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Wenn Frauen die Scheidung wollen, werden sie automatisch zur Rabenmutter

Wenn Männer sich nach einer Trennung weiterhin zu 50 Prozent um ihre Kinder kümmern, sind sie Helden. Wenn Frauen sich ebenso verhalten, dann sind sie Rabenmütter. Zumindest fühlen sie sich oft so.

 

Teilzeitmutter = Rabenmutter?

Immer mehr Menschen lassen sich scheiden, aus Tausenden von Gründen. Einer davon kann das Ende der Liebe oder der Neuanfang mit einem anderen Partner sein. Was auch immer der Auslöser ist, es steht außer Frage, dass es niemandem leicht fällt seine Familie zu verlassen. Und doch fühlen Frauen häufig einen noch schwereren Vorwurf auf sich lasten, wenn sie es sind, die eine Ehe beenden wollen und ihren Kindern diese Situation zumuten.

Zumindest fühlt Lisa Frieda Cossham so. Als die böse Frau, die ihren Ehemann und damit gleichwohl ihre Töchter für einen Jüngeren verlässt. Sie fühlt sich wie eine „Rabenmutter“, obwohl sie sich die Zeit mit ihren Töchtern, mit ihrem Ex-Mann genau zu 50 Prozent teilt. Und ist das nicht genau der Sinn des geteilten Sorgerechts? Dass beide Elternteile den Alltag der Kinder miterleben und nicht die Hauptverantwortung auf einem lastet, während der andere, jedes zweite Wochenende und mal eine Woche in den Ferien die Kinder bei sich hat.

Anscheinend sehen das viele anders, denn mit ihrer Kolumne zum Thema hat Cossham, jedes mal aufs Neue, für eine Kontroverse gesorgt – viele hielten sie für eine schlechte Mutter und ihren Mann für einen Helden. Trotzdem schafft sie es, in ihrem Buch „Plötzlich Rabenmutter?“ ihre persönliche Situation zu reflektieren, dabei aber niemals, den Zeigefinger gegenüber der Meinung anderer zu erheben.

Hier haben wir für euch einen Ausschnitt aus ihrem Buch bereitgestellt:

Zwei Zimmer, zwei Zuhause: wie fühlt sich das an?

Als ich ein Kind war, hatte ich ein Zuhause, eine feste Residenz. Bis ich 14 Jahre alt war, habe ich bei meinem Vater gelebt. In dieser Zeit habe ich meine Mutter nur besucht und dabei in frisch bezogenen Betten geschlafen, in provisorisch hergerichteten Ecken. Ich wurde liebevoll empfangen, die Arme meiner Mutter hielten mich. Ankommen bedeutete, sie zu riechen, in ihrer Nähe zu sein. 

Bei meinem Vater hatte ich ein eigenes Zimmer, das ich gestaltet hatte und regelmäßig aufräumen musste. Ich erinnere mich an die geblümten Vorhänge vor meinem Fenster. Ich stand oft am Schlitz zwischen den Bahnen und habe rausgeguckt. Durch das Fenster habe ich die Nachbarskinder beobachtet, die nicht nur Brausepulver essen, sondern auch länger wach bleiben durften als ich. Ich habe mich nach ihrem Garten gesehnt, ein vertrautes Sommergefühl. 

Meine Töchter habe ich lange nicht mehr so stehen sehen. Ich kann mich nicht erinnern, sie beim Sehnen ertappt zu haben, und weiß nicht, ob sie den Ausblick aus ihren Fenstern zeichnen könnten. Wissen sie, wie die Schatten wandern? Wie die Schritte unserer Nachbarin klingen? Monate nach unserem Einzug wirken ihre Zimmer immer noch gästetauglich. Bett, Tisch, Schrank. Ein Bild von Rotkäppchen, Relikt aus ihrer Kleinkindzeit, ein schiefes UrlaubsfotoBücher, der Rest ließe sich schnell weg- und aufräumen. Sind Martha und Louise überhaupt angekommen? Und wie fühlt es sich an, zwei Kinderzimmer zu haben? Ist eines gemütlicher als das andere?

