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Depression

Wenn ich groß bin, nehme ich mir Zeit dafür.

 

Menschen mit/ in einer Depression haben die Kontrolle verloren. Sie können die Wohnung nicht mehr verlassen, die eigene Körperpflege fällt ihnen schwer, in der Küche stapeln sich Essensreste und Geschirr. Depressive Menschen hüten das Sofa oder das Bett, tauschen Pyjama maximal gegen Jogger, werden nur mühevoll vom guten Freund aus ihrem Loch in das Café um die Ecke gelockt. Dabei ist der Gemütszustand des kranken Freundes Topic Nummer eins. Was anderes beschäftigt ihn derzeit ja nicht und der gesunde mag gar nicht erst anfangen vom erfolgreichen Projektabschluss, der neuen Beziehung oder dem schönen Wochenende in Zürich, da er Angst hat, dass man es ihm übel nimmt. 

Vor einigen Monaten erhielt ich selbst die Diagnose mit „D“. Ich konnte irgendwie nicht mehr und habe meine Ärztin gebeten mich ein paar Wochen aus dem Verkehr zu ziehen. Ich kam in keinem Lebensbereich mehr voran, nicht den kleinsten Schritt, sodass es mich schon ängstlich, fast panisch machte und zum Schluss regelrecht lähmte. Allerdings hatte bis dahin jeden morgen geduscht und mir die Haare gewaschen, ernährte mich nicht ausschließlich von Tiefkühlpizza, hatte eine aufgeräumte und sehr gemütliche Wohnung, meine Tage fristete ich nicht vor dem TV. Das passte für mich nicht zusammen. Auch nach über drei Monaten, die ich mittlerweile meinem Arbeitsplatz fernbleibe, kann ich den Gedanken, bzw. die Diagnose noch nicht für mich einordnen. Das Bild, was ich von einem depressiven Menschen habe ist zu eingebrannt, sodass mir mein eigener, davon abweichender Zustand, nicht drastisch oder hilflos genug erscheint – immer noch kontrolliert, kein Ausufern, kein Gehenlassen. 

Oder doch? Vielleicht nur anders? Anders als mein bisheriges Bild? Immerhin schwebte ich schon länger in meinem jetzigen Zustand, als es das Datum auf der Überweisung zu meinem unglaublich netten Psychiater glauben ließ. Nicht total scheiße aber auch nicht okay. Nicht greifbar aber auch nicht mehr zu verschweigen.

An manchen Tage schaff(t)e ich es einfach nicht eine Aufgabe am Stück zu erledigen. Manches fange ich gar nicht erst an, denke aber unablässig an die Erledigung desselbigen, stelle mir regelrecht vor, wie ich es erledige. Zum Beispiel das Schreiben dieses Textes. In meinen Gedanken habe ich mir schon acht Tassen Kaffee gekocht, mich acht Mal zum Schreiben an den Laptop gesetzt und sechs verschiedene Überschriftten formuliert. In Gedanken war ich auch schon mehrmals allein im Wald spazieren, habe Verabredungen klar gemacht und für ein neues Rezept eingekauft. Wenn am Abend mein Freund nach Hause kommt, habe ich das Haus doch kein einziges Mal verlassen, kein Wort geschrieben und es gerade mal geschafft, mich mit einem gesunden Müsli zu versorgen. Dafür bin ich später am Abend wieder top motiviert, was meine Vorhaben für den kommenden Tag angeht, immerhin… Nach dem Aufwachen, beginnt die Schleife dann wieder vor vorn. 

Und immer noch ist meine Kleidung fleckenfrei, sind die Mülleimer geleert und mein Antwortstatus bei allen Nachrichten-Apps auf 100%. WTF?!

