Foto: Almost 30

Almost 30: „Erwachsenwerden bedeutet heute eben nicht mehr zwingend Haus, Kind, Karriere”

Werden wir eigentlich jemals erwachsen? „Nein”, sagen Marie und Hannah Krutmann und wollen ein Magazin passend zum Lebensgefühl herausbringen: „Almost 30”.

Print ist tot – es lebe der Print

Menschen, die heute Ende 20 sind und das Privileg besitzen, sehr frei über sich, ihre Jobsituation und ihr Leben bestimmen zu können, wird oft der Vorwurf gemacht, nicht erwachsen werden zu wollen. Aber was heißt das eigentlich im Jahr 2018: „erwachsen werden”? Und wird man das überhaupt irgendwann komplett? Das haben sich die beiden jungen Medienschaffenden Marie, die auch schon bei uns geschrieben hat, und Hannah Krutmann, gemeinsam mit Freund*innen gefragt und ihre Antwort darauf gefunden: „Almost 30”.

Das Ganze steht für ein Lebensgefühl, unabhängig vom wirklichen Alter der Personen, die es teilen. Ein Lebensgefühl, dass viele zu kennen scheinen. Und über das sie sprechen, schreiben und sich austauschen wollen – und zwar nicht nur online, sondern auch auf richtigem Papier, in Magazinform. Dafür haben sie gerade ein Crowdfunding gestartet.

Wir haben mit den beiden über das neue Erwachsenwerden, Freundschaften und eine Community gesprochen, die sowohl online als auch analog und im echten Leben zusammenkommen soll

„Almost 30” – ist die Geschichte der Endzwanziger, die einfach nicht erwachsen werden wollen, nicht schon auserzählt?

Marie: „So definieren wir es gar nicht: Es geht nicht darum, nicht erwachsen werden zu wollen und es geht auch nicht nur um die Endzwanziger, es geht mehr um ein bestimmtes Lebensgefühl. Wenn man es aber speziell auf unsere Generation beziehen will, so glaube ich, dass wir gerade mit Ende 20 an einen Punkt kommen, an dem wir uns Dinge fragen wie: ,Was haben eigentlich unsere Eltern in unserem Alter gemacht?` Die Antwortet lautet oft: Sie hatten bereits Kinder, vielleicht sogar ein Haus, und der erste große Karriereschritt war auch schon getan. Deshalb denken viele von uns, dass mit 30 all diese Dinge auch auf uns zutreffen sollten. Wenn man sich dann aber in seinem Freundeskreis umschaut, merkt man, dass es zwar auch bei uns Freund*innen gibt, die Karriere machen oder Kinder kriegen, wir aber insgesamt doch ganz anders leben als unsere Eltern damals.”

„Für mich ist nichts schlimmer als Stillstand.” – Marie

Und wie sieht dieses Leben aus?

Marie: „Es geht nicht darum, dass wir eine Protesthaltung einnehmen: ,Wir wollen nicht erwachsen werden’, sondern wir glauben, dass Erwachsenwerden gar nicht mehr richtig zu greifen ist, nicht mehr an bestimmten Dingen – Haus, Karriere, Kinder – festzumachen ist. Wir haben viel mehr Optionen. Aber dadurch wird es auch schwieriger, zu sagen, wann man erwachsen ist, wann man dieses Level erreicht hat.”

Hannah: Das andere Extrem zu den Eltern, die mit Ende 20 quasi schon ,fertig’ waren, stellen für uns jene Menschen dar, von denen man gerade in den 1990er und 2000er Jahren in Berlin viele getroffen hat, die mit Anfang 40 noch studieren, in einer WG leben und immer noch nicht erwachsen sind. Zwischen diesen beiden Extremen sehen wir, mit „Almost 30”, einen total tollen Moment, in dem du noch nicht ganz erwachsen bist und es auch okay finden kannst, dass noch nicht alles durchgeplant ist. Dieser positive Blick auf diese Zeit hat uns gefehlt. 

Marie: „Erwachsensein kann man auch damit übersetzen, dass man denkt, dass man mit irgendetwas schon fertig sein müsste. Ich glaube, wir werden niemals fertig sein – und das ist toll. Für mich ist nichts schlimmer als Stillstand.”

Und da seht ihr dann einen Unterschied zur Generation unserer Eltern?

