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Agiles Arbeiten bedeutet nicht, jederzeit erreichbar zu sein – das zu verlangen, ist kein guter Führungsstil

Die Anforderungen an Führungskräfte, die im Kontext der Digitalisierung stehen, fordern ganz neue Qualitäten. Christiane Brandes-Visbeck und Ines Gensinger zeigen in ihrem Buch, wie es gelingt seine Rolle als Digital Leader zu finden.

Digitale Transformation: Was bedeutet das für die Führungsebene?

Die digitale Transformation ist in vielen Unternehmen ein großes Thema. Auch in den Führungsetagen sind daher Umdenken und neue Fähigkeiten gefragt. Doch was macht einen Digital Leader aus? Was sind die neuen Anforderungen? Diese Fragen beantworten die Autorinnen Christiane Brandes-Visbeck und Ines Gensinger in ihrem Buch „Netzwerk schlägt Hierarchie: Neue Führung mit Digital Leadership“.

Bilder: Redline Verlag

Wie der Titel schon andeutet, geht es den Autorinnen darum, eine Brücke zwischen Hierarchie und Netzwerkorganisation zu bauen. Mit zahlreichen Ansätzen, konkreten Tipps und anschaulichen Beispielen für einen guten Führungsstil machen sie deutlich, dass Digital Leaders in der heutigen Zeit eben auch ein hohes Maß an sozialer Kompetenz mitbringen müssen: „Ein Digital Leader führt nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe, und er pflegt eine positive Fehlerkultur.“

Im folgendem Auszug erklärt die Autorin Ines Gensinger, warum Digital Leadership nicht unbedingt eine Frage der technischen Tools ist und was agiles Arbeiten in der Praxis bedeutet:

Neues Arbeiten: Wo sich Mitarbeiter gut aufgehoben fühlen

Viele fürchten die Digitalisierung, weil sie damit Erreichbarkeit rund um die Uhr gleichsetzen: Die Mailbox ist nie lange leer. Fiepende, klickende, pingende Nachrichten­-Geräusche, vereinzelt noch Telefonanrufe. Abends um 22 Uhr, am Wochenende, immer erreichbar. Arbeitnehmer sind in der Daueranspannung. Sie können jederzeit kontaktiert werden, überall auf der Welt. Das sorgt für massiven Stress. Sagen auch Arbeitnehmervertreter, die Politik, die Gesellschaft. Die Dauererreichbarkeit ist vielen ein Dorn im Auge, das Burn­out ist quasi vorprogrammiert.

Führungskräfte haben Angst vor dem „Digitalen“, weil sie denken, sie müssten ständig führen, 24 Stunden lang, ohne Ruhe und Innehalten; die Mitarbeiter wären dann dauergestresst, weil sie nie in Ruhe gelassen würden. Ich glaube: Das zielt ordentlich daneben. Mit Digital Leadership haben diese Szenarien nichts zu tun. Ich arbeite bei Microsoft, bei einem der führenden Technologiekonzerne der Welt. Bei dem Unternehmen, das von Anfang an die Vision hatte, dass jeder mit einem PC ausgerüstet wird. Bei einem Unternehmen, das mit seiner Technologie die Organisation, die Vernetzung und die Kommunikation innerhalb von Unternehmen neu organisiert hat. Und heute jeden Menschen dazu befähigt, mehr zu erreichen.

Und doch bin ich – wie im Übrigen die meisten Führungskräfte bei uns im Haus – konsequent: Wir alle leisten viel zwischen 9 und 18 Uhr. Und dann ist es gut. Ab 18 Uhr melde ich mich nicht mehr bei meinen Mitarbeitern. Führung bedeutet für mich nicht, ständig nachzuhaken. Keiner soll seinen Arbeitsplatz mit dem unguten Gefühl verlassen, die Arbeit nicht hinter sich lassen zu können. Die Zeit nach der Arbeit steht nicht zur Disposition. Es ist eben nicht wahr, dass digitaler Wandel bedeutet: Wir sind die ganze Zeit am Gerät.

Keine Kontrollinstrumente

Auch das hat etwas mit Vertrauen zu tun. Agil zu sein heißt nicht, rund um die Uhr zu tippen. Agil zu sein heißt nicht, permanent das Tempo hochzuhalten. Agil zu sein heißt eben auch nicht, immer und jederzeit erreichbar zu sein und zu antworten. Agilität ist eine Haltung, keine Dienstverpflichtung. Stellen Sie sich doch einfach die Frage: Was habe ich als Führungskraft davon, wenn ich eine Mail um 21:47 Uhr versende und beobachte, wie lange der Mitarbeiter für eine Antwort benötigt? Wem nutzt das? Aus meiner Sicht ist das vor allem ein Kontrollinstrument – und daher ungeeignet, um heute Menschen zu führen. Es ist sicher auch Ausdruck mangelnden Respekts. Erwarte ich wirklich, dass meine Mitarbeiter rund um die Uhr auf meine Nachrichten reagieren?

Ich nicht. Dazu brauche ich im Übrigen keine Verbote und Einschränkungen von Arbeitnehmervertretungen. Es ist schlichtweg Ausdruck schlechten Führens. Und hat vor allem nichts mit Digital Leadership zu tun.

aus: „Netzwerk schlägt Hierarchie: Neue Führung im Digital Leadership“, Redline Verlag, 11. September 2017, 200 Seiten, 24,99 Euro

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