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Wie du schreibend dich selbst entdecken kannst

Schreiben kann therapeutisch sein. Tatijana Milovic zeigt in ihrem Buch „Rewrite your Life“ Wege auf, wie man sich schreibend mit der eigenen Biografie auseinandersetzen kann.

 

Werde zur Autorin deiner eigenen Geschichte

Egal ob Tagebuch, auf dem eigenen Blog oder in Form von To-Do-Listen – vielen Menschen hilft es, bei Chaos im Kopf zum Stift (oder der Tastatur) zu greifen. Mit der richtigen Technik kann Schreiben jedoch weit mehr sein, als ein bloßes kreatives Ventil. Tatijana Milovic ist Schreib-Coach und beschäftigt sich mit der Frage, wie uns Schreiben dabei helfen kann, uns selbst zu erkennen. In ihrem Buch „Rewrite your Life“ zeigt sie verschiedene Techniken auf, mit denen es gelingt, die eigene Biografie und die großen Fragen des Lebens zu ergründen. 

Wir teilen einen Auszug aus dem Kapitel „Das große Loslassen und -schreiben“, indem Tatijana Milovic der Frage nachgeht, wie man sich ins Schreiben fallen lassen kann und in den Flow kommt:

Das große Loslassen und -schreiben

Kinder beim Spielen sind oft völlig in sich versunken. Sie fließen über, weil sie im Moment aufgehen. Sie folgen dem, was sie vergnügt, und können so über ihren Ängsten, Unsicherheiten und Zweifeln stehen. Ein spielendes Kind ist im Einklang mit sich selbst. Nicht die Performance steht im Vordergrund, sondern das Erleben.

Ich nenne dieses Rewriting-Prinzip das große Loslassen, weil es die ungekünstelte Freude am Tun und an Weiterentwicklung in sich birgt. Es steht für den Flow, der sich einstellt, wenn man ihn nicht sucht; man findet ihn in der Ausgelassenheit. Maler, Dichter, Musiker – sie alle kennen den Zustand der Selbstvergessenheit, bei dem man ganz bei sich ist. Sie vertrauen ihrer Leidenschaft, ihrer Kreativität und ihrer eingeübten Kunstfertigkeit, weshalb sie scheinbar schwerelos improvisieren können. Verstand und Gefühl tanzen miteinander, ohne sich dabei auf die Füße zu treten.

Schreibend zu sich selbst finden

Im Rewriting-Flow tanzt du um deine biografischen Schätze herum und genießt den Tanz ebenso sehr wie die Qualitäten, die sich ausdrücken dürfen. Intuitiv wirst du immer mehr über dich erfahren, von dir und über dich lernen wollen. Es gehört allerdings eine große Portion Vertrauen dazu, sich selbst loszulassen
und in der Gewissheit zu entspannen, dass die Antworten zu einem kommen – beim Schreiben und auch im Leben selbst. Vielen Erfindern sind die besten Ideen gerade dann gekommen, wenn sie nicht damit gerechnet haben. In Momenten, in denen sie nicht ständig um die Aufgabenstellung kreisten,
sondern diese unbewusst losgelassen hatten. Plötzlich konnte es dann buchstäblich in sie einfallen – die Lösung eines Rätsels, eine Vision oder der Gedankenblitz. Je mehr du dich traust, deiner Kreativität spontan Ausdruck zu verleihen, desto mehr vergisst du, was du eigentlich erreichen wolltest und
kommst dennoch an, ohne jemals stehenzubleiben.

Das große Loslassen bedeutet vor allem Vertrauen in den kreativen Fluss zu haben und dich mit dem Gedanken anzufreunden, das alles in seinem Rhythmus schwingt. Manch einer sucht nach kausalen Zusammenhängen zwischen sich selbst und der Welt, um Ordnung und Sinn in die Umstände zu bringen. Eine Ordnung oder einen Sinn hinter dem großen Ganzen zu erkennen, hilft manchen, sich dem Leben nicht ausgeliefert zu fühlen. Ein anderer hält alles, was ihm geschieht, und das Sein als solches für kontingent. Ob man an eine höhere Macht glaubt, die einen bestraft, belohnt oder beschützt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Doch ganz sicher gibt es etwas, das gefühlt größer ist als man selbst – das Leben, die Natur, die Wissenschaft oder der Glaube. Woran
also glaubst du? Was nährt dich? Welcher Idee kannst du dich hingeben? Wo kannst du vertrauensvoll loslassen? 

Die zwei Seiten des Flows

Für diese Fragen braucht es nicht nur Vertrauen in dich und in deine Fähigkeiten, sondern auch in Phänomene, die außerhalb deiner selbst wirken. Sie sind wie der Zufall nicht steuerbar oder folgen anderen Gesetzen. Diese Energie, die außerhalb deines Ichs ist, wird auch als Transzendenz bezeichnet – weil sie über dein eigenes Leben hinausgeht und doch mit dir verbunden ist.Sie ist einer Nabelschnur ähnlich, die dich nährt, aber nicht aus dir heraus entstanden ist. Das Prinzip des großen Loslassens bedeutet eben nicht nur offene Freude am kreativen Prozess, sondern auch die Erkenntnis, nicht alles wissen und kontrollieren zu können. Das muss dich aber nicht verunsichern, sondern kann dich geradezu beflügeln. 

