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1,6 Millionen Alleinerziehende sind ratlos: Welche Partei können wir wählen?

Familienpolitik ist im Wahlkampf immer ein großes Thema. Auch den Ein-Eltern-Familien wird viel versprochen, doch die Alleinerziehenden sind skeptisch. Viele wissen nicht, welche Partei sie wählen können.

 

Ein offener Brief an die Parteien

Liebe Parteien, die ihr für die Bundestagswahl kandidiert,

mir reicht es. Nach all den hübschen Blümchen zum Weltfrauentag, den nett verpackten Diskussionsrunden und Anhörungen und den bald wieder zu erwartenden Muttertags-Pralinchen, will ich und wollen über 1,6 Millionen WählerInnen wissen, was ihr denn so in eurem Koffer verpackt habt für die Alleinerziehenden und ihre Kinder. Das, was da vor ein paar Wochen zum Beispiel im Livestream aus der Friedrich-Ebert-Stiftung zu uns hinausschallte, war ja nicht sonderlich vielversprechend. Und auch sonst glänzen viele mit Rat- und Ideenlosigkeit und meinen, sie könnten eine immer größer werdende Gruppe, ihre Familienform und insbesondere deren weibliche Angehörige einfach ignorieren.

Ihr habt hier inzwischen zu großen Teilen gut gebildete, hochqualifizierte, leistungsfähige und selbstbewusste Frauen vor euch, die den Alltag mit ihren Kindern größtenteils allein managen, Vollzeit arbeiten oder mehrere Teilzeitjobs stemmen oder mehr oder weniger prekär freiberuflich tätig sind. Diese Frauen sitzen nicht faul zu Hause herum, sondern tragen ihren Anteil zu diesem Land bei (und das auch dann, im übrigen, wenn sie mit den Kindern zu Hause bleiben, denn auch das ist Arbeit). Diese Frauen haben keine Lust auf leere, schillernde Seifenblasen und weitere Leistungsforderungen, damit sie noch schärfer am Burnout entlang schrappen, als sie es sowieso schon tun. Sie haben auch keine Lust, ihre Kinder 24 Stunden irgendwo „unterzubringen“, damit ihre Arbeitskraft voll zur Verfügung steht. Sie arbeiten schon jetzt sowieso mehr als Vollzeit und quetschen auch das letzte Restchen Leistung aus sich heraus. Das ganze funktioniert nur, indem sie sich selbst und ihren Kindern ein Höchstmaß an Anpassung und Unterwerfung unter ein eng getaktetes Alltagszeitraster abfordern. Gesund ist das alles nicht und wird den Staat bald eine Menge Geld kosten.

Alleinerziehende haben keine Zeit für Blabla

Diese Frauen haben keine Zeit für Blabla. Sie wollen konkrete Vorschläge und gezielte und niedrigschwellige Entlastung. Und wenn der Politik die Ideen fehlen, kann man ja mal freundlich nachfragen und dann mal zuhören und die vielen, sehr pragmatischen und nicht sonderlich teuren Ideen direkt bei den im Alleinerziehenden-Business erfahrenen Frauen abholen. Der Abend in der Friedrich-Ebert-Stiftung hat das bewiesen.

In meiner Filterblase der alleinerziehenden Frauen macht sich nun zunehmend Ratlosigkeit breit:

Wen können wir wählen?

Wer vertritt wirklich unsere Interessen?

Wenn zum einen versprochen wird, die Istanbulkonvention zu ratifizieren oder den Unterhaltsvorschuss auszubauen und dann andererseits hindurchschimmert, dass all das immer noch nicht wirklich „durch“ ist, ist das nicht vertrauenserweckend. Wir sind ja gern zur Hoffnung und Erleichterung bereit. Die Enttäuschung ist allerdings umso größer, wenn diese so wichtigen Punkte nicht umgesetzt werden. Und statt mal endlich nachhaltig ausstehende Unterhaltszahlungen bei den zur Zahlung fähigen Vätern einzufordern, soll nun das Wechselmodell gesetzlich festgeschrieben werden – auch gegen den Willen eines Elternteils. Das heißt genauer hingesehen: die Wahlmöglichkeiten für Väter werden weiter gestärkt. Die Pflichten werden jedoch irgendwo vergessen, denn: die übernehmen ja schon lange im Hintergrund und unbemerkt die Mütter. Dass übrigens ein gesetzlich vorgeschriebenes Wechselmodell insbesondere für viele Frauen und auch für die Kinder große Nachteile hat, will man nicht hören. Wir sollen unser Schweigen brechen. Aber danach lässt man uns allein.

