Foto: Seth Doyle

Warum Frauen sich oft nicht bewerben

Muss man 100 Prozent der Anforderungen erfüllen, um sich auf eine Stelle zu bewerben? Das glauben immer noch viele, doch es ist anders.

 

Der „Confidence Gap“

Es ist in Studien belegt, ebenso kennt man es aus dem Gespräch mit Freundinnen: Frauen bewerben sich seltener auf Stellenausschreibungen als Männer, wenn sie nicht alle Anforderungen erfüllen. „Mir fehlt die vierte Fremdsprache“, hört man dann, oder „Ich habe erst vier Jahre Berufserfahrung und nicht die geforderten fünf.“

In einem internen Report hat Hewlett-Packard herausgefunden, dass männliche Mitarbeiter sich für eine Beförderung bewerben, wenn sie 60 Prozent der Anforderungen erfüllten, Frauen bewarben sich erst, wenn sie jeden einzelnen Punkt der Stelle mit ihren Qualifikationen matchen konnten – bei 100 Prozent. Diese Zahlen sind seither breit zitiert worden, nicht zuletzt ins Sheryl Sandbergs „Lean in“, das mittlerweile zur Karriere-Standardbibel für Frauen weltweit geworden ist. Dieses Beispiel für Verhalten bei Bewerbungen wird oft als weniger Selbstbewusstsein von Frauen interpretiert, zuletzt machte der Begriff „Confidence Gap“ nach einem langen Stück im Atlantic die Runde. Seither rätseln alle – Frauen im Beruf, Vorgesetzte, Personaler, Eltern und Pädagogen – wie es gelingen könnte, Frauen und Mädchen selbstbewusster zu machen. Doch ist das tatsächlich das Problem?

Warum bewerben sich Menschen nicht?

Die Autorin Tara Sophia Mohr blieb skeptisch. In einem Beitrag für Harvard Business Review schreibt sie, dass der Glaube an ihre eigenen Fähigkeiten für sich nie ausschlaggebend gewesen ist, auf eine Bewerbung zu verzichten, und sie wollte mehr wissen. Daher hat sie über 1.000 berufstätige Frauen und Männer zu ihrem Bewerbungsverhalten befragt. Auf die Frage, warum sich jemand entschied, von vorneherein auf eine Bewerbung zu verzichten, bezog sich die Top-Antwort nicht auf das Selbstbewusstsein und den Glauben, den Job nicht erfüllen zu können.

Überwiegend antworteten die Teilnehmenden der Befragung: „Ich habe nicht geglaubt, dass sie mich anstellen würden, weil ich die Qualifikationen nicht erfüllte, und ich meine Zeit und Energie nicht auf die Bewerbung verschwenden wollte.“ 46 Prozent der Männer, die von einer Bewerbung absahen, gaben diesen Grund an, und 41 Prozent der Frauen. Eine weitere stark vertretene Antwort war außerdem, dass die Bewerber nicht die Zeit der Personalverantwortlichen verschwenden wollten, und mit Rücksicht auf sie von einer Bewerbung absahen. „Ich glaube nicht, dass ich für den Job geeignet wäre“, antworteten nur sehr wenige Befragte: Zwölf Prozent der Männer und knapp zehn Prozent der Frauen.

 

Fehlendes Wissen über Bewerbungsprozesse

Wie in den Antworten offenkundig wird, basiert eine Entscheidung gegen eine Bewerbung nicht auf zu wenig Selbstbewusstsein, sondern auf der Annahme, dass ein Anforderungsprofil in einer Ausschreibung als Mindestvoraussetzung gilt, um die erste Hürde des Bewerbungsprozesses zu nehmen. Tara Sophia Mohr interpretiert das so: „Was die Leute von einer Bewerbung zurückhielt, ist nicht eine falsche Selbstwahrnehmung, sondern eine falsche Wahrnehmung von Einstellungsprozessen.“ Ihnen fehlte also das Wissen, dass Dinge wie persönliche Kontakte, eine kreative Herangehensweise oder ein hervorragendes Motivationsschreiben, in dem die Expertise auch ohne 100 Prozent der geforderten Qualifikationen klar werden, bei dem Erfolg von Bewerbungen eine entscheidende Rolle spielen können.

