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Bye Bye, Baby: Es fällt mir wahnsinnig schwer, mein Kind loszulassen

Loslassen, das beginnt doch am Tag der Entbindung mit dem Schnitt durch die Nabelschnur. Aber ein Jahr nach der Geburt meines Babys glaube ich, die Nabelschnur noch immer zu spüren, und weiß doch, dass ich Schritt für Schritt weiter loslassen muss.

 

Me-Time, juhu?

Ich gehe heute laufen, ganz allein, ohne mein Baby im Kinderwagen vor mir herzuschieben oder auf den Hüften zu tragen. Einfach locker laufen. Einzig meine Gedanken leisten mir Gesellschaft. Mein Baby ist mit seinem Papa unterwegs und wird einen wunderbaren Vormittag verbringen, da bin ich mir ganz sicher. Mein Baby ist genau genommen gar kein Baby mehr, vor einer Woche hat es seinen ersten Geburtstag gefeiert.

Es ist eine Weile her, dass ich spontan meine Laufschuhe angezogen habe und einfach losgerannt bin – welch ein Luxus. Kein Baby, das vorher noch kurz gewickelt werden soll, keine Jause, die noch vorzubereiten ist und keine Essensreste und Spielzeugteile, die darauf warten, weggeräumt zu werden. Ich habe heute Zeit, sogar Zeit, um nach dem Laufen ausgiebig zu duschen und dann noch mehr Zeit, um weiter Zeit mit mir selbst zu verbringen. Das Laufen tut gut, ich genieße die frische Luft. Während ich langsam ins Schwitzen komme, denke ich an mein Baby. Ob Papa und Tochter wohl schon wieder zu Hause sein werden, wenn ich vom Laufen zurück bin? 

Was mache ich ohne mein Kind?

Falscher Gedanke, ich habe meinen freien Vormittag – ich darf, ja ich muss Zeit mit mir selbst verbringen. Womit soll ich sie füllen, diese freie Zeit? Mein Alltag, ja der Großteil meines sozialen Lebens hat sich im letzten Jahr um das Baby gedreht. Was soll ich so mit mir ganz allein anfangen? Was macht Frau mit so viel freier Zeit? Yoga? An sich schöne Idee, mit Laufen habe ich meinen Bewegungsdrang für heute aber bereits gestillt. Shopping? Mein Jeans-Sneakers-Outfit steht. Was braucht Mutti mehr? Freunde treffen? Netter Vorschlag. Es ist Vormittag, meine Freunde sind entweder berufstätig oder selbst mit ihren Babys unterwegs. Kaffee trinken? Das klingt gut, aber zwei Stunden allein im Kaffeehaus sitzen, mal ehrlich?

Unser Mädchen wächst dahin. Es erkundet seine Umgebung voller Neugier, sein Radius wird jeden Tag größer. Bisher durfte ich fast alle seine Erkundungstouren begleiten. Der Gedanke, dass ich schon bald nicht mehr bei jeder seiner spannenden Entdeckungsreisen dabei sein werde, treibt mir mehr Schweiß auf die Stirn als ein schneller Zielsprint. Sie wird schon bald auf eigenen Füßen stehen und jeden Tag selbständiger. Daran muss ich mich erst gewöhnen. Genauso wie an die neue freie Zeit für mich. Wenn ich so ganz mit mir alleine bin, fühle ich mich unvollständig. Etwas sehr Wichtiges fehlt. So als müsste ich mein heutiges Jogging-Abenteuer mit nur einem Fuß absolvieren. Komischer Vergleich. Unser Kind ist ein eigenständiger Mensch, der seinen persönlichen Lebensweg finden und gehen muss. Mein Verstand weiß das natürlich sehr genau. Ich hätte nur niemals erwartet, dass es so wahnsinnig schwer ist, dieses Loslassen und dass es einen so schnell einholt.

Da haben wir Eltern gerade damit begonnen ein warmes Nest zu bauen und schon beginnt der Schützling mit den Flügeln zu schlagen. Diese Flügelschläge sind wunderschön, erzählen sie doch von den vielen Entwicklungsschritten, die ihnen vorausgegangen sind. Gleichzeitig führen sie uns aber auch knallhart vor Augen, wie rasant sich das Rad der Zeit dreht und wie kostbar jeder Augenblick ist. Loslassen, eine von den Herausforderungen, der sich jede Mutter stellen muss, ohne sich darauf vorbereiten zu können. Nach neun Monaten „entbinden” wir uns erstmals von dem Kind. Ein einfacher Schnitt durch die Nabelschnur und die physische Abnabelung ist vollbracht. Doch Körper und Geist tanzen nicht immer im Gleichschritt. Wir halten unser Baby in den Armen, das gerade eben noch in unserem Bauch geturnt hat und spüren die tiefe Verbindung. Auch nach einem Jahr kann ich sie noch fühlen, die unsichtbare Nabelschnur. Wie ein Gummiband zieht sie sich langsam in die Länge. Das Band will gepflegt werden, damit es sich weiter in die Länge ziehen kann, ohne brüchig zu werden. Welch wunderbare Aufgabe, eigentlich, und ich darf dabei auch manchmal joggen gehen.

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