Foto: Pawel Loj I Flickr

Mein Freund nimmt drei Wochen Elternzeit. Ich 13 Jahre

Nichts scheint so wirklich etwas zu verändern, an unserem Elternzeitverhalten. Mona Klare über die ewige Diskussion und die pure Wahrheit.

 

Elternzeit: Loslassen heißt zwei Hände frei haben

Es gibt Elterngeld. Ab Juli diesen Jahres Elterngeldplus. Sicher bald auch Elterngeldplusplus. Nichts davon – so scheint es – erleichtert die anstrengenden Diskussionen in so mancher gut funktionierenden Familie. Die Frage ist, wer das größere berufliche „Opfer“ bringt, wer gerade mehr verdient, aber auch, wie es denn finanziell in fünf Jahren aussehen könnte. Und in zehn? Da wird dann gern mal bilanziert: In Geld, Zeit, Mühe, Zukunftsvisionen oder Selbstbestimmtheit. Doch: Das Leben ist keine Bilanz.

Diskussionen darüber, wer, wann, welche Mühen und wie für den Nachwuchs aufbringt, gibt es überall: Da kämpfen zwei erwachsene Menschen, die sich grundsätzlich beide zu gleichen Teilen ums Kind kümmern wollen, kämpfen um Zeit für sich selbst, um beruflichen Status, und nicht zuletzt: um Wertschätzung.

Der andere soll doch sehen und anerkennen und vielleicht auch ein bisschen bewundern, was der jeweils andere stemmt. Und zwar jeden Tag. Das gilt für die anspruchsvolle Präsentation, die übernommene Teamleitung, den Startup-Aufbau genauso wie, die Schlaflosigkeit und all die Windeln, die Schuldiskussionen, die Gute-Nacht-Geschichte, die Mut gemacht hat…

Da ist Einsatz gefragt – von beiden Elternteilen

Der Wunsch nach Wertschätzung hört nicht auf. Nicht, wenn das Kind drei Jahre ist, auch nicht mit sechs, wenn es in die Schule kommt und schon gar nicht mit 11, wenn die Pubertät alle Erziehungsmaßnahmen ins Absurde führt oder das Kind mit 13 betrunken von einer Party abgeholt werden muss.

Nach meiner eigenen Erfahrung und im Gespräch mit vielen meiner Kundinnen als Coach – alles Mütter mit Karriere-Ambitionen – ist es immer noch die Frau, die sich mehr verantwortlich fühlt, für das Wohl der Kinder. Auch ich war jahrelang der Überzeugung, ich würde die Aufgabe der Kinderfürsorge von Natur aus einfach besser machen als der Vater. Und das bei gleichzeitigem Vorwurf, dass er eigentlich zu wenig Zeit, Einsatz, Mühe zeige.

Der Vater soll, aber wenn er es dann macht, wie er denkt, ist es falsch

Aber was tut dem Kinde wohl? Wer legt das fest? Und wer von uns hat eigentlich den Beruf des Elternteils gelernt? Oder studiert? Das Fach „Der Drang zum Kümmern – einfach mal loslassen“ fällt Frauen ungleich schwerer als Männern. Ich sage das, weil ich das Fach im Selbststudium seit 13 Jahren belege.

Meine Tochter war zehn Monate und ich mehr oder weniger alleinerziehend. Wir waren gerade nach Berlin gezogen, ich baute meine Selbstständigkeit auf – zumindest war das der Plan. Während der Vater des Kindes in einer anderen Stadt arbeitete, und nur am Wochenende kam. Ich jammerte herum, dass ich keine Zeit hätte, ich verfluchte insgeheim seine selbstverständliche und bewusste Karriere-Orientierung. Auch ich sehnte mich nach Selbstbestimmung und beruflichem Status zurück – obwohl mein Kind mein großes Glück war.

Verantwortung abgeben – aber wie? 

Wenn der Vater dann mal da war, alles übernehmen wollte für zum Beispiel einen Tag, stand ich nach zwei Stunden wieder vor der Tür. Obwohl ich es mehr als gerecht fand: Ich war unfähig, Verantwortung abzugeben. Es ging einfach nicht. Noch nicht.

Sieben Jahre später musste es gehen: Nach Jahren der beruflichen Kompromisse bekam ich die Chance auf einen wirklich attraktiven Job für ein Jahr: Richtig viel Geld, tolle Herausforderung, und nicht zuletzt eine neue, aufregende Welt. Der Preis: Leben und arbeiten in einer anderen Stadt. Mit vollem Einsatz. Ohne Kind. „Rabenmutter“ flüsterte mir vorwurfsvoll eine innere Stimme ins Ohr. Eine andere sagte: „Ist doch nur gerecht“.

Ich wollte diesen Job. Unbedingt!

