Foto: Emanuele Bresciani for Unsplash

Wie ich einen Betriebsrat gründete

Wenn ich früher an Betriebsräte dachte, schüttelte es mich. Verstaubte Strukturen, kampfbereite Mitarbeiter und verhärtete Fronten. Alles, wovon ich mich distanzierte. Und doch habe ich einen Betriebsrat gegründet – in der bunten Welt der Werbung. Weil Kommunikation mit Mitarbeitern eben nicht via lustiger Werbeslogans funktioniert.

 

Gerechtigkeitssinn vor Ego-Karriere

Betriebsräte – da kommt den meisten wahrscheinlich die Deutsche Bahn, große Automobilkonzerne, die DAX30-Unternehmen und der gute deutsche Mittelstand in den Sinn. Nur an Agenturen denkt man nicht. Werbung, PR, Digital – jung, wild, die eigene Karriere steht an erster Stelle, die Politik hinten an. Richtig? Falsch. Denn getrieben von meinem Gerechtigkeitssinn, der mir bereits in Grundschulzeugnissen immer wieder schriftlich bescheinigt wurde, habe ich einen Betriebsrat gegründet. Und das in einer Werbeagentur. Vielleicht der Höhepunkt meiner Karriere in der schwarz-gelben Welt.

Die Welt steht Kopf und die Kommunikation auch

Es war im Sommer 2011. Die Vollversammlungen häuften sich. Krisensitzung für die Masse. Die meisten Stimmen – leise. Und das in einem Laden, in dem sonst jeder zu allem eine Meinung hat und persönlichen Geschmack für Wahrheit verkauft. Das ist ok, in der Werbung muss das so sein. 

Diesmal aus den Kollegenreihen: Stille. Meine Hand ging nach oben, nicht allein, aber doch mit so wenigen anderen, dass mein Gesicht spätestens seit diesem Nachmittag den meisten wohl bekannt war. Die Agenturtreuen raunten. Die anderen warteten ab. Was in ihren Köpfen ablief, keine Ahnung. „Was ist denn die Strategie, um aus der Krise rauszukommen?“ oder „Warum sprecht ihr eigentlich nur in rudimentären Floskeln mit uns?“, fragte ich. Der Unmut aus der Chefetage galt mir. 

Ein paar Wochen später: Entlassungen. Ohne Ankündigung hatte sich mein Team halbiert. Ich arbeitete derweil noch immer eng mit meinen damaligen Geschäftsführern zusammen, saß in Brainstormings, entwickelte Kampagnen und pitchte bei potentiellen neuen Kunden. Gute Stimmung, wenn da nicht die fehlende Kommunikation gewesen wäre. Eine weitere Vollversammlung und eloquente Vorträge zum Thema Kündigungen und Verkauf der Agentur an ein internationales Netzwerk später, war klar, so geht es für mich nicht weiter. 

Jetzt kann man wohl eines von zwei Dingen machen: Selbst kündigen und weiterziehen oder aber versuchen, etwas zu verändern. In der Zeit fanden die leisen Kollegenstimmen meist neue Jobs bei anderen Agenturen. Ich blieb.

Veränderung ist manchmal besser, als zu gehen

In den Vollversammlungs-Wochen sprach ich oft über Veränderung, vor allem mit einem meiner Kollegen. Es dauerte keine halbe Stunde nach der Erklärungsrede zu den Kündigungen, bis er in mein Büro kam. Ich saß allein, die Tür immer offen. Er zog sie zu und ich wusste, wo wir unseren Gesprächsfaden aufnehmen würden. Im Raum stand die Gründung eines Betriebsrats. Ich wusste nicht viel darüber. Aber mein Wunsch nach Veränderung, nach neuer Energie, nach Kommunikation, wie ich sie zu Anfang in dieser Agentur erlebt habe, war groß. Und der Entschluss gefasst. Wir gründen. Ein Satz, der heute nach EDITION F eine ganz andere Bedeutung hat.

