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Lagebericht aus dem Stellvertreterkrieg: die Erfahrungen einer Mutter auf dem Spielplatz

Der Sandkasten ist einer der härtestes Kampfplätze unserer Gesellschaft – dank der Eltern. Unsere Kolumnistin Nathalie Weidenfeld schreibt dieses Mal über die Rolle von Spielplatz-Müttern.

 

Einhorn vs. Jediritter

Ich habe einen Sohn. Er heißt Leon und geht in den Kindergarten. Ein großartiger Kindergarten. Wir legen viel Wert auf biologisch-dynamisches Essen, korrekte Umgangsformen und halten regelmäßig Treffen ab, in denen wir immer wieder bekräftigen, dass wir Gewalt entschieden ablehnen und gegen jegliche Art von ideologischen Voreingenommenheiten im Bezug auf Minderheiten und Geschlecht sind.

Leon hat eine Freundin, Mila. Manchmal spielen Leon und Mila nach dem Kindergarten auf der Wiese vor dem Kindergarten miteinander. Sie schaukeln und teilen ihr Pausenbrot auf einer Parkbank. Milas Mutter und ich blicken dann immer versonnen auf unsere Kinder. „Wie schön”, denken wir dann immer, „dass die Kinder in einer von uns so ideologiefrei gestalteten Zone aufwachsen können, die es ihnen erlaubt, ganz unbeschwert miteinander zu spielen.”

Heute aber kommt Lisa hinzu. Lisa will auch mit Mila spielen.

„Tut mir leid, Leon“, sagt Mila, „du darfst nicht mit uns spielen.“

Leon sieht Mila mit geweiteten Augen an: „Warum denn nicht?“

„Weil wir jetzt Einhorn fangen spielen wollen, deshalb!“, sagt Mila. 

„Ich will auch Einhorn fangen spielen.“, sagt Leon.

„Das geht nicht“, sagt Lina entscheiden, „Einhorn fangen ist nur was für Mädchen.“

„Dann spielen wir halt Polizist. Oder Star Wars.“

Lina rollt mit den Augen: „Star Wars ist blöd!“

„Ja, Star Wars ist blöd!“, sagt Mila. „Und Polizist auch!“

„Ich will aber mitspielen!“, sagt Leon.

„Nein!“, sagt Lina.

Leon stampft mit dem Fuß auf: „Das ist gemein!“, sagt er.

Jetzt mischt sich Lisas Mutter ein: „Mila hat ihre Entscheidung getroffen. Und die musst du respektieren, Leon. Nein heißt nein.“

„So ein Unsinn …“, murmle ich.  

„Wie bitte?“, fragt eine spitze Stimme hinter mir. Es ist die Stimme von Milas Mutter. Ich drehe mich zu ihr um: „Können Sie mir sagen, warum mein Sohn nicht Einhorn spielen darf?“, sage ich.

„Alles was ich weiß ist, dass Männer gar nicht früh genug damit anfangen können zu lernen, weibliche Wünsche und Entscheidungen zu respektieren!“, sagt Milas Mutter.

„Genau!“, sagt Linas Mutter. „Alles andere wäre ein Eindringen in die weibliche Sphäre!”

„Die weibliche Sphäre? Welche weibliche Sphäre?“, sage ich. „Das hier ist ein Park!“

„Jetzt ist er aber gerade ein Einhornspielplatz!“

„Ist er nicht!“, sage ich.

„Ist er doch!“, sagt Milas Mutter.

„Er kann genauso gut ein Star Wars Park sein!“

Linas Mutter rollt mit den Augen: „Star Wars ist blöd.“, sagt sie.

„Star Wars gehört zur Kulturgeschichte des Westens“, sage ich. „Es ist eine zeitgenössische Odyssee.“

„Star Wars ist ein primitives Weltraumsspektakel für kleine Jungs, die denken, dass es cool ist Feuerwaffen zu haben.“

„Dafür hat das Einhorn einen Phallus auf dem Kopf!“

„Na und?“

„Damit steht es symbolisch für den Mann, der domestiziert und kontrolliert werden soll!“

Milas Mutter sieht kopfschüttelnd zu Linas Mutter: „Typisch Jungsmutter!“, sagt sie verächtlich.

„Typisch Mädchenmutter!“, belle ich zurück.

Weitere Jungs-Mütter tauchen nun von rechts auf: „Wir haben es satt, dass eure zickigen Mädchen unsere armen Jungs immer nur domestizieren und kontrollieren wollen!“ Wir schreien: „Nieder mit der Diskriminierung!“ Und: „Es lebe Star Wars!“

Die Mädchenmütter haben sich in einer Reihe formiert: „Und wir haben es satt, dass eure aggressiven Jungs unsere Mädchen immer nur dominieren wollen!“

Jetzt kommen sie geschlossen auf uns zu. Sie wedeln mit rosafarbenen Zauberstäben und bewerfen uns mit Feenglitzer. Wir zücken grüne Laserschwerter und feuern mit unseren Phaserpistolen. Wir schreien „Bumbumm!“, und: „Pengpeng!“

Irgendwann rückt die Polizei an. Wasserwerfer werden eingesetzt. Die Presse kommt und berichtet vor Ort von einem maskulinistischem Aufstand in der Cosimastrasse. Leon zupft mich am Arm: „Könnte ihr bitte mal mit dem Lärm aufhören“, sagt er, „die Einhörner wollen schlafen.”

Ich sehe zu Leon. Er steht da, Hand in Hand mit Lina und Mila. Sie haben ein Einhornhaus gebastelt. Die Einhörner stehen neben ein paar Jedi Rittern. Darth Vader steht vor dem Haus und lächelt. 

Die Mächenmütter und die Jungsmütter verlassen das Territorium. Ich, Milas und Linas Mutter werfen hastig die Laserschwerter und die Feenstäbe ins Gras. Wir blicken versonnen auf unsere Kinder. Wie schön, dass sie in einer von uns so ideologiefrei gestalteten Zone aufwachsen können, die es ihnen erlaubt ganz unbeschwert miteinander zu spielen.

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