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1:1-Betreuung bei der Geburt sei „Luxus“ – Krankenkassen schaffen das wohnortnahe Angebot für Schwangere ab

Der GKV-Spitzenverband plant bei der Vergütung von der Geburtshilfe mit Hebammen im Belegsystem weitreichende Änderungen. Die Versorgung von Schwangeren und Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Hebammen wird so nicht erreicht, kleine Geburtsstationen werden vermehrt schließen.

Beleghebammen betreuen in Deutschland etwa 20 Prozent aller Geburten. Sie werden von werdenden Eltern gern in Anspruch genommen, weil es Gebärenden unter der Geburt Sicherheit gibt, die anwesende Hebamme schon zu kennen und zu ihr in der Begleitung in der Schwangerschaft ein Vertrauensverhältnis aufgebaut zu haben. Doch eine Beleghebamme in Anspruch zu nehmen, ist schon jetzt nicht selbstverständlich, denn so viele davon gibt es in Deutschland nicht mehr – und es werden immer weniger. Laut dem Deutschen Hebammenverband e.V. sind es noch knapp 1.800 Hebammen in Deutschland, die im Belegsystem arbeiten. Sie betreuen entweder Frauen persönlich oder arbeiten im Schichtsystem in Kliniken, an der Seite ihrer festangestellten Kolleginnen. Wer sich individuell von einer Belegbhebamme unter der Geburt betreut lassen möchte, muss schnell sein und Glück haben, dass eine vor Ort arbeitende Hebamme noch Kapazitäten zum errechneten Termin frei hat.

Aktuell plane der GKV-Spitzenverband weitreichende Änderungen der Vergütung von Beleghebammen in der Geburtshilfe, teilte der Hebammenverband in einer Pressemitteilung im März mit. Der Verband leitet aus den geplanten Änderungen das Aus der Beleghebammen in Kliniken ab, da die Neuregelungen die Abrechnungsmöglichkeiten der Geburtshelferinnen negativ betreffen, da sie von nun an weniger Frauen „gleichzeitig“ betreuen dürften als ihre festangestellten Kolleginnen. Angestellte Hebammen in Kliniken können drei bis fünf Mütter betreuen,  die freien sollen künftig nur noch zwei Frauen begleiten können und somit auch zum Beispiel einen Anruf einer Klientin, den sie in dieser Zeit entgegennehmen würden, nicht mehr gegenüber der Krankenkasse abrechnen können. Das würde ihren Verdienst senken. Aktuell bekommen Beleghebammen im Schichtdienst 270 Euro pro Geburt, der GKV-Spitzenverband hat aktuell vorgeschlagen, den Satz auf 330 Euro zu erhöhen.

Der GKV-Spitzenverband argumentiert bei der Reglementierung, dass die freien Hebammen von nun an weniger Frauen gleichzeitig betreuen sollten, mit einer Qualitätsverbesserung, was zunächst positiv erscheint – jedoch wird die Betreuungsanzahl für die festangestellten Hebammen nicht gesenkt. Denn das würde bedeuten: Krankenhäuser müssten wesentlich mehr Hebammen anstellen, um eine 1:1-Betreuung gewährleisten zu können. Das ist jedoch kein Plan, den die Krankenkassen verfolgen.

Für die angestellten Hebammen und Gebärenden, die durch sie betreut werden, verbessert sich die Betreuungssituation also nicht, was bleibt ist der Nebeneffekt für die freien Hebammen im Schichtsystem, nun weniger verdienen zu können. Aus diesem Grund haben in den letzten Jahren immer mehr Hebammen ihren Beruf aufgegeben. 

