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Eine schwangere Frau um die 40 ist doch keine Gebärmaschine!

„Wir alten Mütter werden wie rohe Eier behandelt!“ – Vorsorge in der Schwangerschaft ist gut und soll mein Kind schützen, aber auch ich will mit meinen Bedürfnissen wahrgenommen werden, obwohl ich mit 40 eine Spätgebärende bin, schreibt unsere Community-Autorin Barbara.

 

Wann ist der richtige Zeitpunkt für uns?

„Aber dann passt dir doch dein Kleid nicht mehr!“ sagte mein Mann, als wir über den richtigen Zeitpunkt sprachen, ein Kind zu bekommen. Wir warteten auf unseren Termin beim Standesamt. Das Hochzeitskleid gab es schon, den Termin aber noch nicht und auch noch keine Schwangerschaft.

Sollten wir warten, nur damit ich am Tag X auch in das Brautkleid passte? Quatsch, fand ich und wir können das Kleid ja dann noch weiter machen. Mein Mann hatte andere Argumente, ich würde dann nicht ausgelassen feiern können, keinen Alkohol trinken – und überhaupt, ich wäre dann einfach nur schwanger. Damals widersprach ich ihm. Denn Kleider kann man anpassen, Tanzen geht auch mit dickem Bauch, nur eben anders, und Alkohol, naja, trinken wir eben Kinderbowle!

Ich dachte, alles wird so leicht wie beim ersten Mal

Meine erste Schwangerschaft Anfang zwanzig war sehr unkompliziert und so konnte ich mir nicht vorstellen, dass dieser körperliche Zustand mich in irgendwas behindern würde. Ich war mir sicher, meine zweite Schwangerschaft würde so leicht werden wie die erste.

Es sollte anders kommen. Und auch schwanger wurde ich nicht vor der Hochzeit. Nach dem Fest ist vor dem Fest und obwohl ich eigentlich dabei war meine Doktorarbeit fertig zu stellen, versuchten wir weiter ein Kind zu bekommen. Allerdings mit vielen Komplikationen und Verlusten, die mich am Ende in eine Kinderwunschklinik führten.

Als ich dann endlich wieder schwanger war, war ich dann doch schon fast vierzig. Die ersten paar Monate ging ich noch sowas wie „Risiken“ ein, verreiste beispielweise, um an Konferenzen teilzunehmen und Vorträge über meine Forschung zu halten. Bei einer dieser Konferenzen hatte ich geplant gemeinsam mit einer anderen Frau einen Vortrag zu halten. Die Kollegin aber entschuldigte sich, weil sie gerade nach einer Fehlgeburt wieder schwanger war und kein Risiko mehr eingehen wollte. Ich war auch schwanger, offensichtlich ein Risiko eingegangen und weil die Angst aus den vorherigen Verlusten auch bei mir jetzt mit jedem Monat größer wurde, ließ ich mich ab diesem Moment widerspruchlos auf eine medizinische Kontrollschiene pressen.

Angst, eine unvorsichtige Schwangere zu sein

Das hieß neben Untersuchungen, wie Nackenfaltenmessung, vor allem viel Ruhe. Glücklicherweise ergab die Messung keinen Verdacht und ich kam um eine Fruchtwasseruntersuchung herum. Geburtstermin war im Oktober, aber wir verreisten nicht mal mehr im Juni, geschweige denn Juli, schon gar nicht mehr im August. Wir hockten den ganzen Sommer zu Hause und starrten voller Freude auf meinen immer dicker werdenden Bauch.

Zu dieser räumlichen Immobilität gesellte sich noch eine strenge Diät. Ich hatte Angst, Salat zu essen, oder rohes Fleisch. Ich fürchtete mich vor Toxoplasmose. Auch Diabetes machte mir genauso viel Angst wie Listeriose. Sobald ich ein Stück Camembert aß, bekam ich Panikanfälle, ich könnte das Leben meines Kindes gefährdet haben. Bekam Angst, eine unvorsichtige Schwangere gewesen sein. Wenn ich ein leichtes Kribbeln in den Beinen spürte, überlegte ich, ob ich die Hebamme anrufen und nach Trombose fragen sollte.