In den Folgewochen führten wir Einzelgespräche mit anderen Kollegen – wir teilten uns auf, sprachen diejenigen an, von denen wir glaubten, dass sie die Idee unterstützen und vielleicht sogar mitmachen würden. Das gute daran: Über alle Abteilungen hinweg – PR, Werbung, Digital, Design, Produktion, Event und Co – war die gleiche Stimmung zu spüren. Aber auch Angst. Vor weiteren Kündigungen, davor, dass die Gründungspläne öffentlich werden, bevor wir losgelegt haben. 

Es dauerte zwei Wochen, dann saßen wir mit 14 Menschen zusammen. Wir informierten uns über die Rechtslage, die Art der Gründung, die nächsten Schritte. Alles war geplant, da erreichte uns ein Brief der Geschäftsführung.

Alle gegen einen, allein gegen 13

Drin stand: Sie seien gesprächsbereit, ein Betriebsrat sei für eine Agentur nicht die passende Lösung. Ihre Idee: Ein sogenannter Friends-Rat. Alles gleich wie beim Betriebsrat, nur ohne Bürokratie. Was hinten runter fiel – dass auch die Verbindlichkeiten und die Rechtssicherheiten wegfallen sollten. Dennoch: Für mich war es das richtige Zeichen der Geschäftsführung. Denn worum ging es mir? Um Kommunikation, darum, dass Geschäftsführung und Mitarbeiter einander verstehen, das Transparenz ernst genommen wird und nicht als vermeintliche Absichtserklärung zum Werbeclaim verfällt. Und darum, etwas für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, meine Kollegen und Freunde zu tun.

Die Meinung meiner Mitgründer fiel anders aus. Eine ganze Nacht hat es gedauert, bis wir zu einer Entscheidung gekommen sind. Der einzig richtigen: Die Wahl zwischen Betriebsrat und Friends-Rat liegt bei den Mitarbeitern – denn die einzige Legitimation für einen Betriebsrat können nur die Mitarbeiter selbst sein. 

Kurzum: Die Abstimmung erfolgte. Und keine zwei Monate später gab es ihn. Den Betriebsrat. Bis heute.

Ein Betriebsrat in der Werbeagentur? Das macht doch die Kreativität kaputt, oder?

Heute, aus Unternehmersicht, waren viele meiner Fragen damals nicht nur unangenehm für die Geschäftsführung, sondern sie drückten ein bereits fortgeschrittenes Misstrauen aus. Ein Gefühl, dass für mich im kleinen EDITION F-Team kaum (er)tragbar wäre. Und trotzdem sehe ich solche Momente als Chance – weil es eine neue Tür öffnet, um sich zu begegnen und um zu verstehen, was gerade passiert. 

Getrieben von Unternehmenszielen, von Erwartungen der Investoren, von der Positionierung in der Öffentlichkeit ist es für viele Unternehmer und Startup-Gründer oft nicht ganz leicht, jede Stimmung im Team bewusst aufzunehmen und jedes Bedürfnis zu befriedigen. Für mich geht es vor allem darum, zu verstehen, wie ich als Unternehmerin wachsen kann und wie sich das auch positiv auf EDITION F auswirkt. Da ist eine offene Kommunikation und die Möglichkeit für Kritik unumgänglich.

Für Nora und mich heißt das: ehrlich zu kommunizieren, ansprechbar zu sein und vor allem immer zu verstehen, dass EDITION F wie jedes andere Unternehmen auch, nicht von uns, sondern gemeinsam mit unserem Team – und auch unseren Nutzern – gemacht wird. 

Ob ich nochmal einen Betriebsrat gründen würde – da bin ich unsicher. Ob ich ihn als Unternehmerin positiv aufnehmen würde – ja und nein. Ich würde mich Fragen, was vorher schief gelaufen ist. Aber die Angst, dass dabei die Kreativität verloren geht oder die Stimmung den Tiefpunkt erreicht, hätte ich nicht, weil ich weiß, dass mit den richtigen Leuten ein Austausch entsteht, der sich für jedes Unternehmen lohnt. 

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