Hebammen in Kliniken betreuen manchmal bis zu 5 Frauen gleichzeitig

Dass der GKV-Spitzenverband mit den Änderungen beabsichtigt, dass die Hebammen in Festanstellungen in Krankenhäusern übergehen, ist aufgrund der finanziellen Situation von vielen Geburtsstationen jedoch stark zu bezweifeln: Gerade die Arbeit mit dem Belegsystem und freiberuflichen Hebammen hält Geburtsstationen in vielen Regionen gerade noch am Leben. Festanstellungen sind für diese Klinken zu teuer. So teilt der Verein Mother Hood e.V., der für eine selbstbestimme Geburt eintritt, zu den Plänen des GKV-Spitzenverbands mit: 

„Hebammen [wurden] aus Kostengründen in die Freiberuflichkeit gedrängt, weil die Arbeitgeber enorme Gelder einsparen konnten.

Die Folge ist, dass diese Beleghebammen, wie angestellte Hebammen auch, eine 1:1-Betreuung der Frauen nicht leisten können, wenn mehr Gebärende im Kreißsaal sind, als die Anzahl der dort Schicht habenden Hebammen. Es kann also vorkommen, dass eine Beleghebamme 3-5 Frauen und mehr gleichzeitig betreuen muss. Eine schlechtere Betreuung führt nachweislich zu mehr medizinischen Interventionen bis hin zu mehr Kaiserschnittgeburten.“

Mother Hood e.V. lehnt das Belegsystem mit Hebammen im Schichtsystem ab, weil Hebammen hier oft zu viele Gebärende gleichzeitig betreuen müssten, das beste und sicherste Modell sei ein Belegsystem mit kontinuierlicher Geburtsbegleitung durch eine Hebamme.

Dass der GKV-Spitzenverband auf mehr Hebammen in Festanstellung drängt, wird als Folge vor allem somit die wohnortnahe Betreuung von Geburten weiter erschweren, da kleinere Geburtsstationen schließen werden. Schon jetzt müssen Frauen in ländlichen Regionen lange Anfahrtswege zu Kliniken in Kauf nehmen. Anfahrtswege, die Frauen in Wehen nicht nur belasten können, sondern bei einem schnellen oder problematischen Geburtsverlauf auch ihre Gesundheit und die ihres Kindes gefährden können. „Geburtshilfliche Abteilungen in strukturschwachen Regionen sind nicht wirtschaftlich zu führen“, stellt auch der Hebammenverband fest. Aber kann das ein Kriterium sein, wenn es darum geht, sicher neues Leben in die Welt zu bringen?

Zudem hält Mother Hood e.V. entgegen: „Für den Plan, Geburtsstationen in großen Zentren zugunsten von mehr Sicherheit zu zentralisieren, bleibt der GKV-SV bisher die wissenschaftliche Grundlage schuldig.“

Gute Betreuung bei der Geburt

Sichere, selbstbestimmte Geburten lassen sich zusätzlich nicht allein daran messen, ob am Ende Mutter und Kind körperlich gesund sind. Frauen erleben eine sichere Geburt vor allem dann, wenn sie ihre Betreuung als gut und sicher wahrnehmen. Die gesundheitlichen und seelischen Folgen traumatischer oder als fremdbestimmt wahrgenommener Geburten sind weitreichend für die betroffenen Familien, der „Roses Revolution Day“ am 25. November erinnert jährlich daran, wenn Frauen vor den Kreißsälen, in denen sie nicht gut betreut wurden, rote Rosen niederlegen, um auf das Thema „Gewalt unter der Geburt“ aufmerksam zu machen. 

„Hätten wir mehr Hebammen, gäbe es weniger traumatisierte Frauen,“ sagte Jutta Eichenauer vom Hebammenverband in Baden-Württemberg den Stuttgarter Nachrichten. Laut der Landesvorsitzenden des Verband erreichten sie und ihre Kolleginnen immer mehr Anrufe von Frauen nach der Geburt, die über ihre Erlebnisse sprechen wollten. Dem gegenüber steht der Vorsitzende des Berufsverbands der Frauenärzte Baden-Württemberg, Volker Heinecke, der eine 1:1-Betreuung „Luxus“ nennt.

