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Wir sollten das Gefühl der Sprachlosigkeit wieder ernster nehmen

Nach den gestrigen Geschehnissen in Berlin bleiben viele Fragen, Trauer und Angst. Doch von Letzter dürfen wir jetzt nicht unser Handeln bestimmen lassen – und das, was sie füttert, nicht mit Fakten verwechseln.

 

Was ist passiert – und wie werden wir darauf als Gesellschaft reagieren?

Am gestrigen Abend raste ein LKW in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz nahe der Berliner Gedächtniskirche. Zwölf Menschen sind dabei bislang ums Leben gekommen, 48 wurden verletzt. Tatsachen, die fassungslos machen. Sie lassen Angst, Trauer und die Wut aus der Ecke unserer Gefühlswelt hervorkriechen, die schon lange mit einem solchen Ereignis gerechnet hat. Ereignis? Ja, wie soll man nennen, was passiert ist? Darüber waren sich viele schon wenige Minuten nach dem Bekanntwerden einig: ein Anschlag. Warum? Weil es sich so anfühlt, weil wir genau diese Eilmeldung seit Monaten erwartet haben und weil wir die Bilder noch allzu gut aus Nizza kennen. Aber bis wir mehr wissen, bis die Ermittlungen fortgeschritten sind, ist es eben nur das: ein Gefühl. Ein Gefühl, über das man mit seinen Liebsten reden oder einfach still mit sich ausmachen sollte, ausmachen muss.

Leider haben die meisten Menschen genau das verlernt, seien es (andere) Medienvertreter, wir selbst oder unsere Nachbarn. Facebook und Twitter werden innerhalb von Minuten zu Panikorten, die Liveticker laufen heiß, die AfD meldet sich mit dem vermeintlichen Wissen zu Wort, dass das mal wieder Merkels Tote seien, Artikel mit „Was wir wissen und was nicht“ sind gefüllt mit Konjunktiven wie „Soll diese Nationalität haben …“. Das ist kein Wissen, das sind Gefühlbekundungen, Spekulationen bis hin zu aufrührerischem Populismus – und all das vergiftet uns in der Dichte, in der es auf uns einprasselt.

Warum wir unserer Angst jetzt nicht das Feld überlassen dürfen

Ich glaube, wir wären gut beraten, wenn wir das Gefühl von Ohnmacht, von Sprachlosigkeit wieder ernster nehmen, wieder stiller werden, geduldiger, wenn wir erst einmal lesen, vergleichen, besprechen – bevor wir zu Marktschreiern werden, die „Fakten“ in die Welt tragen, die noch keine sind. Denn das, was nun gar nicht hilft – selbst bei aller Grausam– und Ratlosigkeit sowie all den Fragen – ist es nun den Kopf zu verlieren und uns von unserer Angst und unseren (ersten) Gefühlen leiten zu lassen.

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Und Angst, die nur mit den eigenen „Gewissheiten“ gefüttert wird, führt dazu, dass wir uns vereinzeln, die Wut soweit hochkocht bis wir irgendwann emotional taub werden – wir werden so nicht freier, sondern kerkern uns immer mehr ein. Angst ist ein natürlicher Instinkt, sie ist real und sie ist ernst – aber ungefiltert ist sie auch gefährlich und eine Katalysator für Handlungen, die uns überall hinbringen – nur nicht zusammen und nicht dahin, dass wir irgendwann wieder das Gefühl haben können, dass die Welt nicht auseinander bricht. Also lasst uns jetzt nicht der Angst das Oberwasser lassen, nicht wilde Spekulationen verbreiten, nicht Tote instrumentalisieren, die von ihren Angehörigen noch nicht einmal betrauert werden konnten. Lasst uns zusammenrücken und gemeinsam dafür sorgen, dass wir nicht noch mehr auseinander driften, als wir das schon sind.

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