Foto: Netflix

Winona Ryder: „Es ist bizarr, Verletzlichkeit mit Schwäche gleichzusetzen“

Gerade hat Winona Ryder als verzweifelte Mutter eines verschwundenen Jungen ihr Comeback mit der Netflix-Serie „Stranger Things“. Jetzt spricht sie in einem Interview darüber, wie die Verletzlichkeit und Sensibilität von Frauen pathologisiert wird – und wie ihr das seit Jahren ganz persönlich nachhängt.

 

„Sensible Frauen werden als abnormal dargestellt“

Was ist eigentlich mit einer Gesellschaft los, die weiche Charakterzüge, Sensibilität oder – Gott bewahre – Verletzlichkeit als etwas Krankhaftes kategorisiert, das störend ist und im besten Falle therapiert werden sollte? Nun, es ist die gleiche, die sich noch über Tränen von Männern wundert. Und auch wenn sich sowohl Männer als auch Frauen mit dem Vorwurf der Schwäche konfrontiert sehen, wenn sie sich zu sehr öffnen, ist doch die Idee von Frauen, die ihre Verletzlichkeit nicht verstecken, oftmals problematischer – denn es wird nach wie vor als grundsätzlichen Mangel interpretiert. 

Besonders auffällig ist das bei Frauen, die schon mal grundsätzlich aus der Masse herausstechen. Weil sie die Nachbarin sind, die eben einen anderen Lebensentwurf oder auch nur Kleiderstil hat („Die Verrückte von nebenan hat sich überhaupt nicht im Griff!“), Führungspositionen besetzen („Kann die das überhaupt, die ist doch so emotional…!“) oder eben Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen („Wann macht die eigentlich mal eine Therapie?“). So geschehen auch bei Winona Ryder, die ihre Ängste und ihre verwundbare Seite schon zu Beginn ihrer Karriere offengelegt hat – nicht ohne Konsequenzen für die amerikanische Schauspielerin.

Lange Zeit hat sich Winona Ryder nicht mehr zu ihrem (vermeintlichen) Seelenzustand geäußert. Doch jetzt, nach ihrem mehr als großartigen Comeback mit der Netflix-Serie „Stranger Things“, hat die 44-Jährige dem NY Mag ein Interview gegeben, in dem sie diese, gerne medial ausgeschlachtete, Stigmatisierung von emotionalen Menschen anspricht. Für sie, sagt Ryder, sei es einfach nur bizarr, wenn Frauen für ihre Sensibilität oder ihre Verletzlichkeit angeprangert werden.

„I’m so sick of people shaming women for being sensitive or vulnerable. It’s so bizarre to me.”

Wichtige Worte von einer, die in den 80er und 90er Jahren eine Ikone war, eine junge Frau, die wunderschön war und von Glamour umspült wirkte und dennoch eine Weirdo-Attitüde an den Tag legte, etwas Fahrig-Losgelöstes von dem ganzen Hollywood-Rummel hatte, der über Jahre über sie hereinbrach und dann doch irgendwie an ihr vorbeischoss. Mit ihren einfachen Shirts, den Karotten- Jeans und den klobigen Schuhen, war sie eben auch immer irgendwie eine von uns – oder wir versuchten zumindest, etwas von ihr zu erhaschen, das uns greifbar schien. Das war wohl der Zauber, der von ihr ausging – und genau den haben die Medien auch geliebt. Aber als dann kleinere Abstürze kamen, sie in einem Interview mit der US-Moderatorin Diane Sawyer im Jahr 1999 offen über ihre Erfahrungen mit Depressionen und Angstzuständen redete und schließlich 2001 beim Klauen in einer Boutique  erwischt wurde, ging es bergab. Sie verlor das Schillernde und war nun nur noch „komisch“, sie passte nicht mehr in den Rummel. Und statt sich wie Britney Spears nach ihrem Absturz 2006 wieder mit aller Macht in die „Normalität“ zurückzuarbeiten, nahm sich Ryder einfach gänzlich heraus. Vielleicht auch, weil sie gelernt hatte, dass sie nun sowieso in eine Form gepresst war, aus der sie kaum mehr herauskommen würde: Komisch, kaputt, zerbrochen.

“I wish I could unknow this, but there is a perception of me that I’m supersensitive and fragile. And I am supersensitive, and I don’t think that that’s a bad thing. To do what I do, I have to remain open.” 

Doch heute hat sie ihre Worte wieder. Und so sagt sie nun offen, wie sehr es ihr gegen den Strich geht, dass sensibel gerne als Synonym für schwach oder verrückt gebraucht wird. Denn was ist es anderes als stark, wenn jemand, der sich öffnen muss, um seinen Beruf ausüben zu können, sich in den Eisbach Hollywood setzt und die Kälte eben nicht immer aushält, nicht mit Leichtigkeit erträgt – und trotzdem weitermacht? Nun, wahrscheinlich gar nichts, zumindest nicht, so lange man das nicht thematisiert. Und es ist mehr als nachzuvollziehen, dass sie sich selbst heute für das Interview mit Diane Sawyer kritisiert.  Denn auch wenn es „nur“ Erfahrungen waren, oder einen Teil ihrer Persönlichkeit ausmacht, so hat es doch fortan alles bestimmt, was medial im Kontext Winona Ryder stattfand. 

“I remember I did Diane Sawyer, and I talked about my experiences with anxiety and depression when I was that age. And I think by doing that, maybe coupled with my physical size, there’s this ‘crazy’ thing. And I’ve realized recently it’s literally impossible to try to change that story.”

Und damit wird es letztlich von einem Teil zu einem Ganzen, dass es heute noch so schwierig für Betroffene macht, darüber zu reden. Weil die Story dann über einen Menschen auserzählt scheint und alles, was noch passiert unter die Folie: „verrückt, krank, nicht belastbar“ gelegt werden wird. Doch genau wegen dieses fatalen Trugschlusses, ist es so wichtig, offen mit diesen Themen umzugehen und wir sind alle in der Verantwortung, ihn ganz bewusst nicht mehr zu ziehen. 

Wir sollten es schaffen, Verletzlichkeit, Sensibilität und Ängste als Eigenschaften oder emotionalen Zustände zu betrachten, die ganz normal sind – nicht als einen Mangel. Zu viel kann das ja nicht verlangt sein.


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