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Der lange Weg zur Mündigkeit – weibliches Schreiben

Ist der Stift ein Sinnbild für den Penis und somit für das Patriarchat?

 

Mit der Etablierung der feministischen Literaturwissenschaft und spätestens seit Roland Barthes´ Essay Der Tod des Autors wurde die Frage um eine weibliche Autorschaft immer wieder ins Zentrum des Interesses gerückt.

Wer sind wir eigentlich und wo kommen wir her?

Feministische Literaturwissenschaftlerinnen gehen von zwei Prämissen aus, die eine weibliche Autorschaft überhaupt erst möglich machen. Zum einen
bedarf es der Aufhebung der Doppelexistenz der Frau. Jahunderte lang
galt es als undenkbar, dass sie literarisch tätig werden könnte.
Denn dies widersprach sämtlichen Vorstellungen von der Natur der
Frau. Sie konnte aus Sicht der Vertreter des Patriarchats aufgrund
ihrer Dispositionen schlicht keine Autorin sein.
(Allein diese Vorstellung ist aus heutiger Sicht absurd.)

Daraus entstand für die Frauen der Zustand der gespaltenen Persönlichkeit mit der Identität der Frau auf der einen und der Identität der Autorin auf der anderen Seite. Als Voraussetzung für die Existenz einer weiblichen Autorinstanz muss dieser Zustand des fragmentierten Ichs überwunden werden. Zum anderen wird die Notwendigkeit einer weiblichen Tradition des Schreibens konstatiert.

Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen haben Schriftstellerinnen nur eine sehr kurze Tradition, auf die zurückblicken können. Eine Tradition ist aber wichtig, da sie Rückhalt für Autorinnen bedeutet und erst das Bewusstsein für die Existenz weiblicher Texte schafft.

Denke nicht, sondern sei einfach

Virginia Woolf entwickelte ein Idealbild einer Autorin, das diese Prämissen mit einschloss und auf dem Androgynitätsideal fußte. Der Einklang von männlichen und weiblichen Elementen des menschlichen Geistes sowie das Nichtbewusstsein über das eigene Geschlecht wurden von ihr als günstigster Zustand beschrieben, um kreativ schreibend tätig zu werden.

Woolfs Annahme rückt die Frage in den Fokus, was die Autorin nun eigentlich explizit vom Autor unterscheidet. Es liegt auf der Hand, dass die von der feministischen Literaturwissenschaft aufgestellten Prämissen der defragmentierten Existenz sowie der Tradition des Schreibens bei Autoren von Anfang an als erfüllt und unproblematisch betrachtet werden kann. Will man die Frage also beantworten, ist es sinnvoll sich verschiedene Autorschaftsmodelle zu vergegenwärtigen.

Einige Modelle scheinen problemlos auf die Autorin übertragbar zu sein, da der Status der Autorschaft eng mit der jeweiligen schreibenden Person verbunden ist – Biographie und Persönlichkeit, der spezifische Schreibstil oder die Intention hinter dem Schreiben. Die individuellen Erfahrungen der Autorinnen und die damit verbundenen Intentionen des Schreibens gelten als wichtiger Bezugspunkt zur Interpretation weiblicher Texte. Ebenso wichtig ist der Stil. Im Laufe der Literaturgeschichte wurde immer wieder die Frage nach einer weiblichen Art des Schreibens gestellt.

In der Vergangenheit konnte jedoch keine Einigkeit darüber erzielt werden, ob es so etwas wie eine weibliche Ästhetik gibt oder ob es sich lediglich um Schwimmversuche in männlichen Gewässern handele.

Der Stift als Penis?

Das wohl älteste Autorschaftsmodell ist jedoch das Modell der Inspiration, das den Autor als Medium zwischen Gott und Text versteht. Kann an diese Stelle nicht auch eine Frau rücken? Selbstverständlich ja! Allerdings gibt es nach wie vor die weit verbreitete patriarchische Annahme, dass ein Autor eine Art
ästhetischer Patriarch ist, dessen Stift die gleiche schaffende Kraft besitzt wie sein Penis. Um zu schaffen bedarf es doch aber mehr…

Die Konzeption von Autorschaft hat bislang die Frau als kreative, schaffende Kraft schlicht außer Acht gelassen. Begrifflichkeiten wie Autor und Autorschaft stehen in einer eindeutig patriarchisch konnotierten Tradition und sind für Frauen definitionsgemäß nicht zugänglich. Aber eine Definition bleibt am Ende eben nur das, was sie ist. Eine Definition. Eine Vorstellung von etwas. Vorstellungen kann man ändern.

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