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Die Männer fürs Dinner, die Mädels für die Drinks

Wir haben ein Problem in der Internetszene: Das Frauenbild ist schief. Die Escortfrauen auf der Noah-Konferenz haben das diese Woche wieder eindrucksvoll gezeigt. Es muss sich etwas ändern.

 

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Wo sind all die Frauen hin

Solange ich in der Startupszene arbeite, solange kenne ich das Bild, dass auf den meisten Konferenzen fast nur Männer sind. Bestimmt war ich mittlerweile auf 50 Konferenzen in der Szene und es gilt eine einfache Regel: Um so höher die Ticketpreise und umso stärker der Fokus auf Later-Stage-Firmen liegt, umso weniger Frauen sind auf der Bühne und im Publikum. 

Viele Konferenzveranstalter machen es sich zu einfach. Denn es gibt immer mehr Frauen, die die Bühnen bereichern. Ich persönlich halte rein gar nichts von zwanghaften 50/50 Prozent Forderungen, denn die Szene ist tatsächlich mehrheitlich männlich, aber 25 Prozent Frauenanteil lassen sich locker erreichen und gehören für eine gute Konferenz dazu. Und das sowohl auf der Bühne als auch im Publikum – und dann gerne auch auf der Party. Es muss sich etwas ändern. Wie man mehr weibliche Speaker gewinnt, habe ich letztens schon aufgeschrieben

Wohin der Blick reicht: Männer

Habe ich mich als Frau auf den Konferenzen unwohl gefühlt? Nein. Im Gegenteil. Mit mir wurde weder offensiv geflirtet, noch hatte ich das Gefühl nicht dazu zu gehören, auch gesprochen haben wir recht häufig, auch auf der Noah 2016. Und wir wurden von den Noah-Veranstaltern sehr fair und absolut nett behandelt. Das will ich unterstreichen. 

Ich fühlte mich wohl. Zumindest tagsüber.

Als ich 2011 auf meiner ersten Noah-Konferenz in London war, habe ich mich
Abends dann doch gewundert, woher all die Frauen in High Heels kommen. Eine
von ihnen sprach ich an, komplett freudig und naiv. Sie sagte mir, sie suche reiche Männer. Daraufhin zog ich auf der Party mein Badge wieder an. Das Phänomen von Escortfrauen auf Konferenzen hatte ich dann irgendwie nach London verortet. 

Nun wiederholt sich das gleiche in Berlin. Die Veranstalter haben laut offiziellen Statements nichts davon gewusst und distanzieren sich deutlich, alles eine Aktion der Berliner Escort-App Ohlala, die eine Gründerin hat. Dies bestätige Noah-Veranstalter Marco Rodzynek auch gegenüber EDITION F. Zudem sagte er deutlich, er wolle sich künftig für eine bessere Quote und weitere Maßnahmen einsetzen. Damit macht man es sich jedoch etwas leicht, vor allem, wenn es nicht zum ersten Mal so war.

Ich persönlich habe nichts gegen Escorts. Eine ganz komische Idee ist es aber, sie für so ein Event einzuladen – wer auch immer diese hatte. Zahlreiche Artikel sind dazu schon erschienen. 

Vor allem als Gründerin fühlt sich das unmöglich an, egal woher die Escorts kommen. Irgendwie sind sie ja reingekommen. Du willst Männern auf einer Konferenz auf Augenhöhe begegnen, bist sogar selbst Speakerin und dann sowas. Mir ist egal, was jeder in seiner Freizeit macht. Solange die Frauen nicht gezwungen werden. Aber ich finde sowas auf einer Konferenz deplatziert, egal wer die Idee dazu hatte, wer sich das gewünscht oder wer den Service dann tatsächlich genutzt hat. Lasst das, das habt ihr doch gar nicht nötig. Ich denke, am Ende muss sich da jeder an die eigene Nase packen: Die Gründerin der App, die Veranstalter und irgendwie auch wir Gäste. Ich finde einfach, dass sowas besprochen werden muss und sich ganz klar nicht wiederholen sollte.

