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Ikigai: So sehr beeinflusst sinnstiftende Arbeit deine Gesundheit

Das japanische Konzept „Ikigai“, grob als „Lebenssinn“ übersetzbar, findet auch hierzulande immer mehr Anklang. Schließlich gilt es als Schlüssel zu einem gesunden und glücklichen Leben. Und birgt auch für Unternehmen enormes Potenzial.

„Ikigai“: Der Weg zum Traumjob?

Die japanische Inselgruppe Okinawa wird die Insel der Hundertjährigen genannt. Hier werden die Menschen nicht nur älter als nirgends sonst auf der Welt, sie bleiben dabei auch bis ins hohe Alter fit und gesund. Ihr Geheimnis: Sie kennen und leben ihr Ikigai. Aus dem Japanischen übersetzt bedeutet das so viel wie „wofür es sich zu leben lohnt“. Ikigai ist die Schnittmenge aus dem, was man gerne tut, dem, worin man gut ist, dem, was die Welt braucht, und dem, wofür man bezahlt werden kann.

Obwohl Ikigai deutlich mehr umfasst als eine Arbeitsstelle, hört sich das aus westlicher Perspektive sehr nach dem Stichwort „Traumjob“ an. In Unternehmen angekommen ist Ikigai im Sinne von New Work: Arbeit, die man gerne macht und die einen erfüllt. Aber kann auch uns ein Job mit Sinn zu einem langen, glücklichen und gesunden Leben verhelfen wie den Bewohnern von Okinawa?

Weniger Fehltage

Tatsächlich zeigt der Fehlzeiten-Report 2018, dass es einen Zusammenhang zwischen der Sinnhaftigkeit im Beruf und der Gesundheit gibt. Laut der vom Wissenschaftlichen Institut der AOK durchgeführten Befragung fehlen Beschäftigte, die ihre Arbeit sinnstiftend finden, nur halb so oft krankheitsbedingt im Betrieb wie unzufriedene Arbeitnehmer und leiden seltener unter Erschöpfung sowie Rücken- und Gelenkschmerzen.

„Erwerbsarbeit wird heute nicht nur gesucht, weil sie materielle, sondern auch weil sie immaterielle Bedürfnisse nach Bindung, Zusammengehörigkeit, Anerkennung und sinnhafter Betätigung befriedigt“, sagt Helmut Schröder, Mitherausgeber des Fehlzeiten-Reports. „Erwerbsarbeit bedeutet auch teilzunehmen und mitzuwirken an etwas Größerem und im Idealfall selbstwirksam und selbsterfüllt tätig zu sein.“ Ihm zufolge sollten sich Beschäftigte immer fragen, ob in der jeweiligen Lebensphase Wunsch und Wirklichkeit zusammenpassen und sollten nach beeinflussbaren Veränderungsmöglichkeiten Ausschau halten. Es sei jedoch auch Aufgabe der Führungskraft, Mitarbeiter bei der Erfüllung ihrer persönlichen Ziele zu unterstützen.

Jeder hat Ikigai

Wie aber findet man für sich heraus, wie die persönliche Berufung aussieht? Damit beschäftigt sich die Bestsellerautorin Bettina Lemke in ihrem Buch „Ikigai. Den Sinn des Lebens im Alltag finden“. In dem als „Praxisbuch“ betitelten Ratgeber zeigt Lemke, wie man sein persönliches Ikigai herausfinden und umsetzen kann. „Das japanische Prinzip des Ikigais lässt sich auf unkomplizierte Weise in den konkreten Alltag der Menschen integrieren. Denn jeder hat Ikigai und kann sich, falls er es noch nicht entdeckt hat, mithilfe einfacher Fragen auf die Suche danach begeben“, so die Autorin.