Zu dieser Zeit war ich vom Vater des Kindes getrennt. Trotzdem war er immer da, fühlte sich verantwortlich. Ich bat ihn, in Ruhe darüber nachzudenken, ob er die 100-prozentige Zuständigkeit für unsere Tochter für dieses eine Jahr übernehmen könnte. Nur für dieses eine Jahr. Seine prompte Reaktion war ein Traum:  „Ja“, sagte er. „Klar“.   

Was bei mir ankam:  Der Vater wird den „Ich-bin-fürs-Kind-zuständig-Job“ ganz genau so machen wie ich: mit Anwesenheitspflicht, strukturiertem Plan und umfassender Ganztags-Organisation zur Förderung des Kindes. Alles jederzeit unter Kontrolle. Ich war stolz, es war gerecht, es fühlte sich gut an. So, wie ich mir das vorstellte. Zwei Wochen lang.

Wenn der Alltag die Verantwortung fürs Kind auffrisst

In meiner Mittagspause im neuen Job informierte er mich dann telefonisch darüber, dass er vierzehn Tage für ein Projekt nach China gehen würde. Ein toller Job sei da gerade reingekommen. Als freier Fotograf für ihn eine große Sache…tatsächlich hatte er schon alles organisiert. Ich flippte aus: Ich hätte mir so etwas niemals geleistet.

Niemals hätte ich mir als Mutter erlaubt, zwei Wochen „abzuhauen“ wie ich es nannte und einfach für die Zeit eine Rundum-Nanny zu buchen. Aber warum eigentlich nicht? Die Sorge, keine gute Mutter zu sein.

Ich kenne aus meinem persönlichen Umfeld ausschließlich liebende, gute, engagierte Mütter. Dazu ein paar – garantiert nicht repräsentative – Beispiele:

  • Eine Mutter (Juristin, aktuell in Vollzeit Mutter zweier Kinder), die ihrer Tochter (13) ungefragt Ratschläge durchs Telefon gibt, als die sich über das Essen bei der spanischen Austauschfamilie beschwert. Vielleicht wollte die Tochter aber einfach nur erzählen?
  • Eine andere, die den Doktortitel seit 20 Jahren in der Tasche hat und heute weit unter ihren Möglichkeiten halbtags einen Job macht, antwortet auf die Frage, was ihr Leben so macht, mit einem Riesenseufzer: „Wir lernen den ganzen Tag Latein!“ 
  • Eine weitere feiert ausgiebig mit anderen Müttern das persönlich erreichtes Ziel: Alle Kinder haben den Sprung aufs Gymnasium geschafft. Monatelang hatte es all ihre Lebenszeit und Nerven gekostet. Also, vor allem die der Mütter.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ein einziger Vater bei all diesen Geschichten eine Rolle spielte. Wenn einer von beiden halbtags arbeiten geht – „wenigstens das“ –  für ein bisschen Geld und für das kleine Stück berufliches Selbstbewusstsein, stellt er schnell fest: kaum Geld, magerer Status, null Weiterkommen, bei maximalem Stress durch Doppel-Belastung. So ist das bei der fleißigen Mama. Oder beim fleißigen Papa.

Gibt’s einen Weg aus dem Elternzeit-Dilemma?

Vielleicht weg von der Frage „Was ist gerecht?“ hin zu der Frage nach den eigenen Bedürfnissen: Was brauche ich, um mich wert, gut, selbstbestimmt zu fühlen. Welche von meinen Anstrengungen zeichnet mich in meinem sozialen Umfeld als gute Mutter aus. Und welche von denen braucht mein Kind tatsächlich, um selbstbewusst zu wachsen, an eigenen Erfahrungen zu lernen, sich in der Welt zu behaupten und zu einem guten Menschen zu reifen.

Die Übung heißt: Loslassen.

Auch wenn der Vater zu selten Gemüse zum Essen macht, das Kind zu lange fernsehen darf, nicht zum Aufräumen angetrieben wird und wieder nicht die Hausaufgaben kontrolliert wurden: Dafür hat das Kind kleine, geheime Geschichten erzählt, ihm wurde zugehört, es wurde gelacht und gechillt, gemeinsam hatten sie eine gute Zeit. Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen, heißt es. Oder auf Neudeutsch: Es ist gut, wenn Kinder mit den Neurosen möglichst vieler verschiedener Erwachsener groß werden.

Wenn ich nicht gerade Klienten habe, arbeite ich zur Zeit von Zuhause aus. Ich übe mich im Nicht-aufräumen, Nicht-sofort-die-Wäsche-waschen. Und nicht automatisch für das Sozialleben-aller-meiner-Lieben zuständig sein.

Meine Tochter sagte letztens zu mir: „Schön, wenn Du mal entspannt bist.“

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