Wir sind Expertinnen. Fragt uns!

Es ist ja nicht so, dass wir nicht allein klar kämen. Im Gegenteil. Viele von uns schaffen mit links ein beeindruckendes Zeitmanagement, stemmen Multitasking besser als topgeschulte Manager und verfügen über eine Menge Kompetenzen, von denen mancher Arbeitgeber nur träumt. Dass viele von uns keine jammernden, passiven, dem Staat ständig auf der Tasche liegenden Mäuschen sind, wird immer deutlicher. Unter anderem zeigten das auch die Frauen, die bei der Friedrich-Ebert-Stiftung das Wort ergriffen. Unter widrigsten Umständen wird in einem der reichsten Länder der Welt die Zukunft dieses Landes auf Kosten von über einer Million Mütter gestemmt. Was diese Mütter sich wünschen würden, kostet in vielen Fällen noch nicht mal viel oder würde andere kostenintensive Maßnahmen ersetzen, die sowieso nur Tropfen auf heiße Steine sind.

Fragen Sie also Christine Finke, wenn Sie zum Beispiel wissen wollen, warum eine Haushaltshilfe mehr Wert ist als eine Mutter-Kind-Kur und weniger kostet.

Fragen Sie Reina Becker, wenn Sie verstehen wollen, wie man das Steuersystem so umbaut, dass Arbeit sich für Alleinerziehende lohnt.

Fragen Sie Alexandra Widmer, wie Sie eine Riesenwelle von Krankheitskosten umgehen können, die auf Sie zurollt, wenn Sie Alleinerziehende weiter so sträflich in Ihren Maßnahmen und Gesetzen vernachlässigen.

Fragen Sie Carola Fuchs, wenn Sie ein wirklich kindgerechtes Umgangsrecht nach Trennung und Scheidung anstreben und die Familienrechtsprechung nachhaltig verbessern wollen.

Fragen Sie Christine Döring, wenn Sie wissen wollen, welche Maßnahmen und Gesetze wirklich gegen Stalking helfen würden.

Fragen Sie mich, wenn Sie einen Einblick bekommen wollen, was Opfern von häuslicher Gewalt wirklich helfen würde (denn Schweigen brechen reicht nicht).

… und lesen Sie Notyetaguru, Mutterseelesonnig, Mamamotzt und viele andere Alleinerziehenden-Blogs, die einen Einblick in das Leben, die Schwierigkeiten und die unglaubliche Leistungsfähigkeit von Alleinerziehenden geben. Es gibt inzwischen eine Menge Expertinnen. Viele sind ratlos, wen sie wählen sollen. Wir würden ja sogar für Sie werben, wenn denn mal einer die vielen guten und günstigen Ideen aufgriffe, die wir Ihnen immer wieder vorlegen.

Also: Geben Sie uns einen Einblick in ihre Ideen, lassen Sie sich inspirieren zu wirklich guten und tragfähigen Konzepten und schließen Sie sich nicht in ihrem Elfenbeinturm oder unter der schillernden Reichstagskuppel ein. Das könnte Sie am Ende teuer zu stehen kommen.

Ich bin auf Ihre Vorschläge gespannt.

Mit freundlichen Grüßen

Rona Duwe

Dieser Brief ist zuerst erschienen auf dem Blog Phoenixfrauen. Wir freuen uns sehr, dass Rona Duwe ihn auch hier veröffentlicht.

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