Mother Hood e.V.: Geburtshilfe neu denken

Eine individuelle Betreuung durch eine Hebamme unter der Geburt, ist jedoch kein Luxus, sondern ein wichtiger Faktor, damit Gebärende sich unter der Geburt gut betreut fühlen und Entscheidungen treffen können. Der Verein Mother Hood e.V. kritisiert an der Position des Hebammenverbands, dass selbst dieser das Schichtsystem der Beleghebammen in Kliniken nicht abschaffen wollte, obwohl es für Hebammen und Gebärende schlecht funktioniere und es dazu führe, dass die schlechten Arbeitsbedingungen den Beruf so unattraktiv machten. Der Verein schlägt vor, so seine Vertreterin Michaela Skott, dass sich alle zusammensetzen sollten – GKV-Spitzenverband, Gesundheitspolitker*innen, Hebammenverband und Eltern – um die Geburtshilfe neu zu denken. Motherhood e.V. schägt hier unter anderem vor, ergänzend zur klinischen Geburtshilfe wohnortnahe kleine Geburtszentren zu schaffen, die durch Hebammen geleitet würden und „wegen ihrer belegten Sicherheit für low-risk-Frauen erste Wahl sein sollten“, zudem solle in Klinken eine konsequente Einhaltung einer 1:1-Betreuung erfolgen.

Wenn durch die aktuellen Entwicklungen in der Geburtshilfe eine 1:1-Betreuung vollständig abgeschafft wird, wonach es aktuell aussieht, wird es sehr sicher zu mehr negativen Geburtsverläufen kommen – die gesundheitlichen Folgen dabei sind unmittelbar nicht zu erheben, aber langfristig spürbar. 

Für traumatisierte Frauen ist ein weiteres Kind dann oft nur denkbar, wenn sie von einer Hebamme, zu der sie mehrere Monate lang ein Vertrauensverhältnis aufbauen konnten, bei ihrer nächsten Geburt begleitet werden. Gleich zwei Mütter mit denen ich gestern sprach, die ihre erste Geburt als traumatisch beschreiben, sagten: „Ohne Beleghebamme kann ich mir nicht vorstellen, ein zweites Kind zu bekommen.“

Selbstbestimmt gebären

Als ich 2014 das erste Mal in einer Hebammenpraxis saß – in der 9. Woche schwanger – um mich zu informieren, sagte mir die Hebamme dort: „Wenn Sie eine Beleggeburt wollen, müssen sie jetzt schnell sein. Die Termine sind fast alle vergeben.“ Dass ich mich überhaupt schon in der 9. Woche um eine Hebamme kümmerte, hatte den Grund, dass ich wusste, dass die Hebammen-Versorgung immer dünner wird. Was ich in der 9. Woche beim ersten Kind jedoch noch nicht wusste: Wie möchte ich eigentlich gebären

Was sich viele Menschen zudem nicht bewusst machen: die Hebamme betreut eine Gebärende nicht nur während der Geburt. Auch in der Vor- und Nachsorge ist sie wichtig. Schon jetzt finden Familien bisweilen keine Hebamme für die Nachsorge: die ersten Wochen nach der Geburt des Kindes, in der die Hebamme zu Beginn sogar täglich vorbeikommt und bei allen Fragen hilft, bei Stillproblemen beraten kann und überwacht, ob Mutter und Kind gesund sind. Dass es Versorgungslücken in der Versorgung im Wochenbett gibt, ist fahrlässig. Der Anspruch für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett ist sogar im Sozialgesetzbuch geregelt: „ein Anspruch auf Hebammenhilfe im Hinblick auf die Wochenbettbetreuung besteht bis zum Ablauf von zwölf Wochen nach der Geburt“. Doch wie soll eine Familie diesen Anspruch einklagen, wenn es in Deutschland nicht mehr genug Hebammen gibt?

