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Integration: Geflüchtete Frauen spielen eine Schlüsselrolle – deshalb sollten sie mehr politische Entscheidungen treffen

Beim Thema Migration und Asyl dominieren Männer das öffentliche Bild, ob als Politiker oder Geflüchtete. Dabei wird Integrations- und Sicherheitsarbeit zu einem großen Teil von Frauen geleistet. Unsere Community-Autorin forscht zum Thema Migration und teilt ihre Erfahrungen.

Frauen kommt eine Schlüsselrolle beim Thema Integration zu

Wer sich selbst schon in der Flüchtlingshilfe engagiert hat, weiß: Frauen schaffen Integration, und zwar sowohl geflüchtete Frauen als auch Frauen der Aufnahmegesellschaft, mit oder ohne eigenem Migrationshintergrund. Sie leiten ehrenamtlich Sprach- und Wertekurse, sind Mentorinnen und Patinnen, leisten Vermittlungs- und Vernetzungsarbeit, und gründen Vereine zum zivilgesellschaftlichen Austausch. Als Geflüchtete sind sie wertvolle Multiplikatorinnen. So hält der Deutsche Verein in seinen Empfehlungen zur Integration geflüchteter Menschen fest, dass Frauen „eine Schlüsselrolle bei der Integration ihrer Familien“ zukommt, da sie als Mittlerinnen zwischen ihren Communitys und der Aufnahmegesellschaft agieren. In ihrem Umfeld können sie wichtige Denk- und Handlungsprozesse, zum Beispiel in Richtung Gleichberechtigung und weiblicher Selbstbestimmung, anstoßen.

Wie die aktuelle #MeToo-Debatte zeigt, ist diese Entwicklung auch innerhalb der europäischen Mehrheitsgesellschaft des 21. Jahrhunderts noch lange nicht abgeschlossen. Der Input geflüchteter Frauen ist ein dringend notwendiger zur Pluralisierung und gegen den Eurozentrismus moderner feministischer Bewegungen.

Zahlen belegen: mehr weibliche Geflüchtete

In der Tat ist der Anteil weiblicher Geflüchteter in den letzten Jahren gestiegen, nicht zuletzt auf der Rechtsgrundlage der Familienzusammenführung: Im Januar 2018 stellten weibliche Asylwerbende in Deutschland knapp 39,4 Prozent aller Anträge (Quelle: BAMF), in Österreich 39,5 Prozent (Quelle: BMI). Das Bild des jungen, männlichen Flüchtlings, das im „Fluchtherbst” 2015 die mediale Berichterstattung dominierte, sollten wir dringend revidieren.

Während geflüchtete Frauen vermehrt den Weg nach Europa finden, sind sie mit spezifischen Herausforderungen konfrontiert, wenn es um ihre Teilhabe an der Aufnahmegesellschaft geht. Sie nehmen Beratungsangebote seltener in Anspruch als Männer und sind aufgrund ihrer Kriegs- und Fluchterfahrungen häufiger mit Angstgefühlen und der Trennung von ihren Kindern konfrontiert. In Erstaufnahmezentren wird nicht flächendeckend auf ihre spezifischen Bedürfnisse im Bereich der Hygiene, Sicherheit und Privatsphäre eingegangen.

Neben Regelangeboten zur Sprachvermittlung und Integration können Brückenangebote, wie zum Beispiel Sprachkurse in Kitas und Schulen sowie in getrenntgeschlechtlichen Gruppen, niedrigschwellige Maßnahmen für geflüchtete Frauen bieten. Zentral ist bei diesen Angeboten die Vermittlung von Wissen über Rechte im Aufnahmeland, Bildung und Erwerbsleben, Gesundheitsversorgung und Familienplanung sowie Hilfe für gewaltbetroffene Frauen, die aus Kriegsgebieten zu uns kommen. Der Zugang zu Schutz, etwa zu Frauenhäusern und Schwangerschaftsberatung, muss unabhängig vom Aufenthaltsstatus erfolgen.