Lemkes Buch beinhaltet auch Tipps, wie man seine Leidenschaft zum Beruf machen kann. „Potenziell kann jeder Mensch eine Tätigkeit finden, für die er auch bezahlt werden oder eine andere Gegenleistung erhalten kann“, erklärt Lemke im Interview. „Die Frage ist aber auch, ob das unbedingt der Fall sein muss. Es ist zwar schön, wenn unser Beruf gleichzeitig eine Berufung ist, aber beim Ikigai sind die Grenzen zwischen den verschiedenen Bereichen fließend.“ Ein größeres Gewicht des persönlichen Ikigais könne auch in einem anderen Lebensbereich liegen, etwa in sozialem Engagement: Wenn sich beispielsweise jemand gerne ehrenamtlich engagieren wolle und seinen Lebensunterhalt auf eine andere Weise bestreiten könne, spreche überhaupt nichts dagegen „Und wer weiß, vielleicht ergibt sich im Rahmen seines sozialen Engagements ja langfristig die Möglichkeit auf einen festen Arbeitsplatz.“

Damit mehr Menschen nach ihrem Ikigai leben können, ist es laut Bettina Lemke wichtig, dafür generell mehr Bewusstsein zu schaffen und sich darüber auszutauschen. Ein zentraler Aspekt sei es, die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Arbeit zu stellen. Wünschenswert sei eine Unternehmenskultur, in der das persönliche Ikigai jedes Beschäftigten einen hohen Stellenwert hat und in der auch der Ikigai des Unternehmens selbst eine Rolle spiele. „Zweifellos wird das enorme Potenzial, das Ikigai für ein Unternehmen haben kann, bisher vollkommen unterschätzt.“

Sinn durch Wertschätzung

Der Arbeitssoziologe Falk Eckert kritisiert hingegen, den Lebenssinn in erster Linie in der Arbeit zu sehen: „Man sollte seine Arbeit schon gerne machen und sich auch zum Teil damit identifizieren. Aber wir sollten uns von dem Zwang befreien, dass Arbeit alles sein soll im Leben. Diejenigen, die viel in ihre Arbeit investiert haben, bekommen oft im fortgeschrittenen Alter Enttäuschungsmomente.“ Wenn die Arbeit der einzige Sinnstifter sei, gerieten nämlich viele in eine Sinnkrise, wenn sie in den Ruhestand gehen oder aus einem anderen Grund gezwungen sind, ihren Job zu verlassen. Falk Eckert erinnert zudem daran, dass aus Japan nicht nur Ikigai, sondern auch der sogenannte Karoshi kommt: der Tod durch Überarbeitung. Eckert verweist auf das altgriechische Konzept der Eudaimonie, das eine klare Trennung zwischen Erwerbsarbeit und Vergnügen sieht: „Erwerbsarbeit war für die alten Griechen immer ein Laster, das von dem guten und kontemplativen Leben ablenkt: dem Sport, der Kunst, der Liebe, den schönen Dingen.“ Dieses Konzept hat Hannah Arendt im 20. Jahrhundert weiterentwickelt. Sie stellte fest, dass dieses gute Leben in der Moderne verloren gegangen sei. Arbeitssoziologe Eckert schließt sich dieser Beobachtung an: „Wir kennen heute nur noch Arbeit und Erfolg in der Arbeit und haben verlernt, jenseits der Arbeit ein sinnvolles und gutes Leben zu führen.“ Und das könne schon bald zum Problem werden: Wenn durch die zunehmende Automatisierung immer mehr Arbeitsbereiche wegfallen, wüssten viele Menschen gar nichts mehr mit sich anzufangen.

Doch auch wenn der Job nicht zum einzigen Lebenssinn werden sollte: Dass Arbeitnehmer in ihrem Job einen Sinn sehen, hält Falk Eckert dennoch für wichtig, denn Sinnentleerung könne zu Depressionen führen. Sinnempfinden entstehe durch äußere Wertschätzung: „Es sind immer die anderen, die uns sagen, ob etwas sinnvoll ist. Das ist der soziale Lohn im Sinne von Wertschätzung.“ Genau da sieht Eckert in der heutigen Arbeitswelt eine Wertschätzungskrise: Ein Großteil der Tätigkeiten werde einfach stillschweigend hingenommen. „Da kommt niemand und sagt Danke.“

Darüber hinaus hätten Routineaufgaben zu Unrecht einen schlechten Ruf. Gerade einfache und repetitive Arbeit könne für Flow-Momente sorgen und sehr glücklich machen. Vor allem aber würde den Routinetätigkeiten oft der Nutzen für die Gesellschaft abgesprochen, obwohl vieles zum Beispiel ohne die vermeintlich einfache Arbeit von Putzkräften oder Einzelhandelskaufleuten nicht funktionieren würde. Falk Eckert sieht es deshalb als Aufgabe des Arbeitgebers, allen Mitarbeitern das Gefühl zu geben, dass ihre Arbeit sinnvoll ist und dass sie einen Beitrag für den Betrieb und die Gesellschaft leisten.

