Foto: Shai Levy

Wie unterscheide ich zwischen Gefühlen und egozentrischen Befindlichkeiten?

Am Arbeitsplatz weinen oder über Gefühle sprechen? Geht gar nicht, findet unsere Kolumnistin. Wir sollten uns endlich davon lösen, dem Job so viel Bedeutung beizumessen – und unsere Stimmung von anderen abhängig zu machen.

Ich möchte an dieser Stelle sofort eines klarstellen: Ich habe meinen Mond im Steinbock. Bei allen, die sich mit Astrologie auskennen, klickt es jetzt. Die wissen auch schon, was ich auf diese Frage antworten werde. Denn der Mond steht normalerweise für die Gefühlswelt im Horoskop. Steinbock ist allerdings der Inbegriff der Ratio. Seit 25 Jahren sage ich zum Beispiel den Männern, die sich für mich interessieren, dass sie nicht damit rechnen sollten, dass ich mich Hals über Kopf ihn sie verliebe. Meistens denken sie, ich will hier irgendwie die harte Alte performen und sind dann überrascht und meistens sogar heartbroken, dass ich recht hatte.

Das Maß an Kontrolle, das ich über meine Gefühle habe, ist geradezu übermenschlich. Deswegen lehne ich Gefühle im Job auch ab. Ich lehne überhaupt affektive Gefühlsausbrüche ab. So etwas passiert mir nicht. Weder im positiven noch im negativen Sinne. Es gibt nur eine Ausnahme, nämlich, wenn ich hintergangen werde. Dann raste ich wie ein richtiger Fisch mit Aszendent Löwe aus. Da kann mein Steinbock ablaufen. Das interessiert mich dann nicht mehr. Da werfe ich Klamotten aus dem Fenster, zerstöre das komplette Geschirrservice oder schreibe eine so verletzende E-Mail, das sich die jeweilige Person davon nicht mehr so schnell erholt.

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Dieser Text, meine Antwort und alle Tipps sind dementsprechend von meiner wirklich bestimmenden Charaktereigenschaft geprägt. Das ist meine erste und auch letzte Triggerwarnung, die ich ausspreche. Einfach, weil ich mit 40 Jahren lernen musste, dass nun wirklich die wenigsten Menschen meine Sicht auf Gefühle teilen. Und das ist total okay. Aber vielleicht können all jene, die im Büro ständig in Tränen ausbrechen oder sich von ihrem*ihrer Chef*in ungerecht behandelt fühlen, von meinem Blick auf die Dinge etwas mitnehmen. Meinen kontrollierten, emotionslosen Blick aufs Arbeitsleben nämlich.

„Ich finde, dass dem Broterwerb weniger Bedeutung zugemessen werden sollte. Deswegen braucht es da auch kein großes Emotionsgewitter.“

Mirna Funk

Mein Kind steht nicht in meiner Vita. Ich erwarte von meinem Job nicht die Erfüllung und von meiner Chefin kein Lob. Ich trenne mein Leben von meiner Arbeit und das habe ich schon immer so getan. Das bedeutet nicht, dass man mit mir in einer Besprechung nicht lachen kann. Lachen geht immer. Weinen, meckern, jammern, geht nie. Das liegt nicht daran, dass ich irgendein herzloser Roboter bin. Ganz im Gegenteil. Ich finde nur, dass dem Broterwerb weniger Bedeutung zugemessen werden sollte. Deswegen braucht es da auch kein großes Emotionsgewitter. 

Die Verantwortung wird nach Außen abgegeben

Menschen neigen allgemeinhin dazu, dem Außen zu viel Bedeutung beizumessen und von diesem Außen viel zu viel zu erwarten. Zum Außen gehören auch der*die Partner*in und die können schnell mal unter der Last der Erwartungen zerbrechen. Das kann auch dem Job passieren. Da dient dann das Büro mit all seinen Utensilien, wie Chef*innen, Kolleg*innen,  Stühlen und Tischen dazu, die eigenen Komplexe, denen sich eigentlich eine Psychoanalytikerin annehmen sollte, abzuarbeiten. Der hier soll mir Lob schenken, das ich nie von meinen Eltern bekommen habe. Die hier soll mir zuhören, weil das mein Ehemann zuhause nie tut. Und meine beruflichen Aufgaben sollen mich erfüllen, weil ich das nicht selbst vermag. Aus Angst vor Eigenverantwortung wird alles ans Außen wegdelegiert: Diese Leere in meinem Herzen? Muss mein Partner füllen! Diesen Schmerz in meinem Bauch? Soll der wöchentliche Meditationskurs lindern! Diesen Leerlauf in meinem Kopf? Muss mein Job auflösen!

„Was, wenn es nichts mit dem Mond, sondern mit meiner fast 20-jährigen Psychoanalyse zu tun hat, die mich lehrte, selbstverantwortlich für mein eigenes Glück zu sorgen und damit aufzuhören, dieses im Außen zu suchen.“

Mirna Funk

I don‘t know, Leute. Das ist einfach nicht mein Ansatz. Und ja, das mag an diesem ultrakrassen Mond liegen. Der krassesten Mondstellung, die jemand haben kann. Wenn ihr dran glaubt. Aber, was wenn nicht? Was, wenn es nichts mit dem Mond, sondern mit meiner fast 20-jährigen Psychoanalyse zu tun hat, die mich lehrte, selbstverantwortlich für mein eigenes Glück zu sorgen und damit aufzuhören, dieses im Außen zu suchen. Denn von dem infantilen Wunsch der*die andere (Partner*in, Freund*in, Chef*in, der Job, das System!!!) habe für mich zu sorgen, gilt es sich ein für alle Mal zu verabschieden. Ich bin kein Kind mehr, was abhängig vom Außen war und ohne dessen Hilfe nicht überlebt hätte. Ich bin jetzt eine Erwachsene, die ihr Leben, ihr Glück und auch ihr Unglück selbst in der Hand hat. Und dazu gehört auch, von diesem Außen endlich weniger zu erwarten. 

Mit den an die Realität angepassten Erwartungen geht automatisch ein etwas neutralerer und stabilerer Gefühlsausdruck einher. Würde ich mal behaupten. So als Mond im Steinbock.

Emotionen im Job. Warum wir Gefühle brauchen – auch bei der Arbeit.

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Mirna Funk, 1981 in Ostberlin geboren, studierte Philosophie und Geschichte an der Humboldt-Universität. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin und lebt in Berlin und Tel Aviv. Für den Roman „Winternähe“wurde sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis 2015 für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet. Im September 2018 produzierte der BR ihr Hörspiel „Auf einem einzigen Blatt Papier“
und im Dezember erschien ihr Kinderbuch „Wo ist Papa?“, das von der Vielfältigkeit moderner Familien erzählt.

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