Nun, da wir ja alle unterschiedlich sind, kann wohl auch unsere depressive Episode ganz individuell verlaufen. Ich habe mittlerweile erkannt, dass ich ein wahnsinnig kontrollierter Mensch (geworden) bin. Nicht ich selbst kontrolliere mich, sondern vielmehr das, was mir im Rahmen von Erziehung und Sozialisation indoktriniert wurde. Ein harter, absoluter Begriff, der mir in diesem Kontext aber so richtig erscheint. Zwar hat mich niemand einer Kopfwäsche o.ä. unterzogen, dennoch fällt es mir verdammt schwer zu wählen zwischen eigenem Wunsch und angemessenem Verhalten. Dieses Unvermögen ist für mich die Grundlage für alles, was ich nie angefangen oder zu Ende gebracht habe und für die Lähmung, die nach Monaten des „nicht-Wissens“ eingetreten ist.

„Angemessen“ bedeutet in meinem Fall „gemessen“ „an“ dem, was andere von mir erwarten oder auch nicht erwarten würden.

Ich handle selten – nein – ich bin fast unfähig nach dem Prinzip „Lust“ zu handeln. Mein „Bewerter“ fragt vor jeder Aktivität ab, was zum aktuellen Wetter passen würde, ob nicht eher Bewegung oder doch besser Bildung sinnvoller wär. „Wann hast du dich eigentlich das letzte Mal mit einem Freund verabredet?“ „Bei XY solltest du dich mal wieder melden!“ „Wenn du endlich gesünder und vielseitiger kochen möchtest, solltest du zu allererst mal einkaufen.“ Leider macht Kochen in einer unaufgeräumten Küche keinen Spass. Und sowieso müsste erstmal alles durchgesaugt werden. 

So läuft das. Jeden Tag. Manchmal siegt der „gesunde Erwachsene“, der gern ein Herzensprojekt voranbringen möchte. In seltenen Fällen sogar mal das „Kind“, das etwas mit hohem Unterhaltungsfaktor im Auge hat. Allzu häufig ist es leider der „Bewerter“, der erstmal alle nach seiner Pfeife tanzen lassen will, jedoch so hohe Ansprüche hat, dass der „Vermeider“ sich dazwischen schaltet und alle Funktionen abstellt (und Netflix an).

Auch wenn das Alles nur rein automatisch in meinem Kopf abläuft, sich ggf. noch in einem ziel- und orientierungslosen Hin- und Herlaufen ausdrückt, nimmt es viel, viel Zeit in Anspruch. Häufig soviel, dass ich, die, die ich eigentlich bin, ob der verschwendeten Stunden panisch werde. Das Perfekte suchen, nichts richtig anzufangen und am Ende keine Aufgabe erledigt und kein Fünkchen Befriedigung gefunden zu haben – das macht auf Dauer müde, traurig und auch ein wenig hoffnungslos. Und das am Ende wahrscheinlich alle von uns oder mit (?).

Auch wenn ich täglich dusche, nicht im Chaos versinke oder Heulattacken erliege, die Diagnose bleibt angemessen (in diesem Fall nicht „gemessen“ „an“ dem, was man für ein Bild von Betroffenen hat, sondern „gemessen“ „an“ dem Grad meines perrsönlichen Unwohlbefindens). 

Vielleicht würde eine Woche seifenfrei und Netflix mich ja heilen. Da die äußeren Umstände jedoch niemals optimal dafür sein werden, müsste ich zunächst den Off-Schalter für meine sich widersprechenden inneren Instanzen finden. Der Weg ist noch lang… appr. 90% more to go.

Und so hat wohl jeder seine wiederkehrenden Muster, seine selbstgebauten Sackgassen und frustrierenden Schleifen, die man bis zum Verderben analysieren kann und doch niemals eine Logik finden wird und schon gar keine Schablone, wo all das reinpasst.  

Wer sich und das Level der eigenen Bedürfnisbefriedung im Blick hat und Abweichungen nach unten bemerkt, kann sich auch einfach mal aus dem Verkehr ziehen lassen, einen U-Turn machen oder wenigstens die zwei Minuten an der Ampel inne halten. Denn wenn wir erst darauf warten, dass es uns so richtig dreckig geht, so dass es auch die ganze Welt sehen kann, ist das ein bisschen so, als wenn wir mit 35 noch sagen „wenn ich mal groß bin“.

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