Du kannst dieser kosmischen Unwissenheit mit neugierigem Blick begegnen. Es klingt paradox: Du gehst mit den Möglichkeiten, die sich dir anbieten und nicht mit deinen Erwartungen. Dabei gebrauchst du deinen Kopf, anstatt ihn hängen zu lassen. Du surfst auf deinen Gefühlen, statt mit ihnen gemeinsam wegzudriften. Danach lässt du los, und beobachtest, was in dir gehört, gefühlt und gesehen werden will. Das sind die zwei Seiten des Flows – einmal fließt du mit deinen inneren Energien mit, das andere Mal mit den äußeren.

Finde dein Wu wei

Aber wird man dabei nicht träge, wenn man immer nur mit dem Flow geht? Kann nicht im Strom des Lebens Entscheidendes an einem vorbeischwimmen, wenn man sich nicht daran festhält? In der fernöstlichen Philosophie existiert ein erweitertes Prinzip des Loslassens, das Wu wei. Es stammt aus dem Daoismus und besagt, vereinfacht formuliert, dass der Mensch seine Energien zwar ausrichten sollte, ohne jedoch das Ziel wie einen Balken vor Augen zu haben. Der Balken kann nämlich so groß werden, dass man die Gunst des Augenblicks ebenso wenig erkennt wie die Möglichkeiten, die sich neben
den eigenen Zielen auftun. Daher wird Wu wei oft auch als absichtsloses Handeln beschrieben, weil es einen für die ungeplanten Möglichkeiten des Lebens öffnet, ohne dass man untätig ist. Man wird zu einem durchlässigen Resonanzkörper, der aufnimmt und abgibt. Beim Schreiben kannst du beides zugleich erleben. 

Du widmest dich deiner Aufgabe und bist empfänglich für Feedback in Form von Menschen, Begegnungen, Zufällen und Überraschungen. Und wenn das Ergebnis mal nicht so gut wie erwartet ausfallen sollte, stellst du dich nicht selbst infrage, sondern suchst nach anderen Lösungswegen. Willst du hingegen unbedingt authentisch leben und schreiben, kann das zum gegenteiligen Effekt führen, weil du verkrampfst, anstatt dich von deiner Intuition führen zu lassen. Mit deinen Empfindungen im Einklang zu sein, lässt dich Vertrauen fassen und dir Zeit geben. Im Geiste des Wu wei kannst du ergebnisoffen sein, und was auch immer du gerade fühlst, wird Teil deines Schreibflusses. Du pflanzt deinen Wunsch
nach Erkenntnis in dein Unterbewusstsein und lässt ihn dort gedeihen und wachsen – nicht mehr und nicht weniger. Beim  Loslassen erzwingst du nichts, sondern lässt geschehen. Nicht der Zwang führt zum Ergebnis, sondern die Freude. 

Schreiben mit Mantra?

Außerdem spornt Freude zur Kreativität an und lässt dich den Prozess selbst würdigen, ohne dabei auf das erwünschte Ergebnis zu schielen. In der Yoga-Praxis habe ich ein ähnliches Prinzip entdeckt. Am Beginn der Stunde wählt der Übende eine positive Affirmation wie zum Beispiel „ich habe Kraft“ oder „ich bin ruhig und bestimmt“, die ihn durch die Stunde leitet. Die Intensität der Übungen erfordert dann jedoch so viel Achtsamkeit und Konzentration, dass man sich nicht auf das eigene Mantra fixieren kann. Und gerade über das Loslassen manifestiert es sich unbehelligt in Körper, Geist und Emotion.

„Ich will mich selbst erkennen“ ist wie ein impliziter Auftrag, den du dir beim Schreiben ganz in Wu wei-  oder Yoga-Manier geben kannst, um ihn dann an deine Neugierde, Achtsamkeit und Offenheit zu delegieren. Alles, was aus dir raus will, wird so den Weg nach draußen finden. Und je mehr du auf deine
Ressourcen vertraust, desto unwichtiger werden all die quälenden Stimmen in dir, die dich bewerten oder dich in ein Schema pressen wollen. Die kleinen Nörgler können nur etwas erreichen, wenn du dich von ihnen bremsen lässt. 

Vertraue dir selbst

Manchmal werden schräge Bilder und kuriose Erzählungen entstehen, manchmal Texte voller Lebensschmerz und zauberhafter Momente.
So wirst du zum Abenteurer und musst dafür nicht mal in die große weite Welt ziehen. Du sitzt, träumst, schreibst, und dein eigenes Herz wird zum Epizentrum. Dich unvoreingenommen zu betrachten, ist Liebe – unzensierte und freie. Und ehe du überhaupt den Entschluss fasst, befindest du dich  immer und zu jeder Zeit in einem Wortfluss, den du nur anzapfen musst.

Das große Loslassen besagt zusammenfassend: Vertraue dir und freue dich an dem, was in dir ist und raus will. Verbinde dich mit deiner eigenen und der über dich hinausgehenden Energie und setze deinen Träumen und Visionen keine Grenzen, damit sie auch in die reale Welt wandern können. Nicht Haben, sagte der Psychoanalytiker Erich Fromm, sei das Ziel des Lebens, sondern Sein. Und dein Sein kannst du eben nur entfalten, indem du dich entfaltest. Und je mehr du das Schreiben mit dir selbst ausfüllst, desto erfüllter wirst du werden. Dafür wünsche ich dir viel Vertrauen in dich und vor allem ausgelassene, achtsame Freude beim Schreiben wie im Leben.

Aus: Tatijana Milovic: „Rewrite your life: Schreibend sich selbst entdecken“, Kailash Verlag, 240 Seite, 14,00 Euro.

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