Foto: Ekei Slenk

Begehren auch noch nach fünf Jahren Beziehung?

Und wie das mit unserem frühkindlichen Bindungsverhalten zusammenhängt

 

Ob Frau oder Mann fast jedem, der schon
man ein längere Beziehung hatte, ist es nichts Unbekanntes, dass die
Anziehung, das Begehren, zum anderen nach und nach schwindet. Es gibt
sogar Menschen, die haben aus genau diesem Grund Angst vor einer
Beziehung. „
Hey Honey, wenn ich dich dann täglich sehe, dann
geht das hier alles kaputt!
“ Muss nicht nur der dumme Spruch
eines
Sich-Nicht-Festlegen-Wollens-Und-Ich-Halte-Mir-Alles-Offen-Typens
sein, nein, sondern kann ganz wirklich auch eine Sorge um den Verlust des
Begehrens sein. Naja, ich gebe zu, nicht immer, aber die Möglichkeit
existiert immerhin.

Sinnlichkeit oder das lodernde
Feuer
, wie es oft genannt wird, sind essentielle Bestandteile
einer erotischen Beziehung. Und man möchte diese so lange, wie
möglich erhalten. Ganz nebenbei bemerkt: Wider des allgemeinen
Glaubens schwindet die Lust bei Frauen auf den Partner noch schneller
als bei Männern. Gefangen im gesellschaftlichen Korsett lebt sie es
jedoch nicht aus, sondern lässt ihm den schlechten Ruf. Naja, ob das
so sinnvoll ist, wäre ein anderes Thema.

Liebe und Verlangen sind Widersprüche

Ab und zu scheint es jedoch Paare zu
geben, die von dieser „Flaute“ gar nicht betroffen sind,
vollkommen befreit sind. Und man fragt sich, wie machen die das? Die
können doch nicht ernsthaft nach fünf, sechs oder schon völlig
unvorstellbar nach fünfzehn Jahren des Zusammenlebens noch
ernsthaftes Begehren füreinander empfinden? Es lodert und knistert
wie am ersten Tag und das ganz ohne heimliche Frischmacher, offene
Beziehung oder Ménage-à-trois. Wie schaffen die das bitte schön?

Ester Perel, eine belgische
Psychotherapeutin, hat dazu einen sehr inspirierenden TED-Talk The
secret to desire in a long-term relationship
gehalten.
Sie beleuchtet die Hintergründe des Begehrens und erklärt, warum
Verlangen ein Widerspruch zur Liebe und Geborgenheit darstellt.

Im
Grunde ist es so, erklärt sie, dass Liebe und Verlangen im
Gegensatz zu einander stehen. Liebe geht mit unseren menschlichen
Bedürfnissen nach Sicherheit, Geborgenheit, Verbindlichkeit,
Verlässlichkeit, Dauerhaftigkeit – dem, was wir kurzum
zuhause
nennen, einher. Während Verlangen sich in unseren Bedürfnissen nach
Abenteuer, Neuem, Risiko, Unbekanntem oder Überraschungen gründet.
Liebe steht für Perel mit dem Verb
haben
in Zusammenhang, wohingegen Verlangen für sie ganz klar mit
begehren
einhergeht. Und
das ich etwas, was ich habe, nicht gleichzeitig auch begehren kann,
muss ich selbst linguistisch nicht weiter erläutern.

Geh raus in die
Welt und hol sie dir!

Doch wie bringen
wir nun diese gegensätzlichen Pole zusammen?

Sie geht nun einen
Schritt zurück in unsere Kindheit: Zunächst haben wir das Gefühl
von Geborgenheit, Sicherheit, das unsere Mutter uns gibt. Dann kommt
der Punkt, an dem wir in kleinen Schritten die Welt entdecken wollen
– das Verlangen ist geboren. Nun, wäre die richtige Antwort auf
dieses Verlangen „Geh raus in die Welt und hol sie dir!“, wir
könnten gleichzeitig Verbundenheit und Trennung erleben.
Zusammensein und Autonomie würden gleichzeitig in uns wachsen.

Die Antworten, die
hingegen eher kommen sind: „Ich mache mir Sorgen. Ich habe Angst um
dich.“ Das Kind Nummer 1, so nennt Perel es, das hier zurückkommt, ist das Kind, das
einen Teil von sich aufgibt um den anderen nicht zu verlieren. Es
verzichtet auf Freiheit um die Verbindung nicht zu gefährden. Die
Liebe in der eigenen Partnerschaft wird dann oft mit übermäßigem Schutz
und Verantwortung beladen.

Und Fürsorglichkeit
ist der Killer des Begehrens.

Kind
Nummer 2, das zurück kommt, schaut immer über die Schulter „Wirst
du noch da sein? Wirst du böse sein, wenn ich gehe? Oder mich
verfluchen?“. Das Kind wird vielleicht gegangen sein, war aber nie
wirklich weg. Hier ist es laut Perel in der Liebe so, dass je enger
die Beziehung wird, je verantwortlicher fühlt sich der Partner, das
Begehren schwindet und umso weniger kann man loslassen.

Bleibt autonom!

Wie also raus aus
dem Dilemma?

Esther Perel stellt
den Paaren, die Frage „Ich komme in die Gänge, wenn…“ und „Ich
blockiere mein Verlangen, wenn…“ statt nach dem
Was-mich-an/abturnt zu fragen. Und oft ist es so, dass zu viel
Fürsorglichkeit das Verlangen nach dem Partner erstickt. Vielleicht
sind Frauen daher auch schneller davon betroffen, weil sie zu dieser
Fürsorge-Nummer neigen – meine Vermutung.

Nun, ein Weg aus
dem Dilemma könnte also sein, bei sich selbst zu bleiben, sich einen
gesunden Egoismus zu bewahren, der beim Sex ganz wichtig ist und vor
allem ist es wichtig wirklich autonom zu sein. Diese Autonomie ist so
oder so für all unsere Beziehung grundlegend essentiell.

Sex sollte als Raum
betreten werden, in dem man alles sein kann und darf, bloß nicht
fürsorglich oder bemutternd. Hier wird eine eigene erotische Sprache
gesprochen, in der Fantasie eine wichtige Rolle spielt. Und das wird
bei den Paaren, die sich nach fünfzehn Jahren immer noch anziehend
finden, wohl der Fall sein.

https://www.ted.com/playlists/6/sex_can_we_talk

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