Foto: Nikolai Chernichenko | Unsplash

Was Clean Eating mit Glück zu tun hat? Gar nichts!

Immer mehr Menschen machen sich Gedanken um ihre Ernährung und achten penibel auf ihre Gesundheit. Kein schlechter Impuls – und doch sollte man auch diese Trends getrost hinterfragen, denn es macht schlicht keinen Sinn Pizza und Co. per se zu tabuisieren.

Wir leben in einer Zeit der Unverträglichkeit

Wohin das Auge reicht ploppen Regeln auf, die uns sagen wie wir uns ernähren sollen und gefühlt hat die halbe Menschheit mit Lebensmittelunverträglichkeiten wie Lactoseintoleranz oder Glutenunverträglichkeit zu kämpfen. Alles nur ein Trend, oder ein Problem, das tatsächlich stetig wächst? Oft ist es für uns kaum mehr möglich nachzuvollziehen welche Inhaltsstoffe in unseren Lebensmitteln enthalten sind. Es scheint also rein logisch, dass wir uns immer mehr mit unserer Ernährung beschäftigen, uns mit „Super Foods” kurieren, aus Prinzip in vegane Restaurants gehen und uns Aktivkohle ins Trinkwasser kippen. Eine Industrie, die boomt und jeden Tag weitere Ernährungsformeln auf den Plan bringt. So auch das viel beschworene Clean Eating.

Clean Eating hört sich erst einmal recht positiv an: Man soll dabei alle giftigen Stoffe aus dem Essen eliminieren und sich nur noch von Lebensmitteln ernähren, die frei von Zusatzstoffen sind. Das scheint durchaus kein schlechter Ansatz zu sein. Aber Clean Eating ist noch mehr als dasEs geht darum, sich so zu ernähren, dass man keinerlei zusätzliche, ungesunde Stoffe zu sich nimmt. Wer jetzt vor allem an die Reduktion von Süßigkeiten und Weißmehl denkt, liegt damit allerdings falsch. Es ist weitaus mehr: verarbeitetes Essen soll vermieden und Salz so weit wie möglich vom Essen ferngehalten werden, wir sollen fast nur noch Gemüse essen, unbedingt auf Vollkornprodukte umsteigen, raffinierten Zucker streichen und keinen Alkohol mehr trinken. Außerdem wäre es hilfreich auch gleich ganz vegan zu leben, kein Gluten mehr zu essen und fast ausschließlich Rohkost auf den Speiseplan zu schreiben. Wenn man das alles befolgt ist man ein richtiger Clean Eater. Puh.

Auf vielen Social Media Accounts (vor allem auf Instagram) präsentieren sich super schlanke, durchtrainierte Frauen und Männer, die einem erklären, dass sie, seit sie sich clean ernähren, viel glücklicher sind als vorher und es ihnen auch körperlich viel besser geht. Daneben sind Fotos von ihrem Essen: grün, gesund und natürlich immer selbstgemacht. Wenn man das als „Normalessender” sieht, kommt schnell das schlechte Gewissen um die Ecke. Angesichts dieser Selbstdisziplin fragt man sich doch, warum man selbst sich so gar keine Gedanken um seine Ernährung zu machen scheint. Mangelt es mal wieder an der Motivation, wenn man es nicht schafft clean zu essen und jeden Tag Sport zu machen? Und wie sehr schadet man sich mit dem Normalo-Speiseplan eigentlich? Denn wenn man nicht clean isst, dann isst man dirty oder?

Schluss mit dem Pizza-Shaming!

Dirty zu essen hört sich dann doch ganz schön schlimm an. Und umso mehr wir die glücklichen, cleanen Gerichte kredenzt kriegen, umso mehr schämen wir uns bei der nächsten Pizza. Sie wird zur Sünde und wir reden uns bei jeder Genussmahlzeit ein, dass das heute nur mal eine Ausnahme ist, weil es schnell gehen musste. Morgen dafür dann nur Salat. Natürlich macht uns das dann unglücklich. Schließlich geben der Pizza ja nicht mal eine Chance uns glücklich zu machen. Das schlechte Gewissen wird immer größer und größer und das Lächeln der Clean Eaters in unserem Kopfkino immer breiter und breiter. Die lachen uns doch aus, wie wir Luschen mit schlechtem Gewissen eine dirty Pizza essen, mit extra viel Gluten, Lactose und wahrscheinlich auch noch Fleisch. Pfui!

Ja, oft ist es nur unser Kopfkino. Dennoch muss man festhalten, dass es auch diese vermeintlichen Vorbilder sind, die ihren Followern Glauben machen, dass Pizza und Co. eine schlimme Sünde sind. Der Hype um diese Menschen ist immens. „FreeLee the Banagirl” wurde etwa ein Internet-Star, weil sie über acht Jahre hinweg eine Clean-Eating-Diät machte, bei der sie sich bis 16.00 Uhr ausschließlich von Rohkost ernährte – teilweise von 51 Bananen am Tag. Nach 16.00 Uhr aß sie dann ein veganes Gericht mit Kohlenhydraten. Das Internet liebt sie dafür und sie bekam in kürzester Zeit tausende Follower. Doch warum zieht eine solch schräge Ernährung so an? Bedenklich ist auch, dass die Instagrammerin es dann auch als normal sah, dass ihre Periode in der Folge dieser Ernährung über mehrere Monate ausblieb. Doch kann das wirklich normal oder natürlich sein?

Clean Eating? Jein!

Na klar, mit so einem Speiseplan nimmt man recht schnell ab und wird gepaart mit Sport vielleicht auch fitter, aber diese Art von Ernährung ist nicht gut für den Körper, auch wenn das erst einmal so aussieht. Es ist wichtig, dass man sowohl Fette zu sich nimmt als auch genug Eiweiß und Kohlenhydrate, um den Stoffwechel am Laufen zu halten.

Der Ansatz des Clean Eatings ist wohl für niemanden eine schlechte Idee. Allerdings muss auch bei diesem Label darauf geachtet werden, dass man sich ausgewogen ernährt und nicht blind einem Wahn verfällt, der von falschen Vorbildern vorgelebt wird – und vor allem, darf man nicht vergessen, auf seinen Körper zu hören. Von ihm kommen die besten Impulse, welche Nahrung uns wirklich gut tut, was wir reduzieren und was wir auf dem Speiseplan ausbauen sollten. Clean Eating macht nicht glücklich. Dazu gehört weitaus mehr. Sich grundsätzlich gesund zu ernähren ist gut, aber wenn uns eine Pizza glücklich macht, dann sollten wir das in diesem Moment auch zulassen können, ohne tagelang ein schlechtes Gewissen zu haben.

 

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