Foto: Unsplash | Thought Catalog

Wie Netflix mit „Take Your Pills“ den Medikamentenmissbrauch an US-Unis verharmlost

Ob vor Klausuren, wichtigen Spielen oder im Haushalt – die US-amerikanischen Studenten setzen als Geheimwaffe auf das Medikament Adderall, wie die Netflix-Dokumentation „Take Your Pills“ zeigt. Eines zeigt die Doku allerdings nicht: die langfristigen Folgen und Nebenwirkungen.

Die Droge, die Superkräfte verleiht

„Du willst schlank sein, gute Noten haben und trotzdem ausgehen können. Adderall macht es möglich.“

„Mit Adderall arbeitet man mit einem laserartigen Fokus, schneller Reaktion und Wachheit.“

„Eine Nebenwirkung von Adderall ist, dass man glaubt, alles zu können.“

So berichten College-Studenten von ihren Erfahrungen mit dem Medikament Adderall in der Netflix-Dokumentation „Take Your Pills“, die am 9. März erschienen ist. Adderall gehört zu den Arzneien der Amphetamine und wird  Menschen verschrieben, die unter ADHS, also einer Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung leiden. Es hilft ihnen dabei, sich besser zu konzentrieren und sich nicht gleich von jedem kleinsten Impuls ablenken zu lassen.

Alles für die Performance

Doch wie die Dokumentation zeigt, geht die Verwendung von Adderall weit darüber hinaus. Ob vor Hausarbeiten, Präsentationen, Football-Spielen oder im Haushalt – in Amerika nutzen Leistungssportler, Programmiererinnen und andere Studenten die Pillen als Mittel zur Leistungssteigerung. Gemessen am Konsum illegaler Drogen, heißt es in einem Sachbericht über Amphetamine und Metamphetamine des Instituts für Therapieforschung München von 2014,  rangiert die Stoffklasse amphetaminähnlicher Stimulanzien nach Cannabis weltweit auf Rang zwei. Eine amerikanische Politologin kommentiert in der Dokumentation:

„Die Normen in unserer Gesellschaft erfordern, dass du auf den Punkt bestmöglich funktionierst. Wir leben in einer extrem wettbewerbsorientierten Gesellschaft, in der es nicht darum geht, das eine Ziel zu erreichen. Es gibt nicht das eine Ziel, es hört nie auf.“

Dass Adderall eigentlich einen medizinischen Hintergrund und auf Menschen mit ADHS eine ganz andere Wirkung hat, kommt in der Dokumentation allerdings nicht ganz rüber. Auf Menschen, bei denen tatsächlich neurologische Auffälligkeiten diagnostiziert wurden, wirken die Medikamente nämlich nicht aufputschend oder immens leistungssteigernd – sie wirken regulierend, entspannend, sie helfen ihnen, sich im Alltag besser zurecht finden und sich phasenweise konzentrieren zu können.

Das kommt in der Dokumentation allerdings gar nicht zur Sprache. ADHS wird, wie viele andere Male auch, als „Modekrankheit“ dargestellt, der medizinische Nutzen von Adderall wird komplett unter den Tisch fallen gelassen. Dieses Bild entspricht einfach nicht der Wahrheit, finden einige ADHS-Patienten und drückten unter dem Hashtag #itakemypills  auf Twitter ihre Kritik aus.

Quelle: Twitter | @SaynorYoung
Quelle: Twitter | @ZimmerMegan
Quelle: Twitter | @EbonyMcKenna 

Die Kritiken machen deutlich: Adderall oder andere ADHS-Medikamente werden nicht einfach so zum Spaß genommen, weil man leistungsfähiger oder wacher sein will – ADHS ist kein Mythos, ADHS gibt es wirklich und für manche Patienten sind die Medikamente im Alltag unabdingbar.

Quelle: Twitter | @bertjwregeer

Wo bleiben die Nebenwirkungen?

Diese Kritik erfolgt zurecht. Denn die Dokumentation wirkt an vielen Stellen lächerlich, verharmlosend und sehr fragwürdig. Man sieht einen Interviewpartner nach dem anderen, es werden Cartoons, die verschiedensten Protagonisten und Video-Geflacker hineingeschnitten, sodass man als Zuschauer gar nicht mehr hinterherkommt. Umso kürzer kommt dadurch allerdings das Wichtigste:  wissenschaftlich fundierte Erklärungen.

Stattdessen geht es fast die ganze Zeit um den Reflex der Gesellschaft, Druck-Situationen eben einfach schnell mit Pillen wettzumachen. Die Schäden und dauerhaften Folgen, die diese Pillen auslösen, wie körperlicher Verfall, Psychosen sowie Schädigungen von Nervenzellen im Gehirn, werden nicht weiter thematisiert. So konzentriert man sich lieber auf die Ehefrau, die ihr Glück darüber beschreibt, dass ihr Mann dank der Pillen endlich das Geschirr abwäscht. Oder Beispiele, wie die Studenten es schaffen, sich die Pillen ärztlich verschreiben zu lassen. Amphetamine werden hier nicht wie ein Medikament dargestellt, sondern wie ein Snack, den man sich im Alltag eben so gönnt.

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