Ganzheitlichkeit

Laut Wen Long Qu und Yvonne Stoffel, Gründer des Berliner Beratungsunternehmens „The Ikigai Mind“, geht es bei Ikigai aber auch nicht einzig darum, im Job die große Erfüllung zu finden. Vielmehr sei Ikigai eine Denkweise, oder neudeutsch: ein Mindset. Mit Workshops, Trainings und Coachings wollen sie Privatpersonen, Teams und Führungskräfte dabei unterstützen, dieses Mindset aufzubauen und in die Praxis umzusetzen. Das dürfe sich aber auf keinen Fall nur auf die Arbeit beziehen, betont Wen Long Qu: „Es gibt nicht ein privates und einen berufliches Ikigai. Ikigai ist etwas Übergeordnetes, Ganzheitliches. Arbeitszeit und Lebenszeit sind nichts Getrenntes, alles ist Leben.“ Dazu gehört für ihn, authentisch und integer zu sein, den eigenen Träume zu folgen, statt lediglich die Erwartungshaltungen anderer zu erfüllen. Das muss nicht unbedingt im Job sein: „Viele Menschen denken, Ikigai heißt, sich mit einer Leidenschaft selbstständig zu machen. Man kann aber auch die Arbeit als Instrument sehen, um sich woanders zu verwirklichen, zum Beispiel im Fußballverein. Ikigai ist dann eine Art Klebstoff, der alles zusammenhält.“

Ikigai sei zudem eine schöne Methodik, „auch in harten Zeiten einen Lebenskompass zu haben, der einem immer wieder hilft, über schwere Phasen und Rückschläge hinwegzukommen“, sagt Yvonne Stoffel. Die Ikigai-Denkweise beinhalte auch, Überarbeitung rechtzeitig zu erkennen und auszubalancieren: „Ähnlich wie Yoga ist auch Ikigai eine alte Philosophie, die schon immer da war. In unserer schnelllebigen Zeit empfinden wir mehr Druck und brauchen ein Ventil. Auf einmal wird das, was immer da war, instrumentalisiert. Western efficiency meets Asian tradition.“ Damit ist Ikigai der Gegenentwurf zum Tod durch Überarbeitung. „Ikigai ist vielleicht auch deswegen in Japan entstanden, weil man auf dem Weg zum Karoshi erfahren hat, was man eigentlich nicht haben will.“

Wie können nun Führungskräfte und Personaler das Ikigai-Mindset in ihr Unternehmen tragen? „Ziel ist es nicht, die Arbeit erträglicher zu machen. Es ist unabdingbar, Arbeit so zu gestalten, dass sie zur Quelle der Inspiration wird“, sagt Qu, „dann kommen die ganzen Eigenmotivationen wieder raus.“ Dazu gehöre vor allem, den Mitarbeitern zuzuhören, sie zu fragen, was sie gerne tun, und zu sehen, wie man diese Wünsche mit ihren Stärken kombinieren kann. „Wenn ich als Führungskraft oder Personaler bei meinen Mitarbeitern ein gesundes Kribbeln im Bauch angesichts ihrer Aufgaben wecken kann, dann habe ich schon einen entscheidenden Schritt in die richtige Richtung gemacht“, so Stoffel.

Dieses gesunde Kribbeln ist es wahrscheinlich auch, was die Einwohner von Okinawa bis ins hohe Alter gesund und glücklich werden lässt. Eine Begeisterung, nach der man alle Lebensbereiche ausrichtet. Der Job kann dabei zentraler Sinnstifter sein oder auch ein Mittel, das es einem ermöglicht, einer anderen Begeisterung nachzugehen. Arbeit ist dann eine, wenn auch nicht die einzige Komponente des ganzheitlichen Prinzips des Ikigais. Egal was das persönliche Ikigai ist: Wer einen Grund hat, morgens aufzustehen, wird auch die weniger angenehmen Dinge im Leben besser ertragen und eine positive Grundhaltung entwickeln. Eine gute Voraussetzung, um psychisch und körperlich gesund zu bleiben.

Der Originaltext von Senta Gekeler ist bei unserem Kooperationspartner Human Resources Manager erschienen. Hier könnt ihr HRM auf Facebook folgen.

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