Hannah: „Ja, genau. ,Quarterlife crisis, anyone?’ – ist eine, Frage, die wir unserer Community gerne stellen. Wir wollen uns auch mit der negativen Tatsache auseinandersetzen, dass wir schon früher mit Enttäuschungen zu kämpfen hatten als unsere Eltern damals: Arbeitslosigkeit oder Trennung zum Beispiel. Die Generation unserer Eltern ist schneller erwachsen geworden und hat dafür vielleicht ihre Midlife-Crisis bekommen, erst in dieser mussten sie sich mit sich selbst auseinandersetzen. In unserer Generation findet dieser Prozess früher statt, dafür sind wir dann vielleicht aber auch noch nicht bereit, uns jetzt schon so stark zu verpflichten, egal ob im Job oder in einer Beziehung.”

„Sollte man Freundschaften nicht auch auf die Liste der Dinge setzen, die man noch erreichen oder vertiefen will?” – Marie

Eure erste Ausgabe widmet ihr dem Thema Freundschaft. Warum?

Marie: „Wir haben uns gefragt: Warum geht es beim Thema Zukunft eigentlich nie um Freundschaft? Es geht super oft um Liebe, den eine*n Partner*in, den*die man finden und sich isolieren muss, um seine eigene Familie zu gründen. Je älter man wird, desto weniger Freund*innen hat man. Warum ist das so? Eigentlich sind Freundschaften doch das, was man von klein auf hat, man bekommt immer mehr Freund*innen – bis sich die Entwicklung umdreht. Sollte man Freundschaften nicht auch auf die Liste der Dinge setzen, die man noch erreichen oder vertiefen will?”

Hannah: „Wir finden es auch spannend, uns anzuschauen, wie Freundschaften sich in der Zeit entwickeln und verändern. Wo entstehen in dieser Phase eigentlich Freundschaften? Wie können wir sie am Leben erhalten?”

„Was habe ich die letzten 30 Jahre gemacht? Ich habe Freunde gesammelt.” – Hannah

Wann habt ihr gemerkt, dass Freundschaft so ein zentrales Thema für euch ist

Hannah: „Die Idee für das ganze Freundschaftsthema für das Magazin hat sich aus einem Festival entwickelt, dass ich letztes Jahr zu meinem Fast-30. Geburtstag organisiert habe. Dafür habe ich mich gefragt: Okay, ich feiere kein Hochzeitsfest, ich überlege gerade, meinen festen Job zu kündigen, welche Konstante gibt es? Was habe ich die letzten 30 Jahre gemacht? Ich habe Freunde gesammelt. Und die haben sich dann alle auf dem Festival getroffen. Da hat im Realen das funktioniert, was wir jetzt auch mit dem Magazin machen wollen: eine Community bilden.”

Was bedeutet diese Community genau?

Marie: „Bei uns können auch Menschen schreiben, die keine ausgebildeten Journalist*innen sind. Sie müssen nicht perfekt schreiben können, nicht jedes Wort muss sitzen. Bei uns geht es um das ,kollektive Schreiben’. Wir finden es schön, die Geschichten von Leuten zu lesen, die mal nicht über eine journalistische Fragestellung – was ist die perfekte Story? Was ist im Trend? Was bringt die meisten Klicks?– an ein Thema herangehen, sondern aus sich heraus. In der ersten Ausgabe haben Freund*innen von uns und wiederum deren Freund*innen geschrieben. Und die erzählen ihre Geschichten mal anders als wir sie bisher journalistisch kennen.”

Ihr beschreibt den Community-Gedanken bei euch wie folgt: „Almost 30 ist eine Community für alle, die gemeinsam ihren eigenen Weg gehen wollen.“ Wie passt das zusammen?

Hannah: „Man denkt immer: Nur weil eine andere Person eine Sache schon macht, kann ich sie nicht mehr machen. Oder: Die andere Person kann das viel besser, da brauche ich es gar nicht erst versuchen. Aber eigentlich ist es doch total schön, von guten Dingen mehr zu produzieren. Wir wollen uns gegenseitig fördern. Es ist doch super, wenn man ein Netzwerk hat, das sich für die gleichen Themen interessiert. Dann kann man gemeinsam Dinge angehen, die man sich alleine vielleicht nicht zutrauen würde. Das meinen wir mit: „Gemeinsam den eigenen Weg gehen.”

