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„Alles wird bis zum Erbrechen kopiert“

Wir haben mit der Verlegerin und Autorin Zoë Beck über das Verlagswesen, ihr neues Buch und wiederkehrende Irrtümer gesprochen.

 

„Wir brauchen dringend mehr Literaturbegeisterung!“

Gute Literatur braucht Mut. Wer heute einen (Klein-)Verlag etablieren und mit seinem literarischen Programm nicht nur den Mainstream bedienen, sondern vor allem starke Stimmen fördern will, der sollte viel Leidenschaft mitbringen. Und sich auf jede Menge Papierkram gefasst machen. So wie Zoë Beck, die gemeinsam mit Jan Karsten den eBook-Verlag CulturBooks gegründet und gerade ihr neues Buch herausgebracht hat. In „Schwarzblende“ beschäftigt sie sich mit religiös motivierten Morden durch den IS, erschienen ist der Roman kurz nach den Attentaten in Paris. Wir haben mit ihr über ihre Gedanken zum Thema, den Umgang mit Angst und Vorurteilen und die Freuden und Hürden als Verlegerin gesprochen.

Gerade ist dein neues Buch „Schwarzblende“ erschienen. Darin behandelst du das Thema der religiös motivierten Morde durch den IS. Was war dir dabei besonders wichtig?

„Was das Ganze mit uns macht. Wie wir mit der Angst umgehen. Wie schnell wir bereit sind, elementare Menschenrechte über Bord zu werfen, Freiheit gegen vermeintliche Sicherheit einzutauschen, ganze Gruppen unter Generalverdacht zu stellen und vorzuverurteilen. Wie unterschiedlich dieselbe Religion ausgelegt werden kann. Wie fragil das ist, was wir unter Zivilisation verstehen wollen.“

Glaubst du, langfristig wird sich eine konstruktive Auseinandersetzung  mit dem Thema gegen Angst und Vorurteile durchsetzen können?

„Es wird wohl weiterhin eher Wellenbewegungen geben. Einmal steht ein konstruktiver Diskurs in Vordergrund, dann haben wieder die Oberwasser, die alles in Gut und Böse aufteilen wollen. Am Beispiel der Kopftuchdiskussion lässt sich dieses Hin und Her seit Jahren beobachten: An einem Tag ist es völlig okay, wenn Frauen Kopftücher tragen, am nächsten Tag ist es ein Skandal. Für die einen ist es ein Zeichen von Religionsfreiheit und weiblicher Selbstbestimmung, für die anderen ein politisches Statement und das Symbol für die Unterdrückung der Frauen im Islam. So wird es auch weitergehen: Akzeptiert man Religionen und schützt deren friedliche Ausübung, oder sagt man, jede Religion ist immer gefährlich? Es wird immer an irgendeiner Ecke dieser Welt brennen, es wird dann immer jemanden geben, der behauptet, das Feuer im Namen einer höheren Macht gelegt zu haben, es wird immer etwas ganz anderes dahinterstecken. Und es wird immer Menschen geben, die Angst vor dem haben, was sie nicht kennen und nicht verstehen. Ich weiß auch nicht, ob es von politischer Seite, ganz egal in welchem Land, überhaupt gewollt ist, dass die Menschen aufhören, Angst zu haben. Menschen, die konkrete Ängste haben, lassen sich leichter regieren, dirigieren, manipulieren.“

Bedenkt man die Diskussionen und Reaktionen nach den Attentaten von Paris im Zusammenhang mit dem neuen Roman von Michel Houellebecq: Hat dich das im Vorfeld der Veröffentlichung deines eigenen Buches beeinflusst?

„Zu der Zeit war das Buch schon fertig: gesetzt und in der Herstellung. Ich war da hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, das Buch erst gar nicht veröffentlichen zu lassen, und der Angst, dass es niemand liest, weil jetzt alle das Thema so leid sind. Natürlich lag der Pressefokus auf Houellebecq: Literaturliteratur, Hardcover, Mann. Dazu noch aus Frankreich, dem Land der Anschläge. Dazu noch ein ohnehin bekannter Schriftsteller. Und ich bin eine Frau, die im Taschenbuch erscheint und dazu noch Genreliteratur schreibt. Aber was bisher an Presse kam, hat mich überwältigt. Was mich sorgt, sind die Leute, die das Buch willentlich falsch verstehen und mir alles mögliche unterstellen. Um mich anzugreifen, oder um mich zu instrumentalisieren. So etwas abzuwehren, kostet mich gerade eine Menge Kraft.“

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Victoria Tomaschko
 

Gemeinsam mit Jan Karsten hast du „CulturBooks – elektrische Bücher” gegründet. Wie literaturbegeistert muss man sein, um in der heutigen Zeit noch einen Verlag zu gründen?

„Wir sind sehr literaturbegeistert. Nur deshalb haben wir CulturBooks gegründet. Eben weil wir fanden, dass es viel mehr Literaturbegeisterung in diesen Zeiten geben muss. Dringend!“

Was sind dabei unternehmerisch die größten Hürden und welche haben euch im Nachhinein kalt erwischt?