Vor lauter Gefahren konnte ich die Schwangerschaft nicht mehr genießen

In meiner ersten Schwangerschaft, hatte ich einfach das Leben genossen. Jetzt mit fast vierzig waren soviel Gefahrenschilder an meinem Wegrand aufgestellt, dass ich nicht mal mehr die Schwangerschaft genießen konnte. Überall, in Büchern, bei der Hebamme, beim Frauenarzt, wurde mir mein Alter und meine Risikoschwangerschaft anhand von möglichen Risiken vorgehalten, wie eine Bedrohung, an der ich selbst Schuld war.

Nach meinem Zuckertest in der 25. Schwangerschaftswoche hatte ich eine leichte Blutung. Ein paar rote Tropfen  in der Unterhose lösten eine panische Reaktion bei mir aus. Ich musste sofort ins Krankenhaus. Ich wollte mein Kind um keinen Preis verlieren. Da alles in Ordnung zu sein schien, wurde mir Bettruhe bis zum Geburtstermin verschrieben. Ohne Widerspruch akzeptierte ich die Perspektive, die nächsten 15 Wochen meinen Bewegungsfreiraum auf die wenigen Meter zwischen Bett, Toilette, Dusche und Küche zu reduzieren.

Fast drei Monate war ich die Gefangene eines körperlichen Zustands, den ich selbst gewählt hatte. Und ich war glücklich. Obwohl ich meine Doktorarbeit nicht wie geplant in dieser Zeit fertig schreiben konnte, denn ich sollte nicht mehr länger als eine Stunde am Tag sitzen. Jeder neue Tag war für mich ein guter Tag, denn mit jedem weiteren Tag bekam mein ungeborenes Kind mehr Überlebenschancen. Damals hatte ich ja auch noch ein anderes Kind zu versorgen. Die traumatische Erfahrung mehrerer verlorener Schwangerschaften und die Angst, das Ungeborene einem Risiko auszusetzten, hat mich sehr vorsichtig werden lassen. Aber auch der äußere Blick auf mich, und die Klassifizierung als Spätgebärende beeinflusste mein Verhalten in der Schwangerschaft und führte dazu, dass ich mehr als vorsichtig war und zu vielen Opfern bereit. Ich spürte Freude auf mein Kind, aber ich war nicht entspannt.

Wenn die Freude der Anspannung weicht

Denn eines wollte ich mir nicht vorwerfen müssen: ich hätte das Leben des Ungeborenen gefährdet. Ich kenne mehrere Frauen, die sich  diesen Vorwurf heute machen. Eine Freundin war erst Anfang zwanzig, als sie in der sechsundzwanzigsten Woche Schmerzen bekam. Die Ärzte konnten nichts feststellen, eine Krankenschwester in der Notaufnahme machte sich sogar lustig über diese junge Erstgebärende, die für jedes Zipperlein ins Krankenhaus kam. Sie war ja keine alte Frau wie ich, keine Risikoschwangere, da würde schon alles gut gehen. Aus Frust schwamm meine Freundin am nächsten Tag einen Kilometer und wurde von der Umkleidekabine gleich in den Kreissaal gebracht. Ihr Kind wurde mit einer leichten Behinderung geboren. Vor allem junge Mütter werden in der Schwangerschaft mit gesundheitlichen Schwierigkeiten weniger ernst genommen. Wobei wir alten Mütter wie rohe Eier behandelt werden und uns folglich selbst auf die Kontrollschiene schieben.

