit Reisebussen oder in komfortabel ausgestatteten Kreuzfahrtschiffen. Das sieht der BWL-Professor Sven Voelpel von der Jacobs University Bremen übrigens genauso. Seiner Ansicht nach hat das Alter ein Imageproblem. Gerade ist sein Buch Entscheide selbst, wie alt du bist: Was die Forschung über das Jungbleiben weiß erschienen, und die erste Auflage war nach wenigen Tagen ausverkauft. In dem Buch fordert er, das vorherrschende Bild vom Alter zu überdenken und plädiert für ein gelassenes Älterwerden. Für ihn ist es zum Beispiel nicht nachvollziehbar, dass wir spätestens mit 67 Jahren in Rente gehen müssten, auch wenn es genug Menschen gebe, die auch über dieses Alter hinaus arbeiten möchten!

Zudem entspricht das Bild vom Alter, das man womöglich krank und einsam verbringt, gar nicht der Wirklichkeit: Laut einer aktuellen Studie im Auftrag der Deutschen Bank und der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ haben eher jüngere Menschen (14- bis 29-jährige) Angst vor dem Alter und der damit verbundenen Einsamkeit. Hingegen haben aber erstaunlicher Weise nur elf Prozent der von TNS Infratest befragten über 60-jährigen Angst vor dem Alleinsein! 

Das erinnert mich an einen Dokumentarfilm über Tango-Tänzer in Buenos Aires: Nicht nur junge Menschen waren dort auf den Straßen zu sehen, sondern auch Frauen und Männer im Seniorenalter! Vielleicht weiß ich jetzt doch, wie ich altern möchte: liebend, tanzend und arbeitend!

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