Und hier kann man ansetzen, um Personen – insbesondere Frauen – dazu zu bewegen, sich häufiger zu bewerben. Fehlendes Wissen ist etwas, dass sich leichter beheben lässt als zu wenig Selbstbewusstsein. Es ist daher wichtig, mehr Wissen darüber zu vermitteln, wie Bewerbungsprozesse ablaufen. Wer sich vor Stellenausschreibungen setzt und abhakt, welche Anforderungen er erfüllt, wirft einen sehr verschulten Blick auf das Ganze und hat eine starre Vorstellung von Personalabteilungen und den Menschen, die über Einstellungen entscheiden.

Öfter mal die Regeln brechen

Wie Tara Sophia Mohr in ihren Erläuterungen zur Befragung herausstellt, hatten 78 Prozent der Gründe, die Frauen für den Verzicht auf eine Bewerbung angaben, damit zu tun, dass sie glaubten, dass Anforderungen in Stellenprofilen „echte“ Anforderungen sind sowie damit, dass sie sich eher regelkonform verhalten als Männer. Dass Frauen sich so verhalten, macht Sinn, schreibt Mohr, denn in der Tat werden Frauen in der Berufswelt häufiger an ihren Fähigkeiten auf dem Papier gemessen als ihre Kollegen. Eine McKinsey-Studie fand zum Beispiel heraus, dass Männer oft aufgrund ihres Potentials befördert oder angestellt werden, Frauen häufiger aufgrund ihrer Berufserfahrung und der Stationen, die in ihrem Lebenslauf belegt sind.

Zweitens, so Mohr, werden Mädchen kulturell stärker dazu angeleitet, Regeln zu folgen. Was sich in der Schule zunächst auszahlt, kostet sie im Beruf später Erfolg, zum Beispiel, weil sie sich nicht bewerben. Oder sie warten, bis sie gefragt werden oder glauben daran, dass sich vor allem Fleiß auszahlt. „Ich habe eine Weile gebraucht um zu verstehen, dass die Dinge, die ich in der Schule gelernt habe, mir wenig dabei nutzen, um innerhalb meiner Organisationen sichtbar und erfolgreich zu werden“, so Mohr.

Natürlich muss die Frage gestellt werden, warum das Schulsystem zum einen anders und zum anderen so nachhaltig auf Mädchen und Frauen wirkt, und wo Männer im Gegensatz dazu schon früh lernen, dass ein Spiel außerhalb der Regeln sich beruflich auszahlt. Für all diejenigen, die Schule, Ausbildung oder Studium schon hinter sich gelassen haben, ist es aber jetzt wichtig, die Regeln zu brechen – vor allem die, von denen wir nur glauben, dass sie die Regeln sind. Ein erster Schritt kann auch sein, die Regeln zu hinterfragen und auf Richtigkeit zu überprüfen.

Selbstbewusstsein schadet nicht

Ja, Menschen, die nicht 100 Prozent der Anforderungen im Stellenprofil erfüllen werden zu Bewerbungsgesprächen eingeladen. Ebenso werden sie eingestellt. Ein fehlender Studienabschluss muss kein Hindernis sein. Es gibt zahlreiche Beispiele für Karrieren von Menschen, die diesen Abschluss nicht haben – aber jede Menge anderer Fähigkeiten und Erfahrungen.

Wenn ihr das nächste Mal eine Stellenausschreibung seht und euch für den Job, der vergeben werden soll begeistern könnt und gut begründen könnt – nicht nur mit formalen Qualifikationen – warum ihr die richtige Person für die Stelle seid, bewerbt euch. Selbstbewusstsein schadet dennoch nicht: Der Job, der sich einen kleinen Tick zu groß für euch anhört, wird wahrscheinlich genau der richtige sein. Denn die spannenden Jobs sind diejenigen, die fordern und in denen man wachsen kann. Wenn ihr schon vor der Bewerbung alle beschriebenen Anforderungen erfüllt, seid ihr vermutlich eines: überqualifiziert.

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