Immer mehr Hebammen müssen Beruf aufgeben

Gegen das so genannte „Hebammen-Sterben“ protestieren Berufsverbände und Eltern seit Jahren erfolglos. Die Situation in der Geburtshilfe wird von Jahr zu Jahr schlechter, Hebammen mussten ihren Beruf aufgeben, weil sie die steigenden Haftpflichtprämien nicht mehr bezahlen konnten, Familien finden keine Betreuung. Das Versprechen aus dem Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, hatte keine Lösung zur Folge, aber der Begriff „beobachten“ allein spricht Bände. Zum Zeitpunkt des Koalitionsvertrages war die desaströse Lage der Hebammen hinreichend bekannt.

„Die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung mit Geburtshilfe ist uns wichtig. Wir werden daher die Situation der Geburtshilfe und der Hebammen beobachten und für eine angemessene Vergütung sorgen.“

Die erste Petition, die sich bereits 2010 mit der Situation der Hebammen in Deutschland beschäftigt hat, war mit über 186.000 sowohl elektronischen als auch schriftlichen Unterschriften die bis dahin die erfolgreichste Petition an den Deutschen Bundestag. Die Mobilisierungskraft und Bedeutung, die Menschen dazu brachte, sich für dieses Thema zu engagieren, hat die Parteien in Regierungsverantwortung auf Bund- und Länderebene bislang kalt gelassen. Dass zu der konkreten Wichtigkeit für Schwangere, Gebärende und Eltern politische Strategen dieses Thema im Wahlkampf verschlafen, ist bemerkenswert und zeigt deutlich, wie selektiv „Frauenrechte“ verstanden werden. Die ökonomischen Interessen im Gesundheitssystem überwiegen den Bedürfnissen von Frauen und gehen auf ihre Kosten.

Ich werde meine Wahlentscheidung im September davon abhängig machen, welche Partei eine konkrete Lösung dafür vorschlägt, wie freiberuflichen Hebammen weiterhin ihre Arbeit mit einem würdigen Einkommen ermöglicht werden kann, und Gebärenden die freie Wahl des Geburtsortes, sei es Zuhause, in einem Geburtshaus oder in der Klinik, garantiert werden kann – mit einer individuellen Betreuung durch Hebammen. Ich habe mit mehr Frauen über ihre traumatischen Geburten gesprochen, als ich überhaupt ertragen kann. Ob es damit beginnt, dass eine Schwangere mit Wehen auf dem Flur eines Krankenhauses gelassen werden, weil die Kreißsäle überbucht sind, sie sich allein gelassen gefühlt, weil eine Hebamme zu viele Geburten gleichzeitig betreut und der Schichtwechsel im Krankenhaus ihr immer neue Ansprechpartnerinnen gibt, oder Gebärende ungefragt Eingriffe über sich ergehen lassen müssen. 

Der aktuelle Stellenwert der Geburtshilfe in Deutschland ist unserer Idee eines fortschrittlichen, gleichberechtigten Landes mit einer hervorragenden medizinischen Versorgung, die sich an Erfahrungen und Bedürfnissen von Eltern orientiert und nicht an einer knappen Kalkulation, nicht angemessen. Die Ökonomisierung der Geburtshilfe ist frauenfeindlich und gesundheitsgefährdend – mit weitreichenden Folgen auf Mütter, Kinder und Familien. Wenn ein Land so überschwänglich an der Geburtshilfe spart, kann man nur annehmen, dass es tatsächlich aussterben möchte.

 
Titelbild: Felipe Skroski | Flickr | CC BY 2.0


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Teresa Bücker arbeitet, schreibt und spricht zu gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart und Zukunft. Auf Konferenzen, im Fernsehen und in Workshops diskutiert sie über den Wandel der Arbeitswelt (New Work, Leadership, Diversity), digitale Strategien für Journalismus und Politik, über Partizipation und Aktivismus, Gerechtigkeit, Repräsentation, Macht und sexuelle Selbstbestimmung. Immer aus einer feministischen Perspektive. Immer mit Blick auf Gestaltungsmöglichkeiten und Lust auf Veränderung. Für ihre Arbeit als Chefredakteurin für Edition F wurde sie 2017 als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet. Seit Juni 2019 arbeitet sie als freie Journalistin und Beraterin.

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