Foto: ZDF/Peter Kneffel

Gewöhnt euch dran – auch im Fußball: Frauen gehen nicht mehr weg

Sie ist die einzige Frau, die während der WM der Männer Fußballspiele kommentiert: Claudia Neumann. Die Anfeindungen und Hass-Kommentare, die sie gerade erfährt, sind jedoch kein Grund anzunehmen, dass dieser Job Männern vorbehalten sein sollte.

 

Es gibt keine Männerjobs

Wirklich? Schon wieder? Journalist*innen können nun in die Mottenkiste greifen und die Verteidigungen von Claudia Neumann wieder hervorholen, die sie vor zwei Jahren zur Fußball-EM der Männer schon einmal geschrieben hatten. Es ist verschwendete Zeit, immer und immer wieder aufzuschreiben, dass die ZDF- Sportreporterin hochkompetent Spiele kommentiert und zu Recht zu den Menschen gehört, die im deutschen Fernsehen internationale Fußballturniere mit ihrem Wissen und Blick begleiten dürfen – für ein Millionenpublikum. 

Muss man Claudia Neumann gut finden? Nein, natürlich darf man den Stil einer Reporterin oder eines Reporters kritisieren und nicht mögen – Béla Réthy polarisiert auf den Sofas und Kneipenbänken ebenfalls und Mitarbeiter*innen des ZDF haben seit Jahren Erfahrung damit, aufgebrachte Zuschriften und Anrufe zu beantworten von Fußball-Fans, die sich für ein Spiel eben eine andere Person als Réthy wünschen, die kommentiert. Doch – und daran erkennt man, dass die Kritik an Claudia Neumann eine andere, eine frauenfeindliche Dimension hat – beziehen sich viele der Beleidigungen, die in sozialen Medien gegen Neumann gepostet werden, auf ihr Geschlecht, enthalten Drohungen oder richten sich insgesamt an Frauen mit der Botschaft, dass sie im Fußball nichts verloren hätten: nicht am Mikrophon, nicht auf dem Platz, nicht im Stadion. Es geht nicht um sachliche Kritik an einer Fußball-Fachfrau … doch um was geht es eigentlich?

Die Reaktionen auf Claudia Neumann zeigen – auch wenn laut einer Civey-Umfrage zwei Drittel der Deutschen es gut finden, wenn Frauen Spiele kommentieren – dass es für große Gruppen von Menschen noch immer nicht selbstverständlich ist, dass Menschen in Deutschland das Recht haben, in allen möglichen Bereichen Berufe zu ergreifen, mitzuwirken und sich zu Wort zu melden und sogar in den Branchen Erfolg haben, wo es ihnen besonders schwer gemacht wird: wie im Sportjournalismus oder der Bundespolitik. „Mit der Frau kann ich nicht arbeiten“ dürfte ein weit verbreiteter Ausdruck des Unmuts von Männern sein, die sich nur notdürftig mit einer Chefin abfinden und der Ansicht sind, dass sie den Job besser machen würden – allein aufgrund ihres Geschlechts.

Notiz am Rande: Wer wirklich findet, dass er fachlich und persönlich besser geeignet wäre, als die eigene Vorgesetzte, sollte klügere Strategien als Beleidigungen und Lästereien im Repertoire haben, um die Chefin bei Gelegenheit abzulösen. Wütende und unsachliche Kommentare erklären sich zum Teil auch immer damit, dass die Person, die austeilt, weiß, dass sie unterlegen ist und sich damit abfinden muss, an anderer Stelle zu wirken – und eben nicht als WM-Kommentatorin oder als Kanzlerin.

Nur Solidaritätserklärungen reichen nicht

Gut ist, dass Claudia Neumann von vielen Stellen Rückhalt und Solidarität bekommt und sich der ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann klar hinter sie stellte oder auch der erfahrene Sportkommentator Marcel Reif der Stuttgarter Zeitung sagte: „Aber jemanden so in der Art anzugehen, das verbitte ich mir. (…) Bei Claudia Neumann fehlt es nicht an Fachkompetenz. Ausrufezeichen. Punkt.”