„Der Papierkram, diese ganzen Formulare, die irgendwo auftauchen und ausgefüllt werden wollen. Das sind Kreativitätskiller. Obwohl wahrscheinlich nur ich das als Hürde ansehe, Jan macht das ganz prima und ist trotzdem noch kreativ. Ich weiß nicht, wie er das macht. Ansonsten können wir uns in unternehmerischer Hinsicht nicht beschweren. Wir hätten nur gern mehr Zeit. 24 Stunden pro Tag und sieben Tage pro Woche, das ist lächerlich wenig.“

Was ist der größte Irrtum, der dem Verlagswesen anhaftet?

„Dass alle ständig zurückschauen, was sich gut verkauft hat, um es bis zum Erbrechen zu kopieren. Und dann noch diese starre Einteilung in Warengruppen, die alles erstickt, was zwischen den Genres passiert. Ach, da gibt es viele Irrtümer.“

Wie sieht euer Programm aus und wie viele Titel veröffentlicht ihr etwa im Jahr?

„Unser Programm besteht aus Originaltiteln, Neuauflagen vergriffener Titel und eBook-Lizenzen von Printausgaben. Wir suchen uns die Texte heraus, von denen wir überzeugt sind. Wir wollen Texte, die gut geschrieben sind, die etwas aussagen, die nicht dem Mainstream hinterherlaufen, sondern ihren eigenen Weg haben. Autoren und Autorinnen mit einer eigenen Stimme. Das ist uns ganz wichtig. Wir haben im Schnitt wohl so fünfzig Titel im Jahr. Wahrscheinlich mehr.“

Heute muss sich kein Autor mehr an einen Verlag binden, sondern kann sich mittels Self-Publishing einfach selbst verlegen. Wie stehst du dazu?

„Um ein Buch erfolgreich zu verlegen, muss man nicht nur einen guten Text schreiben, der muss auch noch lektoriert und korrigiert werden, was man mit eigenen Texten nur schwer machen kann, man ist ja irgendwann betriebsblind. Man braucht dann noch einen guten Titel, ein gutes Cover, gute Paratexte, dann muss man sich um den Vertrieb kümmern, um die Pressearbeit, das Marketing, und so weiter. Wer das alles allein schafft, ist im Self-Publishing genau richtig. Oder wer sich da ein gutes Team zusammenstellt. Ein Verlag ist letztlich auch ein Team, das einem bei diesen ganzen Aufgaben hilft. Ich bin sehr froh darüber, bei einem Verlag zu sein, Ansprechpartner zu haben, Probleme diskutieren zu können. Ein Verlag hat ganz andere Möglichkeiten in Sachen Pressearbeit oder Vertrieb, nur mal als Beispiele.“

Ich stelle mir vor, dass man als Verlegerin deutlich andere Faktoren ein Buch betreffend im Kopf hat, denn als Schriftstellerin. Wie gehst du als Autorin mit deiner Doppelfunktion um?

„Wir haben CulturBooks gegründet, um den wirklich guten Texten ein Forum zu geben, ohne dass dabei auf den sofortigen und ausschließlich monetären Erfolg geschielt wird. Wir freuen uns natürlich über gute Verkäufe, aber wir denken erst einmal vom Text her und sagen: Dieser Text ist so großartig, den müssen wir unbedingt machen! Als Autorin habe ich mitbekommen, wie sehr von Verlagsseite – was wiederum über den Vertrieb aus dem Buchhandel kommt – Einfluss darauf genommen wird, was die Autoren und Autorinnen schreiben sollen. Dieser Verlust der eigenen Stimme, der eigenen Ideen bei vielen Schreibenden macht mich ganz unglücklich. Ich weiß, wie schwer es ist, die Balance zu finden zwischen dem, was man wirklich schreiben will, und dem, was Geld bringt. Vor lauter Geld verdienen darf eben nicht vergessen werden, was die Aufgabe von Literatur neben der reinen Unterhaltung ist. Aber wir sind zuversichtlich, dass wir mittelfristig unser Ziel erreichen: Ein wirtschaftlich funktionierender Verlag, der Literatur verlegt, die nicht nur uns, sondern auch genügend andere Menschen begeistert.“

Vor kurzem war die Buchmesse in Leipzig. Wie wichtig ist der Termin für dich und wen gab es zu entdecken?

„Die Buchmesse in Leipzig war prima. Ich hatte einige Lesungen mit meinem neuen Buch, Diskussionsrunden, Vorträge, ich habe außerdem mit Pippa Goldschmidt, eine unserer Autorinnen, die nun auch im Print im Weidle Verlag erscheint, gelesen. Wichtig ist vor allem, die Leute, die man sonst eher aus dem Internet kennt, persönlich zu treffen. Alle sind dort, es ist toll. Entdeckt habe ich hier und da ein paar Titel, die interessant aussahen, aber ich habe mir nur die Infos eingesteckt und muss alles erst mal in Ruhe sichten.“  

 Zoë Beck: Schwarzblende, erschienen im Heyne Verlag, März 2015, 9,99 Euro.

 

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