Foto: Joanna Legid

Ebow: „So etwas wie Sicherheit kenne ich nicht“

Die Musikerin Ebru Düzgün macht das Private politisch – als Einzelkünstlerin Ebow und als Teil des Kollektivs Gaddafi Gals. Eine Begegnung im Internet.

„Hallo, kannst du mich hören?” Ebow erscheint auf dem Bildschirm. Nach wochenlangem Hin und Her findet Ebru Düzgün, vor allem bekannt als Ebow und bisweilen auch unter blaqtea als Teil der Gaddafi Gals, Zeit für ein Gespräch. Natürlich im Internet.

Erst landete sie mit der ersten EP des Kollektivs Gaddafi Gals Hits, dann veröffentlichte sie ihr drittes Solo-Album „K4L“. Ja genau, das dritte, auch wenn es aufgenommen und diskutiert wurde wie ein Debüt. Und dann kamen über den vergangenen Sommer noch ein Mixtape und zuletzt im Herbst noch „Temple“, das aktuelle Album der Gaddafi Gals dazu. Da kann einem schon mal schwindelig werden.

So lange dabei, so ein breiter Output, und trotzdem diskutiert werden wie, nun ja, „Frischfleisch“ – das muss doch nerven, oder? „Ich werde oft als Newcomerin erwähnt, und ich dachte: Häh? Das ist mein drittes Album!“, erzählt die 29-Jährige. Aber dass die große Aufmerksamkeit jetzt erst kommt hat auch Vorzüge: „Dadurch, dass es mir wichtig ist, dass meine Musik politisch ist, dass sie gewisse Themen anspricht – diese Themen wirklich ehrlich oder reflektiert anzusprechen, das hätte ich mit 21 nicht machen können.“

Und politisch ist Ebru Düzgüns Musik zweifellos. „In mir steckt der Zorn meiner Oma, meiner Mama, meiner Tanten drin!“ schleudert sie Hörer*innen schon auf dem ersten Song des im Frühjahr 2019 erschienenen „K4L“, entgegen. Das ist der Soundtrack einer selbstbewussten Generation von Menschen mit Migrationsgeschichte, die diese weder verstecken, noch laufend auf sie reduziert werden möchten: „Mein Bezirk, meine Blocks / Alles ist meins, Alles ist meins“.

Hybride postmigrantische Identität

Als Ebow formuliert die in München aufgewachsene und zwischen Wien und Berlin pendelnde Ebru Düzgün eine selbstbestimmte und auch selbstverständliche hybride postmigrantische Identität, wie sie Deutschland gerade in diesen Tagen, in diesen Zeiten, aber auch insbesondere über 50 Jahre nach dem ersten Anwerbeabkommen für sogenannte Gastarbeiter*innen, sehr dringend braucht.

„Im Buch ‚Eure Heimat ist unser Albtraum‘ schreibt Fatma Aydemir, dass unsere Eltern dankbar waren, weil sie hier sein durften“, erzählt Ebru Düzgün, „und wir sind‘s halt nicht, wir haben jedes Anrecht. Und ich glaube, dass sie deswegen damals den Rassismus anders ertragen haben oder beziehungsweise den Rassismus als gerechtfertigt gesehen haben und deswegen damit anders umgegangen sind.“

Aus dem Album spricht genau diese Wut darüber, immer noch als sogenannte Ausländerin wahrgenommen zu werden, auch wenn man schon seit zwei oder drei Generation hier sein Zuhause hat. Und im Fall von Ebru Düzgün gibt es eine weitere Ebene: „Ich bin auch Kurdin und Alevitin, ich habe nochmal so ganz andere Kämpfe, die ich von Kindesbeinen an hatte. Ich kenne so etwas wie Sicherheit nicht“, berichtet sie.

Eine sichere Heimat, die es nicht gibt

Ein Thema, das mit dem türkischen Einmarsch in die Region um Rojava wieder ins kollektive Gedächtnis gerückt ist: „Es ist nicht so, dass ich in die Türkei gehe und mich dort safe fühle. Es gibt für mich nichts wie eine sichere Heimat, wo ich nicht diskriminiert werde. Es gibt einfach diesen Punkt nicht.“

Es gibt für mich nichts wie eine sichere Heimat, wo ich nicht diskriminiert werde.

Ebru Düzgün

Es ist wohl auch dieser Abwesenheit eines sicheren Ortes geschuldet, dass Ebru Düzgün Musik macht, die ihre ganz eigenen Räume schafft, statt sich in vorgefertigte Strukturen zu begeben. So auch auf dem Gaddafi-Gals-Album „Temple“, das allerdings wesentlich weniger explizit Politik verhandelt. Schließlich verfolgt das Projekt eine ganz andere ästhetische und konzeptuelle Richtung, bei der das Politische im Privaten bleibt. Und im ästhetischen.

Die Beats von Walter p99 Arke$tra (bürgerlich Jonas Braun) sind zerhackt, alles schwebt im Nebel und im Ungefähren. Ebru Düzgüns Raps sind hier auf Englisch, behalten aber trotzdem oder gerade erst recht ihren angenehmen Oldschool-Flow bei – und ergänzen sich wunderbar mit der hellen hohen Stimme der Sängerin Nalan Karacagil aka Slimgirl Fat. In diesem Tempel wird zu keiner Revolution ausgerufen, vielmehr betreten wir die Zukunft. Oder zumindest eine futuristische Utopie, eine postmoderne Postapokalypse, in der man sich gemütlich einrichten kann, so nach dem Weltuntergang. Warm und stachelig zugleich, düster, aber dennoch einladend.

Eine grenzenlose ästhetische Vision

Auf den Trümmern der Zivilisation besinnt sich das Kollektiv auf die wirklich wichtigen Dinge: Freund*innenschaft und Liebe. Und das alles in einem internationalen Sound, der auf 2010er-Trap und Houston-Rap der 90er-Jahre zurückgreift. Außerhalb von so transnationalen Genres wie Techno artikulieren nur wenige deutsche Künstler*innen eine so eindeutig globale und im besten Sinne grenzenlose ästhetische Vision wie die Gaddafi Gals. Kein Wunder, dass das Trio schon von der „New York Times“ gefeiert wurde.

„Ich mache hier gerade nicht etwas, was die Leute entertaining finden“, sagt Ebru Düzgün. Egal ob als Ebow oder blaqtea, ob solo oder Teil eines Kollektivs, deutsch oder englisch, privat oder politisch: Ebru Düzgün verfolgt ihr radikal eigenes Ding. Und das ist vielleicht das Beste, was Popdeutschland passieren kann.

Dieser Artikel erschien zuerst im zitty Magazin.

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