Foto: Flickr I Heinrich Böll Stiftung I Stephan Röhl

Carolin Emcke: „Unsere Liebe und unsere Körper gehören nur uns selbst”

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wurde gestern an die Publizistin Carolin Emcke verliehen. Damit steht sie in einer Reihe mit Max Frisch, Astrid Lindgren, Navid Kermani und für sie besonders wichtig: Jürgen Habermas und Susan Sontag.

 

Carolin Emcke wehrt sich gegen die Sprachlosigkeit

Carolin Emcke war 14 Jahre lang Kriegsreporterin. Sie berichtete unter anderem aus Afghanistan, dem Irak und dem Kosovo. Sie hat viel Leid gesehen und diese Erfahrungen haben sie geprägt. Sie hat über den Krieg geschrieben und damit gegen ihn. Sie hat aber auch über die RAF geschrieben und gerade das Buch: „Gegen den Hass” veröffentlicht, in dem es auch um das Erstarken von PEGIDA und AFD geht. Ihre Dankesrede bestätigt einmal mehr die Vielseitigkeit ihres Engagements und die Kraft ihrer Worte.

„Menschenrechte sind voraussetzungslos”

Emcke ist als Homosexuelle selbst Teil einer diskriminierten Minderheit. Ihre Kritik an der bestehenden Gesellschaftsordnung beginnt aus dieser Perspektive: 

„Ich bin homosexuell und wenn ich hier heute spreche, dann kann ich das nur, indem ich auch aus der Perspektive jener Erfahrung heraus spreche: also nicht nur, aber eben auch als jemand, für die es relevant ist, schwul, lesbisch, bisexuell, inter*, trans* oder queer zu sein. Das ist nichts, das man sich aussucht, aber es ist, hätte ich die Wahl, das, was ich mir wieder aussuchte zu sein. Nicht, weil es besser wäre, sondern schlicht, weil es mich glücklich gemacht hat. Als ich mich das erste Mal in eine Frau verliebte, ahnte ich – ehrlich gesagt – nicht, dass damit eine Zugehörigkeit verbunden wäre. Ich glaubte noch, wie und wen ich liebe, sei eine individuelle Frage, eine, die vor allem mein Leben auszeichnete und für andere, Fremde oder gar den Staat, nicht von Belang. Jemanden zu lieben und zu begehren, das schien mir vornehmlich eine Handlung oder Praxis zu sein, keine Identität. Es ist eine ausgesprochen merkwürdige Erfahrung, dass etwas so Persönliches für andere so wichtig sein soll, dass sie für sich beanspruchen, in unsere Leben einzugreifen und uns Rechte oder Würde absprechen wollen. Als sei die Art, wie wir lieben, für andere bedeutungsvoller als für uns selbst, als gehörten unsere Liebe und unsere Körper nicht uns, sondern denen, die sie ablehnen oder pathologisieren. Das birgt eine gewisse Ironie: Als definierte unsere Sexualität weniger unsere Zugehörigkeit als ihre.”

Sie betont einmal mehr, wie paradox es ist, dass eine der persönlichsten Fragen überhaupt: „Wen lieber wir?”, von der Gesellschaft bewertet und verurteilt wird. Und, dass die Abgrenzung weniger dazu dient, „die anderen” zu definieren als vielleicht viel mehr die Mehrheit in ihrer Konformität zu bestärken.

Emckes Homosexualität ist aber nur ihr Startpunkt, die Perspektive von der aus sie auch für andere: Geflüchte, Migranten, Andersgläubige und unterdrückte Frauen einsteht.

„So wird ein Kreis geformt, in den werden wir eingeschlossen, wir, die wir etwas anders lieben oder etwas anders aussehen, dem gehören wir an, ganz gleich, in oder zwischen welchen Kreisen wir uns sonst bewegen, ganz gleich, was uns sonst noch auszeichnet oder unterscheidet, ganz gleich, welche Fähigkeiten oder Unfähigkeiten, welche Bedürfnisse oder Eigenschaften uns vielleicht viel mehr bedeuten. So verbindet sich etwas, das uns glücklich macht, etwas, das uns schön oder auch angemessen erscheint, mit etwas, das uns verletzt und wund zurücklässt. Weil wir immer noch, jeden Tag, Gründe liefern sollen dafür, dass wir nicht nur halb, sondern ganz dazugehören. Als gäbe es eine Obergrenze für Menschlichkeit.”

Sie nutzt ihre Rede auch, um deutlich zu machen, wie paradox es ist, dass sie als Intellektuelle und Publizistin Teil der deutschsprachigen Elite ist, ausgezeichnet wird, als Homosexuelle, gemeinsam mit allen anderen Homosexuellen, aber in ihren Rechten beschnitten wird.

„Wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten oder Kinder adoptieren dürfen wir nicht? Manchmal frage ich mich, wessen Würde da beschädigt wird: unsere, die wir als nicht zugehörig erklärt werden, oder die Würde jener, die uns die Rechte, die zu uns gehören, absprechen wollen?”

Wie absurd diese Angst der Mehrheit ist, bringt Emcke in ihrer Rede auf den Punkt

„Menschenrechte sind kein Nullsummenspiel. Niemand verliert seine Rechte, wenn sie allen zugesichert werden.”

Vieles, was Emcke sagt, ist nicht neu – auch, wenn sie es schafft, immer wieder humorvolle Vergleiche zu finden:

„Verschiedenheit ist kein Grund für Ausgrenzung. Ähnlichkeit keine Voraussetzung für Grundrechte. Das ist großartig, denn es bedeutet, dass wir uns nicht mögen müssen. Wir müssen einander nicht einmal verstehen in unseren Vorstellungen vom guten Leben. Wir können einander merkwürdig, sonderbar, altmodisch, neumodisch, spießig oder schrill finden. Um es für Paulskirchen-Verhältnisse mal etwas salopp zu formulieren: ich bin Borussia Dortmund-Fan. Ich habe, nun ja, etwas weniger Verständnis dafür, wie man Schalke-Fan sein kann. Und doch käme ich nie auf die Idee, Schalke-Fans das Recht auf Versammlungsfreiheit zu nehmen.”

Und doch, verlieren die Worte nicht an Wichtigkeit, nur, weil sie schon oft gesagt wurden. Als Gesellschaft müssen wir solange immer und immer wieder daran erinnert werden, welche Verantwortung wir haben, bis wir diese endlich vollends wahrnehmen.

Auch deshalb ist es wichtig, dass Emcke die Mahnung an die Gefahr des Populismus einmal ausspricht in ihrer Rede:

„Sie stehen vielleicht nicht selbst auf der Straße und verbreiten Angst und Schrecken, die Populisten und Fanatiker der Reinheit, sie werfen nicht unbedingt selbst Brandsätze in Unterkünfte von Geflüchteten, reißen nicht selbst muslimischen Frauen den Hijab oder jüdischen Männern die Kippa vom Kopf, sie jagen vielleicht nicht selbst polnische oder rumänische Europäerinnen, greifen vielleicht nicht selbst schwarze Deutsche an – sie hassen und verletzen nicht unbedingt selbst. Sie lassen hassen. Sie beliefern den Diskurs mit Mustern aus Ressentiments und Vorurteilen, sie fertigen die rassistischen Product-Placements, all die kleinen, gemeinen Begriffe und Bilder, mit denen stigmatisiert und entwertet wird, all die Raster der Wahrnehmung, mithilfe derer Menschen gedemütigt und angegriffen werden.”

Was können wir tun?

Emcke bleibt nicht stehen bei der Kritik an den Populisten, sie schließt viel mehr mit einem Appell an uns alle: 

„Aber für all die alltäglichen Formen der Missachtung und der Demütigung, für all die Zurichtungen und Zuschreibungen in vermeintlich homogene Kollektive, dafür sind wir alle zuständig.”

Dabei betont sie, dass dieses „Aufstehen” nicht einfach wird, aber rechtfertigt das Tatenlosigkeit?

„Aber warum sollte es auch einfach zugehen? Wir können immer wieder anfangen. Was es dazu braucht? Nicht viel: etwas Haltung, etwas lachenden Mut und nicht zuletzt die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern, damit es häufiger geschieht, dass wir alle sagen: Wow. So sieht es also aus dieser Perspektive aus.”

Emckes Rede ruft bei vielen Menschen 30-minütiges Kopfnicken hervor. Nichts von dem, was sie sagt, ist aus Sicht einer offenen Gesellschaft kritisierbar. Emcke wird vorgeworfen, dass sie nicht dahin geht, wo es wehtut. In einer Zeit, in der Deutschland einen erkennbaren Rechtsruck durchmacht, in der Geflüchtete verfolgt und Homosexuelle in ihren Grundrechten beschnitten werden, in der Menschen vor einer Flüchtlingsunterkunft einen Flüchtling anfeuern in den Selbstmord zu springen, in so einer Zeit kann die Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vielleicht gar keine weitergehende Botschaft haben. Das macht sie aber nicht weniger wichtig. 

 Die gesamte Rede könnt ihr hier nachlesen.


Titelbild: Flickr I Heinrich Böll Stiftung I Stephan RöhlCC BY-SA 2.0

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