Zwischen meiner ersten und zweiten Schwangerschaft lagen mehr als zehn Jahre. Aber wenn ich mein Verhalten bezüglich Sicherheit und Risiko in diesen beiden Schwangerschaften beurteilen sollte, würde ich sagen, sie waren Lichtjahre voneinander entfernt. Beim zweiten Mal war ich weniger selbstsicher und viel ängstlicher.

Die eigenen Negativerfahrungen, sowie das gesellschaftliche Bild auf schwangere Frauen eines bestimmten Alters, hingen an mir und zogen sich mit sich auf die bereits erwähnte Kontrollschiene. Denn es ist genau diese Schiene, die uns Frauen zu Automaten macht. Wir sind am Ende nicht mehr selbstbestimmt, sondern wir werden auf Gebärmaschinen reduziert. Das Körpergefühl meiner Freundin, die als junge Schwangere ein Risiko spürte, war gesund und richtig. Warum also sollte nicht das Körpergefühl einer älteren Schwangeren stimmen, die sich und ihr Ungeborenes gesund fühlt, der aber Untersuchungen und ein übervorsichtiges Verhalten aufgezwungen werden, die vielleicht am Ende gar nicht ihrer Situation entsprechen?

Ich war nur noch Teil einer Statistik

Es sollte auch noch Raum geben, damit die Frau ihr gesundes Körpergefühl wahrnehmen kann und nicht nur auf ein funktionelle Leistung, die des Gebärens nämlich, reduziert wird. Ich hätte mir noch eine dritte Schwangerschaft mit
vierzig plus gewünscht. Als ich vor einem Jahr in der Kinderwunschklinik war,
ging der Arzt in der Besprechung gleicht meinen Terminplan für die nächsten
Monate durch. „Im Monat nach dem Transfer wollen sie mit dem Zug nach Frankfurt fahren? Überlegen sie sich das nochmal!“ riet er mir. „Aber das ist doch nur eine Woche nach dem geplanten Transfer, vielleicht bin ich dann gar nicht schwanger?“, antwortete ich. Der Arzt schüttelte den Kopf: „Das Risiko für
Abgänge ist in der ersten Zeit besonders hoch.“

Plötzlich war ich kein Mensch mehr, keine eigenständige Frau und meine Bedürfnisse durften nicht mehr existieren. Sie wurden von dem großen Projekt des Gebärens erdrückt. Noch bevor mein Körper das kleinste bißchen Schwangerschaftshormon produzierte, war mein Alter schon ein potentielles Risiko für das ungeborene Kind. Ich war nur noch Teil einer Statistik, die es zu erreichen gilt: Die erfolgreiche Schwangerschaft nachdem Embryonentransfer mit über vierzig Jahre. Meine Persönlichkeit verschwand hinter der Zielgeraden des Gebärdens. Von meinen Bedürfnissen blieb nichts mehr als das Mittel zum Zweck.

Natürlich wollte ich noch ein Kind, aber alles anderen doch auch? Oder nicht? Ich verließ fluchtartig die Kinderwunschpraxis und kehrte nicht wieder zurück. Mir bleibt ein Gefühl von Schuld und Reue. Die von unserer früheren Behandlung übrig gebliebenen Embryonen habe ich nicht mal abgeholt, nicht mal versucht ein Kind zu bekommen, aus Angst, dem Druck nicht gewachsen zu sein. Dem eigenen, und auch dem der Gesellschaft. Denn diese Gesellschaft erwartet von mir, meine eigenen Projekte und meine Exitenz in den Hintergrund zu stellen, um Mutter eines gesunden Kindes zu werden, im Gegenzug aber bekomme ich für diese Zeit nichts, außer ein paar Monate Elterngeld. In meinem Lebenslauf kann ich kein Wort von der Zeit schreiben, die ich als Gebärmaschine im Bett oder auf dem Sofa verbrachte. Und das können bei mehreren Kinder schnell ein Jahr werden. Aber für die Leidensfähigkeit von uns Müttern gibt es keine gesellschaftliche Anerkennung. Leider.

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