Foto: Primavera

„Ethische Standards sind keine Wachstumsbremse“

Ute Leube ist Pionierin der Aromatherapie und damit seit über 25 Jahren selbstständig. Einmal stand ihr Unternehmen kurz vor der Insolvenz, nun wächst es.

 

Mittelständlerin im Allgäu

Aus der Leidenschaft für ätherische Öle heraus hat Ute Leube 1986 Primavera gegründet. Ihr Unternehmen, das Aromaöle und Naturkosmetik herstellt und in über 30 Ländern vertreibt, beschäftigt mittlerweile über 180 Mitarbeiter. Die ersten Schritte machte Leubes Firma in einem sechs Quadratmeter großen Arbeitszimmer, wo sie gemeinsam mit einer Freundin Öle aus Frankreich abfüllte und zunächst nur im Freundeskreis verkaufte. Inmitten der Hügel des Allgäus steht jetzt sogar ein eigenes Firmengebäude. Wir haben mit Ute Leube über ihre Unternehmensphilosophie gesprochen.

Das Unternehmertum haben Sie sich selbst beigebracht. Wie kam es dazu?

„Über Unternehmertum, was es bedeutet und seine Anforderungen habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich war nur begeistert von ätherischen Ölen und den Möglichkeiten der Aromatherapie. Es gab auch keinen Plan, eine Firma aufzubauen, sondern nur den Wunsch, gute Ölqualitäten an Freunde und Familie weitergeben zu können.“

Was war ihre erste große strategische Geschäftsentscheidung?

„Die Belieferung eines Naturkost-Großhändlers, der auch heute noch zu unseren wichtigsten Geschäftspartnern gehört.“

Sie standen einmal kurz vor der Insolvenz. Wie haben Sie die Krise bewältigt?

„Mit dem Wunsch unserer Mitarbeiter, Produzenten und Freunde, diese Firma am Leben zu halten. Dazu eine große Portion Vertrauen, sowie Unterstützung und Verständnis unserer Geschäftspartner und Mitarbeiter und die Verpfändung aller Sicherheiten, die uns zur Verfügung standen.“

Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie Ihr Portfolio weiterentwickelt?

„Wir wollten und wollen Produkte machen, die einen Mehrwert bieten, Lebensqualität steigern, heilsam für Mensch und Natur sind.“

Naturkosmetik kommt mehr und mehr im Mainstream an. Auch Drogerieketten bieten eigene Produktlinien an, die günstig sind. Wie bleiben Sie wettbewerbsfähig?

„Es gibt Naturkosmetik für jeden Geldbeutel. So wie man Olivenöl für zwei Euro oder 40 Euro kaufen kann, findet man auch eine natürliche Gesichtscreme für drei Euro oder ein Vielfaches davon. Bei Olivenöl schmeckt man den Unterschied sofort, bei einer Creme wird die Wirksamkeit nach einer Weile der Anwendung sichtbar oder nicht. Es gibt große Unterschiede in der Qualität. Naturkosmetik heißt nicht automatisch auch Inhaltsstoffe aus biologischem Anbau oder Öle aus Erstpressung.“

Was zeichnet eine Führungskraft in einem mittelständischen Betrieb aus?

„Ich weiß nicht, ob es für alle Bereiche und jede Betriebsgröße gilt, aber in unserem Fall sind es eine Vision, die Liebe zum Produkt und zu den Mitarbeitern, eine gehörige Portion Flexibilität, eine gewisse Zähigkeit und ganz gewiss ‚breite Schultern‘.“

In Ihrer Unternehmensphilosophie sprechen Sie von „liebevoller Fürsorge und Verantwortung für Mensch und Natur“. Wie spiegelt sich das in den Beziehungen zu Mitarbeitern wieder?

„Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind unser größtes Gut. Wir finden gegenseitigen Respekt, Vertrauen, Anerkennung essentiell und üben uns darin. Das ist ein unaufhörlicher Lernprozess für alle Beteiligten.“

Erlernen die Mitarbeiter die Philosophie bei Ihnen, oder bewerben sich bei Ihnen eher Menschen, die Ihre Werte schon teilen?