Aber klar, all die Veranstalter von Konferenzen, Dinnern und Networking-Gelegenheiten in der Internetszene haben dieses „Problem“. Noch immer gründen überwiegend Männer in der Szene und es sind meistens Männer die Geschäftsführer sind sowie C-Level-Postionen besetzen. Und diese bleiben dann überwiegend unter sich. Und wir alle finden wohl Partys lustiger, auf denen Männer und Frauen sind. Und auch bei einem Echo oder Filmpreis kommen danach auf die Party noch Gäste, die nicht bei dem Award dabei sein durften. 

Ich glaube sogar, was in anderen Branchen läuft, geht weit darüber hinaus. Wir kennen ja alle die Ausflüge von Versicherungen oder Bonusreisen ins Ausland. Und trotzdem geht es so nicht. 

In meiner kompletten Naivität war ich von der folgenden Geschichte, die nicht aus der Startupszene kommt, sehr geschockt: Ein Freund erzählte mir, er war auf Geschäftsreise in China, alle Männer aus dem Geschäftsmeeting setzen sich in eine Stuhlreihe im Hotel auf und dann ging im Minutentakt die Tür auf, Frauen stellten sich in einer Reihe auf und tanzten. Jeder konnte eine Wahl treffen. Solange, bis jeder eine hatte, die er wollte – und so lange kamen neue Frauen in den Raum. 

Als ich die Geschichte hörte, war ich baff. Trotzdem stimmt auch hier bei uns lange nicht alles. 

Die Männer fürs Dinner, die Mädels für die Drinks

Ich kenne ich die Masche aus der Startupszene zu sagen: die Männer fürs Dinner, die Mädels für die Drinks. 

Einmal wurde ich per SMS von einem Mann aus der Startupszene gefragt: 

Liebe Damen der Internetindustrie, 

ich habe gerade von xxx erfahren, dass ich noch nette Gründerinnen und Redakteurinnen aus der Branche mit zum Get Together/After Dinner Event
mitnehmen kann. Heute ab ca. 21:15 Uhr im Hotel xxx. Wer kommt spontan mit? Ist auch eine nette Gelegenheit zum Wiedersehen mit mir, wie ich
finde. 

Liebe Grüße, xx

Ich hätte kotzen können. Ich schrieb zurück, „Ich will nie wieder so eine SMS bekommen. Ich komme grundsätzlich nicht, wenn nur Frauen gefragt sind. Entweder ihr ladet die Frauen zum Dinner ein, oder ihr müsst auch danach alleine bleiben.“

Die Antwort kam prompt:

„Soso. Aber es wurde immerhin gezielt nach Branchen-Leuten und nicht
nur irgendwelchen Mädels gefragt.“

Das hat mich wahnsinnig aufgeregt und so machte ich daraufhin diesen Posts bei Facebook, der mir noch immer aus dem Herzen spricht: 

„Spart Euch doch die Einladungen an Frauen aus der Szene für die Drinks danach. Das habt Ihr doch gar nicht nötig. Ladet die Frauen künftig einfach zum Essen direkt ein, oder bespaßt Euch auch danach allein. Danke.“ 

Es muss sich noch immer viel bewegen. Und egal, wer davon nun alles wusste oder wer den Service genutzt hat, ich finde, dass die Leute sowas verdammt noch mal privat machen sollten. 

Wenn sich diese Dinge wiederholen, entwickelt sich die Startupszene nie so, wie sie es könnte. Also lasst uns alle verdammt noch mal etwas mehr bemühen, um die Startupszene zu öffnen, Konferenzen richtig gut und Partys wirklich lustig zu machen. Das haben wir doch gar nicht nötig.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

Dieser Artikel kann der Start sein, zu einer intensiven Recherche zum Frauenbild in der Internetszene. Liebe Gründerinnen und Gründer, liebe VCs und alle sonst – wir brauchen eure Erfahrungen und Berichte, lasst uns bitte wissen, wenn ihr etwas zu sagen habt. 

Wenn ihr etwas zu berichten habt, schreibt uns eine Mail an editorial@editionf.com, unsere Redaktionsleiterin Teresa plant eine größere Geschichte. 

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