Foto: patrizia isabella widritzki

ich bin so emotionslos, ich könnte heuln

ich entschliesse mich, für meinen kollegen keinen nachruf zu schreiben. ich beschliesse, nicht zu warten. ich möchte jetzt sagen, was zu sagen ist.

 

wann ist das eigentlich passiert?

ich hab erst mal garnicht gemerkt dass sie weg ist und jetzt suche ich sie überall. sie fehlt mir. ich vermisse sie. und es gibt momente, das habe ich fast das gefühl, sie hat uns gänzlich verlassen. warum eigentlich?

grundlage der empathie ist die selbstwahrnehmung. je offener eine person für ihre eigenen emotionen ist, diese kennt und wahrnimmt, desto besser kann sie auch die gefühle anderer deuten.

soll das heissen, die empathie ist uns abhanden gekommen, weil wir selbst nicht mehr in der lage sind, unsere eigenen gefühle zu erkennen? schock. schwere not. wie war das denn mit der gross geschriebenen achtsamkeit? sollte die nicht dazu führen, dass wir mehr in uns hinein hören und diesen sagen umwobenen gefühlen nachspüren? dazu allerlei seminare auf mallorca, workshop-wochenenden in der eifel, der yoga-kurs inklusive abschlussmeditation. immer auf der suche nach uns selbst. tief in uns hineinhorchen, zumindest für die gebuchte zeit von freitag bis sonntag. und dann muss ich sie aber auch hinbekommen, diese gottverdammte achtsamkeit. kostet ja auch eine ordentliche stange geld, aber was soll´s, das gönn ich mir. das bin ich mir wert. ich will ja nicht zu den ignoranten, abgestumpften zombies da draussen gehören. aber ich hab nicht ewig zeit, es muss sich schon lohnen, wenn ich mir die zeit nehme.

einmal aufladen und weiter.

ich gehe davon aus das hält dann für, sagen wir, die nächsten 12 monate, ich hab nämlich keine urlaubstage mehr und überhaupt…nein, da ist nichts mehr frei an den wochenenden, alles verplant. freunde treffen, die grosseltern kommen und ich will ja auch mal einfach garnichts machen. das ist alles so stressig. ständig wird von einem gefordert, dass man funktioniert und einsatz zeigt. das will ich auch. ehrlich. aber das ist wirklich, wirklich anstrengend!

nein. ich will mich nicht beschweren. im gegenteil. beweist das nicht, wie sehr ich bemüht bin, kein gefühlloser, egozentrischer mensch zu werden? all die spenden ans tierheim. ganz zu schweigen von den petitionen die ich ständig unterzeichne, weil mir eben nicht alles egal ist!

aber was ist echte empathie?

was ist mitgefühl. und was ist das, was ich als gefühl nach aussen zeige, damit es mich in einem besseren licht dastehen lässt, und mir damit ein gutes gefühl gibt. mitgefühl mit mir selbst quasi. oder gesellschaftlich erwartete menschlichkeit. zum teufel mit diesem gesehen werden. all dieses facebook, hallo, ich war hier und finde das gut. tut irgendwer noch was nur für sich oder nur für jemanden den er mag? ohne dieses – tu gutes und rede darüber – ding?

also mein kollege liegt im koma. erst künstliches koma. jetzt wacht er nicht richtig auf. wahrscheinlich ist, dass er garnicht mehr aufwacht. und natürlich weiss ich, dass das leben weitergeht. irgendein leben. das leben seines 15-jährigen sohnes zum beispiel. mein leben zum beispiel. aber es ist einfach unglaublich traurig. so unendlich traurig. als würde man in einen see springen und ganz ganz tief tauchen. alles wird dumpf und leise. sehr angenehm. irgendwie schön. immer tiefer zu tauchen und sich einfach fallen zu lassen. in dieses gefühl, das mich in dem moment überkommt. aber das hört sich an, als würde es irgendwie macht über mich haben. und das klingt, unpassend. denn es ist vielmehr etwas, das seine arme um mich schliesst. eine umarmung, die den ganzen körper, den ganzen geist aufnimmt. eine umarmung, in die man sich fallen lassen darf, in der man willkommen ist.

das war nicht schwach. das war nicht kontrolliert. ich habe mir zeit genommen. es war gut, all das kommen zu lassen. zu erkennen wie sich die trauer in mir ausbreitet. sich paart mit empathie, mit mitgefühl, mit mitleid. die volle bandbreite an gefühlen, alle in mir und aus mir raus. sich nicht auf das nächste to-do stürzen wollen.

gefühl haben. empathie zulassen.

und am besten nicht nur, kurz bevor jemand diese welt für immer verlässt. und auch nicht nur, wenn „etwas schlimmes“ passiert. auch nicht, bloss weil jemand zusieht oder mich beobachtet. sondern weil man es so empfindet. dieses ureigene, menschliche bedürfniss, sich emotional auf seine umwelt einzulassen. sie zu sehen und in sich aufzunehmen, indem man zumindest für eine weile, die grenze zwischen sich und dem ausserhalb seiner selbst auflöst. ich denke das bringt uns wirklich weiter. bringt uns vielleicht zu uns selbst. und macht uns zu mehr, als nur uns selbst.

ich glaube an diese verbindung zwischen den menschen. an dieses unsichtbare je-ne-sait-quoi. es fühlt sich an, wie eine art magnetfeld. ohne magnetismus. aber es wird aufgeladen durch dieses gefühl, das wir manchmal füreinander empfinden. wenn wir bei manchen menschen, denen wir begegnen, dieses feld ganz besonders bemerken, ohne es erklären zu können. ist auch nicht nötig. man muss nicht alles erklären. nicht alles benennen.

manchmal reicht es aus, die dinge einfach zu fühlen. basta.

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