„Sowohl als auch. Es interessieren sich Menschen für uns, die unseren Anspruch attraktiv finden oder selbst leben. Aber jeder ist an einem anderen Punkt und hat bestimmte Lernthemen, die er in die Gruppe trägt. Es ist eine permanente Entwicklung und spannend zu sehen, wie jede dazukommende oder uns verlassende Person den Prozess verändert. Vor 24 Jahren haben wir unsere Firmenphilosophie mit allen damaligen 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erarbeitet und formuliert. Vor fünf Jahren waren wir etwa 150 und haben zusammen überlegt, ob die acht Leitsätze gelebt werden und wo wir anpassen oder verändern müssen. Es gab kleine, wichtige Aktualisierungen und vielleicht müssen wir diese Überprüfung in ein paar Jahren alle zusammen wiederholen. Unsere Philosophie ist der rote Faden für alle Entscheidungen und deshalb sehr wichtig.“

Sie haben im vergangenen Jahr die Geschäftsleitung nach 28 Jahren verlassen und sind in den Beirat gewechselt. Lässt sich die Business-Seite nur schwierig mit der Leidenschaft, auf der das Unternehmen gründet, verbinden?

„Nein, wenn die Vision klar ist. Natürlich muss das Unternehmen gesund sein und das Firmenwohl an oberster Stelle stehen. Aber unsere Triebfeder ist nicht die Gewinnoptimierung, sondern das sinnvolle Tun. Wir machen keine Kompromisse bei der Qualität und achten darauf, dass wir der Natur zurückgeben und nicht nur nehmen.“

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit ihren Handelspartnern?

„Partnerschaftlich. Auch hier muss Geben und Nehmen in Balance sein.“

Wie schwierig ist es, Produkte herzustellen, die hohen biologischen Standards entsprechen und tierversuchsfrei sind, während man gleichzeitig unter Preisdruck steht?

„Unsere Produkte sind ihren Preis wert. Das wissen unsere Kunden. Wir sind keine Marke für den Massenmarkt und einen Preiskampf.“

Erreicht ein Unternehmen irgendwann eine Wachstumsgrenze, wenn man sich klar an ethischen Standards orientiert?

„Ich kann es mir nicht vorstellen. Knappe Ressourcen könnten eine Wachstumsgrenze sein, aber ethische Standards sind keine Bremsen.“

Wie prägt das Ihr Verständnis von Erfolg?

„Erfolg messe ich am Glücksfaktor, an gelungenen Aktivitäten, an zufriedenen Kunden, am Wahrwerden von Träumen. Als wir vor 28 Jahren mit unseren hochwertigen Ölen begannen, wurden wir als esotherische Spinner belächelt. Heute ist die Nachfrage nach natürlichen Rohstoffen enorm groß, Bio ist selbstverständlich und unsere Öle werden in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen eingesetzt. Das ist für mich Erfolg.“

Ätherische Öle werden also auch in der Medizin eingesetzt?

„Aromatherapie ist heute aus Pflegeeinrichtungen nicht mehr wegzudenken. Immer mehr Krankenhäuser werben mit Aromatherapie. Ich bin sicher, dass ätherische Öle erst am Anfang ihrer medizinischen Karriere stehen. Krankenhäuser sind bereits jetzt ein Geschäftsfeld für uns. Zum Beispiel. sind resistente Keime ein großes Problem und Antibiotika kommen an ihre Grenzen. Ätherische Öle werden hier zur wirksamen Alternative. Es gibt inzwischen Dokumentationen zu aromatherapeutischen Erfolgen und die Wissenschaft bestätigt zunehmend das empirische Wissen, mit dem Kundige seit Jahrhunderten heilsam tätig sind.“

Welche drei ätherischen Öle und ihre Wirkung sollte man kennen?

„Ich gehe nicht ohne Lavendel- und Pfefferminzöl aus dem Haus, weil sie fast alle Probleme lösen können. Das dritte Öl sollte glücklich machen, und das ist heute Orange oder Neroli und ein anderes Mal Zeder.“

 

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