Damit Sport-Journalistinnen mehr Akzeptanz und weniger Hass erfahren, wäre es neben der Solidarisierung von Kolleg*innen und Fußball-Fans jedoch ebenso wichtig, dass Journalistinnen Karrieren im Sport ermöglicht werden. Seit 2017 hat die ARD-Sportschau mit Jessy Wellmer erst die zweite Moderatorin in ihrer über 50-jährigen Geschichte in der „großen Sendung“ am Samstag. Auf die Frage danach, wie lange sie die Sportsendung moderieren wollte, sagte Wellmer der DPA: „20 Jahre? Das fände ich optimal.“ Dabei verhält es sich im Journalismus ganz ähnlich wie in deutschen Unternehmen: Die Frauen sind da und sie wollen die Spitzenjobs. Dass sie es nicht nach oben schaffen, liegt weder an ihrem Willen noch am Mangel geeigneter Kandidatinnen.

Vorurteile abbauen

Doch, und das ist die schlechte Nachricht, bedeuten mehr Frauen nicht automatisch, dass Klischees und Ablehnung von allein verschwinden – denn die sexistischen Strukturen im und rund um den Fußball sind genau die Strukturen, die wir im Rest der Gesellschaft finden, wenngleich die Überhöhung heterosexueller, kraftstrotzender Männlichkeit und leider auch nationalistische Anwandlungen in Teilen der Fußballkults dazu beitragen, dass die Geringschätzung von Frauen (und allen weiteren, die ,anders‘ sind) besonders stark nach außen getragen wird. 

Wer mit Kindern im Kita-Alter zu tun hat, weiß, dass die Kids zwar glauben, Kanzlerin sei ein Frauenjob und die Vorbilder für sie endlich vielfältiger werden, gleichzeitig wird man schnell wieder auf den Boden geholt, wenn man zur Geburt des ersten Kindes noch glaubte, es könne fern von ziemlich mächtigen Geschlechterklischees aufwachsen. Die Regel ist, dass ein kleiner Junge im Rock geärgert wird und schon das dreijährige Mädchen von gleichaltrigen Jungs gesagt bekommt, Fußball sei nix für Mädchen. 

Wenn wir – als Eltern, Mitmenschen und Gesellschaft – wirklich wollen, dass Kinder alles werden können, wovon sie träumen, müssen wir überall und vehement dafür eintreten und auch so handeln, wie es die Idee der Gleichberechtigung möchte: Uneingeschränkt glauben und möglich machen, dass nichts, aber auch gar nichts, was Menschen tun, wie sie sich geben oder was sie anziehen, für ein Geschlecht bestimmt ist. Das klingt einfacher, als es ist. Auch für Feminist*innen. 

Gekommen um zu bleiben

Dennoch bleibt die Botschaft an die, die es gruselig und falsch oder sogar „schädlich“ finden, dass Bereiche wie der Männer-Fußball nun von Menschen bereichert wird, die zum Beispiel als Reporterin, als trans* Fan, als homesexuelle*r Zuschauer*in, als Schiedsrichterin, bisexueller Spieler oder als Trainer*in zeigen wollen, dass sie den Sport lieben und ihm etwas zurückgeben wollen: Diese Menschen gehen nicht mehr weg.

Ihr, die ihr Hasskommentare ins Netz kotzt, spart euch die Zeit und erspart euch selbst die Wut, die euch von innen auffrisst. Denn, wenn ihr ein wenig aufgepasst habt, solltet ihr wissen, dass ganz besonders Frauen nicht locker lassen und sich selten einschüchtern lassen, bis sie das Wahlrecht haben, gleichen Lohn bekommen oder das WM-Finale der Herren kommentieren dürfen. Wir sind viele und haben viele andere an unserer Seite. Während ihr den nächsten wütenden Tweet schreibt, jubeln wir über das nächste Tor. 

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Teresa Bücker arbeitet, schreibt und spricht zu gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart und Zukunft. Auf Konferenzen, im Fernsehen und in Workshops diskutiert sie über den Wandel der Arbeitswelt (New Work, Leadership, Diversity), digitale Strategien für Journalismus und Politik, über Partizipation und Aktivismus, Gerechtigkeit, Repräsentation, Macht und sexuelle Selbstbestimmung. Immer aus einer feministischen Perspektive. Immer mit Blick auf Gestaltungsmöglichkeiten und Lust auf Veränderung. Für ihre Arbeit als Chefredakteurin für Edition F wurde sie 2017 als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet. Seit Juni 2019 arbeitet sie als freie Journalistin und Beraterin.

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