Marie: „Und zwar nicht nur beruflich, sondern eben auch in Bezug auf Freundschaft, Beziehungen, Zukunftsängste. Schon eine andere Person, die man trifft und die das Gleiche durchgemacht hat oder die gleichen Fragen hat, nimmt einem doch oft schon einen großen Teil der Angst. Je mehr persönliche Beispiele man kennt, desto mehr hat man das Gefühl, nicht alleine zu sein. Und je mehr man seine eigene Geschichte erzählt, desto mehr gibt man dieses Gefühl anderen Menschen.”

Definition von Freundschaft mit Ende 20? Quelle: Instagram | Almost 30

Und warum das Ganze als Print-Magazin? Passt online nicht viel besser zu euch?

Marie: „Nichts gegen Online-Magazine. Wir lesen die selbst sehr gerne, aber oft stehen einzelne Beiträge dort für sich, es gibt keinen Rahmen, es wird nichts zusammengehalten. Und – das kennen wir sehr gut, weil wir selbst auch viel online arbeiten ­– online kommt man ganz schnell in Situationen, in denen man sich mit anderen vergleicht, in Konkurrenz tritt und sich, im Falle der Autor*innen, ziemlich angreifbar macht. Wir wollen mit den Texten sensibel umgehen und ihnen einen sicheren Ort bieten, den so persönliche Inhalte unserer Meinung nach brauchen.

Hannah: „Viele unserer Texte sind, wie gesagt, von Freund*innen geschrieben, die gar keine Journalist*innen sind. Ihre wirkliche Kraft haben sie entfaltet als sie in Verbindung miteinander ausgebreitet vor uns lagen.

Und was passiert, wenn das Crowdfunding erfolgreich ist?

Hannah: „Dann gibt es eine Party (lacht) – nein, dann wird die erste Ausgabe des Magazins gedruckt.”

Marie: „Mit einer ersten Auflage von 1.000 Stück. Und dann gibt’s die Party! Das Magazin kann man dann auf unserer Website und in Berlin in ausgewählten Läden kaufen. Wir lernen gerade selbst im Entstehungsprozess wie man so ein Magazin eigentlich macht. Und auch das ist bezeichnend für ,unsere Generation’: Wir legen einfach mal los. Klar haben wir eine grobe Kalkulation gemacht, aber wie man zum Beispiel den Vertrieb organisiert, lernen wir gerade mit jedem Schritt. Und das ist auch das, was wir allen raten würden, die ihr eigenes Projekt aufziehen wollen: Denkt nicht zu viel darüber nach, sondern sucht euch die Menschen, mit denen ihr Lust habt, das Projekt zu machen und macht einfach mal. Wenn es klappt, umso besser.

Wird Almost 30 irgendwann die neue Neon?

Marie: „Ja und nein. Schön wäre, wenn in ein paar Jahren Leute sagen: ,Ach ja, Almost 30, das ist das Magazin für junge Leute, die etwas über das Zwischenmenschliche erfahren möchten. Und gleichzeitig würde ich auch sagen, nein, weil die Neon sehr journalistisch, sehr konzeptionell denkt. Das macht bei uns, text- und bildlich den Unterschied. Wir schauen, welche Geschichten im Leben unserer Mitwirkenden gerade geschrieben werden.”

Hannah: „Es geht einfach wenig um Perfektion. Ich glaube, wir sind recht selbstironisch, sowohl was die ganze Sache mit dem Älterwerden und Generationsdenken angeht als auch in Bezug auf unsere Beiträge. Das ist wahrscheinlich auch der Punkt: Wir sind noch nicht perfekt und wir werden es wohl auch nicht. Wir sind almost 30 und stolz drauf.”

 

Update: Das Crowdfunding war erfolgreich und mittlerweile gibt es die erste Print-Ausgabe „Almost 30”, in der sich alles um Freundschaft dreht. 

 

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Nach Stationen als Praktikantin, Volontärin und feste Redakteurin bei EDITION F bin ich seit Mai 2019 freie Journalistin und schreibe hier alle zwei Wochen eine politische Kolumne. Vorher habe ich in Hamburg Politikwissenschaften studiert. Gute Bücher, intersektionaler Feminismus und gutes Essen lassen mein Herz höher schlagen.

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