Integration von Frauen wirkt doppelt

Investitionen in diese Unterstützungsmaßnahmen lohnen sich, denn jedes Integrations-, Sprach- oder Qualifizierungsangebot, das geflüchtete Frauen wahrnehmen, wirkt doppelt: einmal für sie selbst, und einmal durch die Weitergabe an Kinder, Familie, und die weitere Community. Dieser Effekt ist bei Frauen viel stärker ausgeprägt als bei Männern, gerade in traditionell geprägten Partnerschaften. Weltweit bringt Investition in die Bildung von Mädchen und Frauen deshalb die doppelte Rendite, trägt sie doch wesentlich zu ihrer Selbstbestimmung und damit zur Senkung der Geburtenrate bei und wirkt gleichzeitig in der nächsten Generation weiter.

Tatsächlich haben viele der nach Europa geflüchteten Frauen ein vergleichsweise hohes Bildungsniveau. Teilweise liegen die Bildungsabschlüsse von Frauen sogar über jenen der Männer: In einer der ersten europäischen Studien zu den Fluchtbewegungen 2015, durchgeführt vom Wiener Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital, gaben z.B. 20 Prozent der befragten männlichen Geflüchteten an, einen postsekundären Abschluss zu besitzen, während dieser Anteil bei weiblichen Geflüchteten auf 26 Prozent stieg; bei Frauen mit Arbeitsmarkterfahrung waren es sogar 35 Prozent. Gleichzeitig werden diese Abschlüsse von Frauen aber viel seltener auf dem Arbeitsmarkt eingesetzt: Über 90 Prozent der Männer, aber nur 42 Prozent der Frauen gaben an, bereits einmal erwerbstätig gewesen zu sein.

Dabei wären die Branchen, für die geflüchtete Frauen formell qualifiziert sind, durchaus relevant für den west- und mitteleuropäischen Arbeitsmarkt: überrepräsentiert sind soziale und Gesundheitsberufe, pädagogische Berufe, sowie Buchhaltung und Handel. Damit dieses offenkundige Potential Einsatz findet und berufliche Integration stattfinden kann, müssen geflüchtete Frauen stärker für Unternehmen sichtbar gemacht werden. Begleitend dazu bedarf es passender Rahmenbedingungen wie Kinderbetreuung und Qualifizierungsangebote, die auch für einheimische Frauen zentral sind.

Auch Integrationspolitik ist Frauensache

Keinesfalls hilfreich dabei ist, dass in der Ausarbeitung nationaler Integrationspläne sowie europäischer Migrations- und Sicherheitsstrategien weibliche Akteurinnen kaum präsent sind. So waren auch die Roundtables und Podiumsdiskussionen auf der Münchner Sicherheitskonferenz, die sich u.a. dem Dschihadismus und dem steigenden Migrationsdruck in der Sahelzone widmeten, von Männern dominiert. In der regelmäßig aufflammenden Debatte um das Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst oder für junge Mädchen, wie sie aktuell in Österreich geführt wird, sind männliche Stimmen oft überrepräsentiert, und das obwohl die Diskussion ausschließlich den weiblichen Körper betrifft.

Dieses Missverhältnis zwischen Basis und Spitze besteht leider allzu häufig, und rückt auch deshalb verstärkt in der Fokus der internationalen Staatengemeinschaft. So betont die Sicherheitsratsresolution 1325 der Vereinten Nationen ganz klar die Bedeutung von Frauen in der Konfliktprävention und hält ihre Mitgliedstaaten zur stärkeren Einbeziehung von Frauen und Mädchen in Friedensbemühungen an. Dazu zählt nicht zuletzt die innerstaatliche und zivilgesellschaftliche Integrationsarbeit zur Herstellung und Bewahrung des sozialen Friedens, der Sicherheit und des Wohlstands. Während alle Ebenen des Friedensprozesses und damit insbesondere die Basisarbeit von zentraler Bedeutung sind, müssen Frauen aber auch an die Spitze und an Schnittstellenpositionen gelangen können.

Flucht, Migration und Integration bleiben im Jahr 2018 zentrale europäische Themen. Stellen wir sicher, dass Frauen nicht nur ihren Beitrag leisten, sondern dieser auch sichtbar und anerkannt wird – und dass sie, neben humanitärer Arbeit und ehrenamtlichen Engagement, auch an den Verhandlungstischen sitzen, wenn die Weichen für die Integrationspolitik der kommenden Jahre gestellt werden.

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