Zuhausegefühl

Ich frage sie. Martha sagt, es sei wie mit einem Ferienhaus, das sie gut kenne. Das vertraut sei, das sie aber wieder verlasse. Bei dir kann ich besser einschlafen, beim Papa malen. Basteln und rumräumen. Es ist meinen Töchtern wichtig, dass ich nichts verändere. Wäscheständer stellen sie sofort in den Flur. Bügelwäsche legen sie auf mein Bett. Sie verteidigen ihren Bereich. Aber sie spannen keine Schnüre, bauen sich nichts, benutzen nur. Kaum haben sie sich eingelebt, ziehen sie weiter, es ist ein Wohnen auf Zeit. 

Zum Zuhausegefühl gehöre, dass man gute und schlechte Zeiten erlebe, mal krank sein und sich auskurieren dürfe, schreibt die Familierechtlerin Hildegund Sünderhauf. Im Wechselmodell sollte das für beide Haushalte gelten: Erst wenn das Kind nicht mehr an einen anderen Ort zurückgebracht, heimgefahren werden müsse, sei es dort, wo es hingehöre. Ich stimme ihr zu, ein Zuhause ist auf gewisse Weise unausweichlich, ein Ort, vor dem man nicht davonläuft, wenn es anstrengend wird, an dem man Zeit vergeuden und träumen kann. Der einen schützt vor äußeren Einflüssen, an dem man ab und an länger verschwindet, bis man entscheidet, doch aufzustehen, sich zu waschen und anzuziehen. Aber auch wenn sich Martha und Louise manchmal langweilen, bin ich mir nicht sicher, ob sie in zwei Haushalten die Ruhe finden, die eine feste Residenz verspräche. Soweit ich mich erinnern kann, lagen sie in der Pfeiffer’schen Wohnung keinen einzigen Tag von morgens bis abends im Bett. Kein Fieber bisher, nur mal ein leichter Schnupfen. Unsere drei Zimmer waren noch nie eine Insel, die Stadt da draußen nicht wirklich fern.

Fremde ist verhandelbar

Ob sie später Vielflieger sein werden, Hoteljunkies? Menschen, die schnell packen, nicht viel brauchen? Mir reicht es, meine Sachen auf dem Bett abzulegen, um anzukommen, sagt Martha, egal wo. Sie fremdelt nicht, die Fremde ist verhandelbar – und die Heimat? Ich muss daran denken, wie gemütlich räumliche Langeweile sein kann, wie aufregend der Impuls, eine Kommode umzustellen, den Tisch zu verrücken oder die Wände in einer neuen Farbe zu streichen. Ein Gefühl, das meine Kinder nicht kennen: Die Dinge sind noch nicht lange genug das gewesen, was sie sind, bevor sie sich verändern.

In unserem ersten Jahr in der neuen Wohnung wirken die Kinderzimmer wie ein Provisorium, die Kisten mit Playmobil wie das Spielangebot in einem Wartezimmer, in dem nur Erwachsene sitzen. Sind Martha und Louise bei ihrem Vater, betrete ich ihre Zimmer kaum, es ergibt sich nicht. Ich kaufe ihnen Vorhänge, Rollos, und bestelle schließlich einen Teppich. Er ist geblümt und soll in Louises Zimmer liegen, sie hat ihn ausgewählt. Heimlich hoffe ich, dass sie sich einmal an ihn erinnern wird. Daran, wie er sich anfühlte. Dass es vielleicht einen Fleck, einen Schattenwurf gab, der die Blumen in Tiere verwandelte und sie seiner irgendwann überdrüssig wurde.

Lisa Frieda Cossham: „Plötzlich Rabenmutter? Wie ich meine Familie verließ und mich fragte, ich ich das darf“, blanvalet Verlag, 2017, 224 Seiten, 9,99 Euro

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